Kultur : Der darf das

Frauenheld, Schizo, Maniac, Freizeitmelancholiker: Jack Nicholson zum 70. Geburtstag

Jan Schulz-Ojala

Und wenn er den Tag heute vielleicht so verbringt? Er sitzt in seinem Haus am Mulholland Drive, das er in den Siebzigern für schlappe 90 000 Dollar gekauft hat, sitzt mit seinen schönsten Picassos und Dalis im Rücken und guckt auf die zwei Dutzend Glühwürmchen, die überm Flughafen ihre Warteschleifenrunden drehen. Lässt sich von McDonald’s, kleiner Luxus, einen Kingsize-Karton Chicken McNuggets kommen, futtert die weg zu drei Flaschen Budweiser, und zum Abend hin wird es richtig still. Kein Grinsen für niemanden, keine hochgezogene Augenbraue jetzt mal, und auch die Ray-Bans bleiben brav im Nachtschränkchen. So lümmelt Jack allein auf dem Sofa, in seinem Lieblingspulli, dem schwarzen mit den hellbraunen Streifen quer über die Brust, träumt sich raus durch die Panoramascheibe, und drüben bei Nachbar Warren Beatty, mein Gott, der ist gerade auch schon 70 geworden, ist wieder mal niemand zu Hause …

Neinnein, so geht das nicht. In jedem alternden Mann mag ein bisschen Mr. Schmidt stecken aus „About Schmidt“, aber doch nicht in Jack Nicholson! Also Party, naja, das ewige Rumbrüllen gegen die Musik hat er eigentlich satt, dieses „Was hast du gerade gesagt, Honey?“, aber alle, alle kommen, die Freunde und die Feinde und die Exen natürlich, mit denen er immer noch korrekt befreundet ist (sagt er jedenfalls jedem, der das drucken will), und seine fünf bis acht ehelichen sowie unehelichen Kinder sowieso, und es wird gekifft und gekokst und gesoffen, bis die Lungen- und Magenwände wackeln, und irgendwann ist die Pille namens „Mr. Midnight“ dran; die drei süßen fremden Mädchen haben sich auch schon warmgeplanscht in der Badewanne, schließlich steckt in jedem alternden Mann ein Harry Sanborn aus „Was das Herz begehrt“, jedenfalls bis zum berühmten Herzinfarkt …

Oder doch auch nicht so. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Nur: Gibt es dazwischen überhaupt eine Mitte? Zwischen Jackass the Life, den Jack Nicholson am liebsten gibt, zuletzt als Grinselümmel in der ersten Bank bei der Oscar-Gala, dem Sprücheklopfer, der jeden mit seinem wuchernden Witzegeblitzel zur gepflegten Weißglut bringt – und dem alten Knacker ganz tief da drinnen, der weiß, dass seine großen Tage vorbei sind und der das auch durchscheinen lässt bei Neumond zum Beispiel, wenn sogar Männer vom Nicholson-Schlage sentimental werden? Also, dann wenigstens eine Filmszene, in der das eine ins andere umschlägt: Jack feiert unterwegs, aber ja, es ist eine Wahnsinnsparty, und dann bringt er ausnahmsweise nur ein Mädchen mit nach Hause, eines, vor dem man ausnahmsweise auch mal schweigen kann, eine Kluge wie Holly Golightly aus „Frühstück bei Tiffany“ zum Beispiel, die einem morgens um fünf ungestraft ins Ohr nuschelt: „Filmstar sein und ein dickes, fettes Ego haben gehen angeblich Hand in Hand; dabei ist es in Wirklichkeit unbedingt notwendig, überhaupt kein Ich zu haben“ …

Ja, es ist das Stillbleiben, worauf einer wie er noch neugierig macht. Mitten in all dem Lärmen, dem Interviewgetöse, alles beiseitetun und auf die Stille hören. Auf die Sprachlosigkeit etwa, die in Nicholson gewesen sein muss, 1974, da war er 37, als ein „Time“-Reporter ihm die irrste Recherchefrucht der Recherchegeschichte erzählte, eine Geschichte über ihn selber: dass die, die Nicholson für seine Mutter gehalten hatte, tatsächlich seine Oma war und seine 17 Jahre ältere Schwester June tatsächlich seine Mutter und dass die beiden herzensguten Frauen das kleine Geheimnis bewahrt hatten bis zu ihrem Tod. Und das Irrste: „Time“ brachte zwar die geplante Nicholson-Titelgeschichte, aber ohne diese Enthüllung; „das brauchen wir nicht“, hatte der zuständige Redakteur wunderbarerweise entschieden, und so hatte Nicholson ein paar Jahre Zeit, in seiner Vergangenheit rumzuräumen, bevor er auch dafür Sprüche parat hatte …

Diese Familiengeschichte sei ein Filmstoff, sagen alle immer, und zuletzt sagte Nicholson selbst, er will sie verfilmen. Aber Nicholson sagt viel, wenn der Tag lang ist am Mulholland Drive, zuletzt etwa sagte er jedem, der es hören wollte, er würde Diane Keaton heiraten, mit der es so gut gelaufen war in „Was das Herz begehrt“, und Diane kommentierte solche Zitate gern im Stil der amüsierten alten Ehefrau. Geheiratet haben die beiden natürlich bis heute nicht (geheiratet hat Nicholson nur einmal, wenn Sie’s genau wissen wollen, mit 25, und aus der kurzen Ehe ist Jennifer hervorgegangen, mit deren bester Freundin er zwei bereits auch schon wieder halbwüchsige Kinder hat). Ach, so viel öffentlich ausgeweidete privacy, eigentlich von Anfang an, als er als wilder Botenjunge bei MGM auf Frauenjagd ging, bevor er mit eben dreißig als Very Easy Rider auf dem Soziussitz in die New-Hollywood-Geschichte reinknatterte; so viele Frauengeschichten, angefangen mit der falschen Mama und so langsam sich ausläppernd mit immer noch mal neuen love affairs …

Gut, seine Filme. Ein ganzer Stall von Borderline-Männern: Hat Nicholson also immer nur sich selbst gespielt? Nur: Wer weiß schon, wer dieser Nicholson eigentlich ist, inklusive Mr. Nicholson selber? Ein bisschen lädierte Spürnase vielleicht („Chinatown“), ein bisschen Identitätsdauertauscher („Beruf: Reporter“), dazu eine fette Prise Fake-Schizo (aus dem „Kuckucksnest“) und der durchgedrehte Autor natürlich („Shining“), der Ehemann-Killer („Wenn der Postmann zweimal klingelt“) und der schrille Menschenfeind aus „Besser geht’s nicht“ – und fertig ist der Nicholson-Cocktail. Zuletzt ist immerhin eine allerdings immer wieder von Funkelblitzen überzogene Ruhe eingekehrt, ein (Film-)Charakterfenster, das sich mal zur puren Heiterkeit öffnet und mal zur puren Melancholie. Wenn da bloß „Departed“ nicht wäre: Da hat er als Sexmaniac-Mafiaboss dem Affen wieder so viel Zucker gegeben wie seit „Wolf“ nicht mehr, Gott, wie die Zeit vergeht, schon 13 Jahre ist das her, dass er neben Michelle Pfeiffer so schamlos auf Knallcharge machte …

Aber wann ist Nicholson nicht schamlos gewesen? Der darf das. Sogar mit 70. Nur darf er, der „jede Frau gevögelt, jede Droge genommen, jeden Drink ausgetrunken“ hat, jetzt auch mal was auslassen. Zwei, drei Jungsgenerationen jeden Alters hat er mit einem Männlichkeitsbegriff versorgt, für den es bis ins Farcen-Genre offenbar ewigen Bedarf gibt, doch jetzt ist gut, oder? Die Party ist schon lange vorbei, und er weiß das. Der superclevere Schüler, der aus Angst vor Einsamkeit allen den Clown machte, der Mann, der nicht erst seit der großen Enthüllung mit 37 weiß, dass das Leben eine der irrsten Erfindungen ist: Endlich darf er leise sein. Sollen doch andere Flirrelichter da oben mal ihre Bahnen ziehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben