Kultur : Der deutsche Clyde

Jens Söring sitzt in den USA als Mörder in Haft. Zu Unrecht, behauptet er.

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Das Buch ist seine Waffe. Es ist die einzige, die der mutmaßliche Mörder Jens Söring noch hat. Seit 26 Jahren sitzt er im Gefängnis und, wie es aussieht, wird er auch hinter Gittern sterben. Der Deutsche wurde in den USA wegen Doppelmords zu lebenslänglicher Haft verurteilt, und anders als in Deutschland heißt dort lebenslänglich: bis zum Tod und keinen Tag kürzer. Söring will das nicht hinnehmen. „Ich bin unschuldig“, lautete sein letzter Satz im Prozess, „Nicht schuldig“ heißt sein Buch. Es ist Teil einer Medienoffensive: Söring betreibt einen Blog und gibt einen Newsletter heraus. Er weiß, dass Aufmerksamkeit die Leitwährung unserer Zeit ist, und will mit ihrer Hilfe seine Freiheit zurückerlangen.

Verloren hat er sie in einem Alter, in dem andere ihre Unabhängigkeit gewinnen. Mit gerade 18 Jahren beginnt Söring 1984 an der Universität von Virginia zu studieren und verliebt sich dort in die zwei Jahre ältere Unternehmertochter Elizabeth Haysom. Söring schildert sie als ebenso faszinierend wie problematisch: Sie lebt ausschweifend, nimmt Heroin, sagt, ihre Mutter habe sie sexuell missbraucht. In der Nacht zum 31. März 1985 teilt sie – so Sörings Version – ihrem Freund mit, sie habe soeben ihre Eltern umgebracht. Söring nimmt die Schuld auf sich. Angeblich will er Haysom vor der Todesstrafe bewahren und glaubt, dass er als Sohn eines Diplomaten Immunität genießt und in Deutschland mit einer milden Strafe davonkommen wird. Später widerruft er sein Geständnis, aber vergeblich. Er wird zu zwei Mal lebenslänglicher Haft verurteilt, Haysom, die behauptet, sie habe Söring lediglich zur Tat angestiftet, bekommt 90 Jahre. Bei guter Führung kann sie 2032 freikommen.

Im vergangenen Jahr hat Haysom ihre Aussage, dass Söring die Morde begangen habe, wenn auch auf ihren Wunsch hin, wiederholt. Es war das erste Mal seit dem Prozess, dass sie sich öffentlich geäußert hat. Söring dagegen hat vor dem aktuellen Buch bereits fünf Bücher in den USA und drei in Deutschland veröffentlicht, unter anderem Betrachtungen über seine Bekehrung zum Christentum. Dabei erscheint er mitunter wie ein übereifriger Werber in eigener Sache und das schadet seiner Glaubwürdigkeit. In „Nicht schuldig“ irritiert der Ton, den Söring anschlägt, und die Leichtigkeit, mit dem er ihn wechselt. Die Begegnung mit Haysom stattet er mit saftigen sexuellen Details aus („Sie wollte ,meine Hoden umschmeicheln‘, wie sie geschrieben hatte. Wie konnte ein einsamer junger Deutscher diesem Sirenengesang widerstehen?“) und betont, dass sie das „meistgesuchte Paar von Virginia“ gewesen seien. Hinter Gittern reift Söring zum Moralisten, der selbst seinem falschen Geständnis noch etwas abgewinnen kann: „Nach wie vor glaube ich an die Lektion aus der Nazizeit, die allen deutschen Kindern eingeimpft worden ist: dass es keine schlimmere Form des Mordes gibt als die des Staates an seinen eigenen Bürgern.“

Der Protest gegen die Todesstrafe und Härte der amerikanischen Justiz ist ein Leitmotiv des Buchs. Sörings Fall wird zum Gegenstand eines Stellvertreterkriegs der Rechtssysteme: Vergebung in Europa versus Vergeltung in den USA. Hätte Söring seine Auslieferung nach Deutschland durchsetzen können, wäre er heute ein freier Mann. Lebenslänglich bedeutet in Deutschland eine Haftstrafe von 17 bis 19 Jahre.

Warum eine Auslieferung nicht gestattet wurde, ist eines der spannendsten Themen des Buches. Ob Söring wirklich unschuldig ist, daran mag man Zweifel haben. Zweifelsfrei dagegen ist, dass er nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ nicht hätte verurteilt werden dürfen. Stichhaltige Beweise gegen ihn gab es kaum. Die Fingerabdrücke am Tatort stammten von Haysom, und im blutbefleckten Waschbecken lagen Haare, die Söring nicht gehörten. Die Geschworenen hielten ihn trotzdem für schuldig. Das Geständnis Sörings vor Prozessbeginn, das er dann widerrief, fiel für die Geschworenen offenbar schwerer ins Gewicht als das Fehlen der Beweise später. Psychologen nennen das den Primäreffekt – erste Informationen wirken am stärksten. Und am liebsten gibt man einmal gewonnene Überzeugungen gar nicht mehr auf: 2009 tauchten DNA-Proben auf, von denen keine zu Söring passte, 2010 meldete sich ein neuer Zeuge, der nahelegte, dass Haysom einen anderen Komplizen gehabt habe. Eine Revision des Urteils erfolgte nicht.

Das liegt auch am Einfluss der Öffentlichkeit. Sörings Prozess gehörte zu den ersten, die im Fernsehen übertragen wurden. Die Aufmerksamkeit war immens, ein grausamer Mord in der besseren Gesellschaft befriedigt die Vorlieben des Boulevards. Und noch heute ist der Fall so bekannt, dass er zum Politikum avancierte. 2010 genehmigte der demokratische Gouverneur von Virginia Sörings Auslieferung, sein republikanischer Nachfolger widerrief sie jedoch, als er ins Amt kam.

Während Söring das allgemeine Interesse in den USA also eher geschadet hat, bemüht er sich nun von seinem Gefängnis in Virginia aus um die deutsche Öffentlichkeit. Sie soll sich für seine Auslieferung einsetzen. Seine Waffe in diesem Kampf um Aufmerksamkeit, sein Buch, hat er handschriftlich auf knapp 600 Seiten verfasst. Das redigierte Manuskript schickte ihm seine Lektorin auf unzählige Briefe verteilt zu, manchmal bekam er sechs pro Tag, weil in jedem Umschlag nur vier Seiten stecken dürfen. In den Händen gehalten hat Söring das fertige Buch noch nie. Fremdsprachige Medien sind in seinem Gefängnis verboten.

Jens Söring: Nicht schuldig. Wie ich zum Opfer der US-Justiz wurde. Droemer Verlag, München 2012. 400 Seiten, 19,99 Euro

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