Kultur : Der DDR-Flash

Bei ausgiebigem Drogenkonsum kann es passieren, dass eine gewisse Zeit später, wenn man mit gar nichts Besonderem mehr rechnet, Momente des Rauschzustandes wiederkehren: ein Flash. Da ist noch irgendwie etwas im Körper, frei fluktuierend, das bei bestimmten physischen oder psychischen Reizen noch einmal eine Dynamik gewinnt, mitten in vermeintlicher Nüchternheit. In der Literatur kann man das gegenwärtig beim Thema DDR beobachten. Zwölfeinhalb Jahre nach deren Ende gibt es in diesem Bücherfrühling, passend zur Buchmesse in Leipzig, plötzlich eine Vielzahl literarischer Texte, die von der DDR handeln: "Leibhaftig" von Christa Wolf ist nur der auffälligste davon. Gleichzeitig erscheinen biografische Erinnerungen von Fritz Rudolf Fries und Sascha Anderson, in gewisser Weise auch von Hermann Kant und Volker Braun, und daneben gibt es auch schon jüngere Erinnerungen, etwa die des 1969 geborenen André Kubiczek: "Junge Talente" handelt von der Spätphase der DDR in den achtziger Jahren, die im Rückblick genauso einen Gloriolenschein bekommen kann wie die Aufbauphase der fünfziger oder die ärmelhochkrempelnde der sechziger.

Es fällt auf, dass die Inkubationszeit für autobiografische DDR-Geschichten wohl zwölf Jahre beträgt. Der Vorteil, den die DDR hat, ist der des abgeschlossenen Sammelgebiets, und sie birgt in sich einen anscheinend kostbaren Schatz an Erfahrungen und atmosphärischen Eigenheiten, Gerüchen und Farben der Seele, die nicht jeder hat und deswegen eine interessante Form von kulturellem Herrschaftswissen bereithalten kann. Je länger die DDR zurückliegt, desto literarischer werden ihre Konturen.

Christa Wolfs "Leibhaftig" ist deswegen bemerkenswert, weil der Zeitraum zwischen ihrem unmittelbar reagierenden Prosastück "Was bleibt" von 1990 und heute unverkennbar einen Reflexions- und Vergewisserungsprozess in Gang gesetzt hat. Das DDR-Bild in "Leibhaftig" ist, obwohl der Ton unverkennbar die alte Christa-Wolf-Suggestion in sich birgt, so scharf konturiert wie noch nie bei dieser Autorin. Es geht um die bittere Erkenntnis, dass dieser Staat nicht überlebensfähig war. Das unterscheidet Christa Wolf deutlich von den immergleichen, zeitlosen Mäandern Hermann Kants.

Auch Fritz Rudolf Fries brauchte ungefähr zwölf Jahre, um distanzierter und nüchterner beschreiben zu können, was die DDR für ihn ausgemacht hat: eine Kunstwelt und eine Möglichkeit der Kunst, die prekär ist, die man aber nicht mit politischen Optionen gleichsetzen darf. Fries hat dabei überhaupt nichts zu tun mit Sascha Anderson, der eben solch eine Kunstwelt offensiv für sich reklamiert. Bei Anderson dient sie vor allem dazu, falsche Entscheidungen und moralische Verfehlungen in den Hintergrund treten zu lassen - das ist etwas ganz anderes als die existenzielle Dimension, die das Ästhetische bei Fries eingenommen hat.

Eines ist klar: Was von der DDR bleiben wird, ist eine Kunstwelt. Und das ist eine Erkenntnis, für die vor allem die Literatur zuständig ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben