Kultur : Der Dank der Dogge

Große Schwester, kleine Schwester: In Dortmund hat eine Dependance der Berliner Nationalgalerie eröffnet

Christina Tilmann

Einträchtig stehen sie nebeneinander, die beiden Schwestern Luise und Friederike. Die große legt der kleinen beschützend den Arm um die Schulter. Die berühmte Prinzessinnengruppe des Berliner Bildhauers Johann Gottfried Schadow grüßt, als Gipsabguss, den Besucher gleich am Eingang des Dortmunder Museums für Kunst und Kulturgeschichte. Ein Entrée mit Bedacht: „Die kleine Nationalgalerie“ titelt das Museum das ungewöhnliche Projekt, in dem zunächst für drei Jahre Werke der Berliner Nationalgalerie nach Dortmund verliehen werden .

Die große Geste ist der Not geschuldet. Als im Jahr 2002 die Verlängerung des Zuwendungsvertrags der Stiftung Preußischer Kulturbesitz diskutiert wurde, war das Murren der Trägerländer, vor allem Bayern und Baden-Württembergs, nicht mehr zu überhören. Selbst Nordrhein-Westfalen, mit 5,4 Millionen Euro jährlich substanziell an der Preußenstiftung beteiligt, meldete angesichts eigener knapper Kulturkassen Zweifel an, ob eine solche Bezuschussung Berlins, dem Sitz und Nutznießer der Preußenstiftung, noch zeitgemäß sei. Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann machte aus der Not eine Tugend und kündigte ein stärkeres föderales Engagement der Stiftung an. Das kleine, feine Christian-Daniel-Rauch-Museum im hessischen Bad Arolsen war 2002 eine erste solche Geste, die Leihgabe eines Großteils der umbaubedingt heimatlosen Skulpturensammlung ans Frankfurter Liebighaus eine weitere. Weitere Filialen in Celle und Höxter sind geplant.

Nun also die „Kleine Nationalgalerie“ in Dortmund. Das Museum, 1983 in eine alte, leicht jugendstilig angehauchte Stadtsparkasse eingezogen, hat sich zur Feier der Dependance-Eröffnung ein italianisierendes Entrée gegönnt, mit weißen Säulen und einem himmelblauen Oberlicht. Denn Italien und die Italiensehnsucht sind wichtige Themen, geht es doch um das 19. Jahrhundert in all seinen Facetten. Bürgertum der Goethezeit, Nazarener und Historienmaler, Alltags- und Genrekunst, Gründerzeit, Secession und Landschaftsmalerei sind einige Kapitel, in denen die rund 120 Berliner Gemälde und Skulpturen seit einer Woche in Dortmund präsentiert werden – als Ergänzung zur hauseigenen Sammlung, die selbst über eine kleine, aber beachtliche 19.-Jahrhundert-Abteilung verfügt.

Sicher, es ist hauptsächlich Depotware, aus der Kuratorin Brigitte Buberl wählen durfte, aber in den Depots in Berlin schlummern Schätze. Vor allem aber ergibt sich in Dortmund die Gelegenheit, die Anfänge der Berliner Nationalgalerie zu rekonstruieren. Die großzügige Schenkung des Bankiers und Konsuls Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, der 1861 über 260 Werke, zum größten Teil Romantiker, an König Wilhelm I. überließ, damit dieser eine Nationalgalerie gründete, ist vor Ort längst in Vergessenheit geraten. Der Geschmack der Zeit hat sich gewandelt, die Nazarener, die Werke der Düsseldorfer und Münchner Schulen sind im Depot gelandet. Heute freut man sich mehr an Menzels Realismus, am französisierenden Impressionismus eines Max Liebermann oder Max Slevogt.

Auch von Slevogt und Menzel gibt es in Dortmund allerdings kleine Pretiosen: einen Pferdekopf von Menzel zum Beispiel, als Studie für ein Historiengemälde, das Tier in Großaufnahme, mit geblähten Nüstern und aufgerissenen Augen. Und von Slevogt ein frühes, zweifelndes Selbstporträt, ein schmaler, verschatteter Künstlerkopf mit Stutzerbart. Wie reich ist Berlin, wenn solche Werke ins Depot wandern. Und wie glücklich eine Initiative, die von solchem ungenutzten Reichtum andere profitieren lässt.

Schöner, vergnüglicher, überraschender in der Dortmunder Dependance aber sind in der Tat die Depothüter, jene hemmungslos frömmelnden, romantisch verkitschten, märchenhaft mittelalterlichen Bildvisionen, mit denen sich die Maler des 19. Jahrhunderts in vermeintlich heilere Welten träumten. Da wird, bei Heinrich Karl Anton Mücke, die Hl. Katharina von Engeln auf Händen getragen, über einer verschatteten Landschaft, die an die Buchten des Mittelmeers erinnert. Die blutrünstige Semiramis greift bei Christian Köhler nach dem Schwert, Julius Schnorr von Carolsfeld dokumentiert den Abschied Siegfrieds von Kriemhild.

Doch auch der humorvolle Blick aufs Zeitgenössische fehlt keineswegs: Albrecht Adam dokumentiert, wie ein Sultan im Studio seinen Lieblingsschimmel porträtieren lässt, Albert Hertel malt eine verlotterte, trostlose Allegorie auf die zeitgenössische Kunstpflege in Berlin und Wilhelm Trübner parodiert die gängige Historienmalerei: „Ave Caeser, morituri te salutant“ heißt sein Bild, auf dem seine Dogge einen Wurstkranz auf der Nase trägt. Die Legende geht, der Künstler habe nur kurz das Studio verlassen, und als er zurückkam, habe das brave Tier in genau der gleichen Haltung ausgeharrt. Nur die Würste, die waren verschwunden.

Die Kleine Nationalgalerie. Eine Dependance der Alten Nationalgalerie Berlin in Dortmund. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastr. 3, Dortmund. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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