Kultur : Der deutsche Pollock

NICOLA KUHN

Als "Spätzünder" bezeichnete er sich einst selbst, denn erst im Jahre 1946 als Dreißigjähriger nach abgebrochenem Medizinstudium (1941 war er als Halbjude von der Universität ausgeschlossen worden) und Wehrdienst konnte er sich wieder einschreiben - diesmal an der Münchner Akademie der Bildenden Künste bei Carl Caspar für Malerei. Doch dann ging es rasant: Drei Jahre später gehörte Fred Thieler noch als Kunststudent mit Rupprecht Geiger, Fritz Winter und Julius Bissier zur Künstlergruppe ZEN, die von München aus der abstrakten Malerei in Deutschland ihren Siegeszug bereitete. In dem gebürtigen Königsberger hatte die Gruppe einen ihrer herausragenden Protagonisten gefunden, der zwar spät zu seiner eigentlichen Berufung fand, doch diese vor dem Hintergrund seiner zuvor gemachten Erfahrungen um so konsequenter vertrat. Ein Anschlußstudium 1951 bis 1953 im "Atelier 17" in Paris, der Hochburg des Tachismus, sowie Begegnungen mit Hartung, Poliakoff und Soulages bestätigten den Kunstnovizen in der einmal eingeschlagenen Richtung, der er bis zuletzt treu blieb.

Ein Maler des Unbegrenzten ist er genannt worden; die räumlichen Weiten seiner Bilder, die Großzügigkeit seiner Formate legten dies nahe. Doch bei allem Freiheitsdrang ging Thieler mit Disziplin zu Werke. Nur auf wenige Farben, vor allem Rot und Blau, beschränkte sich seine Palette, die in ihren explosiven Mischungen ein um so größeres Spektrum ermöglichten. Thieler war da Kind seiner Zeit: angeregt vom "action painting" der US-amerikanischen Maler versuchte er sich von den Fesseln gegenständlicher Motive zu lösen; gleich ihnen malte er über der Leinwand stehend in Gieß- und Spachteltechnik. Doch selbst bei dieser größtmöglichen technischen Ungebundenheit erlegte er sich Maßregeln auf: komponierte genau und ließ die verfließenden Farben sich zu energetischen Bündeln verdichten. Anders als etwa bei Jackson Pollock waren seine Gemälde auf einen inneren Zusammenhalt hin angelegt, thematisierten sie nicht die unendliche Erweiterung des Bildraumes über den Rahmen hinaus mit. Für Thieler war jedes einzelne Werk, im Grunde das Malen an sich, eine existentielle Behauptung. Gerade darin bestand auch das Besondere seines Werks, das über alle Jahrzehnte den kraftvollen Anspruch des Anfangs beibehielt und zu keiner Zeit seine Kohärenz verlor; ob in Groß- oder Kleinformat - jedes seiner Bilder mit den typischen, sternförmig verlaufenden Farbströmungen war als ein "Thieler" zu erkennen. Selbst bei den architekturbezogenen Arbeiten wie für die Kirche Heilig Geist in Emmerich blieb er dieser Gestaltung treu.

Nach dem so wichtigen Paris-Aufenthalt Anfang der fünfziger Jahre kehrte Thieler erst einmal wieder nach München zurück, um dann 1959 die Stadt endgültig für eine Berufung an die Berliner Hochschule für Bildende Künste zu verlassen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1981 blieb. Schon bald war Thieler an der Hochschule eine Institution, denn auch als Lehrer blieb er seinen Vorstellungen von künstlerischer Freiheit treu: Seine Klasse verließen nicht nur abstrakte, sondern ebenso gegenständliche Maler wie Aktions- oder Videokünstler. Ein Förderer der Kunst also im besten Sinne. Mit dieser Überzeugung hatte er 1980 bis 1983 auch die Vizepräsidentschaft der Berliner Akademie der Künste inne; auf dieser Grundlage kam auch die Stiftung des nach ihm benannten Preises zustande, der mit 30 000 Mark dotiert ist. Ansonsten war es um den Künstler stiller geworden, den in den letzten Jahren ein Schlaganfall an den Rollstuhl fesselte. Gerade drei Jahre liegt sein 80. Geburtstag zurück, zu dem ihn die Galerie Nothelfer mit einer Ausstellung und einem großen Katalog, die Berlinische Galerie mit einer Schau zumindest des Spätwerks ehrte. Damals war der Ruf nach einer größer angelegten Retrospektive laut geworden, die er nun nicht mehr erleben wird. Fred Thieler starb am Dienstag in Berlin im Alter von 83 Jahren.

Als "Spätzünder" bezeichnete er sich einst selbst, denn erst im Jahre 1946 als Dreißigjähriger nach abgebrochenem Medizinstudium (1941 war er als Halbjude von der Universität ausgeschlossen worden) und Wehrdienst konnte er sich wieder einschreiben - diesmal an der Münchner Akademie der Bildenden Künste bei Carl Caspar für Malerei. Doch dann ging es rasant: Drei Jahre später gehörte Fred Thieler noch als Kunststudent mit Rupprecht Geiger, Fritz Winter und Julius Bissier zur Künstlergruppe ZEN, die von München aus der abstrakten Malerei in Deutschland ihren Siegeszug bereitete. In dem gebürtigen Königsberger hatte die Gruppe einen ihrer herausragenden Protagonisten gefunden, der zwar spät zu seiner eigentlichen Berufung fand, doch diese vor dem Hintergrund seiner zuvor gemachten Erfahrungen um so konsequenter vertrat. Ein Anschlußstudium 1951 bis 1953 im "Atelier 17" in Paris, der Hochburg des Tachismus, sowie Begegnungen mit Hartung, Poliakoff und Soulages bestätigten den Kunstnovizen in der einmal eingeschlagenen Richtung, der er bis zuletzt treu blieb.

Ein Maler des Unbegrenzten ist er genannt worden; die räumlichen Weiten seiner Bilder, die Großzügigkeit seiner Formate legten dies nahe. Doch bei allem Freiheitsdrang ging Thieler mit Disziplin zu Werke. Nur auf wenige Farben, vor allem Rot und Blau, beschränkte sich seine Palette, die in ihren explosiven Mischungen ein um so größeres Spektrum ermöglichten. Thieler war da Kind seiner Zeit: angeregt vom "action painting" der US-amerikanischen Maler versuchte er sich von den Fesseln gegenständlicher Motive zu lösen; gleich ihnen malte er über der Leinwand stehend in Gieß- und Spachteltechnik. Doch selbst bei dieser größtmöglichen technischen Ungebundenheit erlegte er sich Maßregeln auf: komponierte genau und ließ die verfließenden Farben sich zu energetischen Bündeln verdichten. Anders als etwa bei Jackson Pollock waren seine Gemälde auf einen inneren Zusammenhalt hin angelegt, thematisierten sie nicht die unendliche Erweiterung des Bildraumes über den Rahmen hinaus mit. Für Thieler war jedes einzelne Werk, im Grunde das Malen an sich, eine existentielle Behauptung. Gerade darin bestand auch das Besondere seines Werks, das über alle Jahrzehnte den kraftvollen Anspruch des Anfangs beibehielt und zu keiner Zeit seine Kohärenz verlor; ob in Groß- oder Kleinformat - jedes seiner Bilder mit den typischen, sternförmig verlaufenden Farbströmungen war als ein "Thieler" zu erkennen. Selbst bei den architekturbezogenen Arbeiten wie für die Kirche Heilig Geist in Emmerich blieb er dieser Gestaltung treu.

Nach dem so wichtigen Paris-Aufenthalt Anfang der fünfziger Jahre kehrte Thieler erst einmal wieder nach München zurück, um dann 1959 die Stadt endgültig für eine Berufung an die Berliner Hochschule für Bildende Künste zu verlassen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1981 blieb. Schon bald war Thieler an der Hochschule eine Institution, denn auch als Lehrer blieb er seinen Vorstellungen von künstlerischer Freiheit treu: Seine Klasse verließen nicht nur abstrakte, sondern ebenso gegenständliche Maler wie Aktions- oder Videokünstler. Ein Förderer der Kunst also im besten Sinne. Mit dieser Überzeugung hatte er 1980 bis 1983 auch die Vizepräsidentschaft der Berliner Akademie der Künste inne; auf dieser Grundlage kam auch die Stiftung des nach ihm benannten Preises zustande, der mit 30 000 Mark dotiert ist. Ansonsten war es um den Künstler stiller geworden, den in den letzten Jahren ein Schlaganfall an den Rollstuhl fesselte. Gerade drei Jahre liegt sein 80. Geburtstag zurück, zu dem ihn die Galerie Nothelfer mit einer Ausstellung und einem großen Katalog, die Berlinische Galerie mit einer Schau zumindest des Spätwerks ehrte. Damals war der Ruf nach einer größer angelegten Retrospektive laut geworden, die er nun nicht mehr erleben wird. Fred Thieler starb am Dienstag in Berlin im Alter von 83 Jahren.

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