Kultur : Der DGB sagt schnell ade

Frank Castorf von den Ruhrfestspielen gefeuert

Frederik Hanssen

Fast könnte man Mitleid bekommen mit Herrn Pantförder und Frau Sehrbrock. Wie die beiden sich winden, der Oberbürgermeister von Recklinghausen und die DGB-Funktionärin, als sie in Berlin zu erklären versuchen, warum Volksbühnenchef Frank Castorf nach nur einer Spielzeit als Leiter der Ruhrfestspiele sofort wieder abgesetzt werden müsse: Weil er „Professionalität im Festivalmanagement vermissen ließ“, weil er während der Festivalzeit im Frühsommer nicht genug Präsenz in Recklinghausen zeigte, weil er nie mit jungen Gewerkschaftern diskutieren wollte, dafür aber den DGB des Boykotts bezichtigte, weil er das Publikum beschimpfe, anstatt „die Menschen in der Region mitzunehmen“. Waren unter Castorfs Vorgänger Hansgünther Heyme drei Viertel aller Karten für das Traditionsfestival verkauft worden, sank die Platzauslastung diesmal auf 35 Prozent. Das entstandene Defizit von 700000 Euro zehrt die kompletten Rücklagen des Festivals auf. Also wurde auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der Gesellschafter in der Nacht zum Dienstag die Notbremse gezogen.

In Wahrheit aber handelt es sich nur um den Fisherman’s-Friend-Effekt: Ist er zu stark, bist du zu schwach. Mit dem Ziel, sich zu erneuern, boten die Ruhrfestspiele dem Berliner Theatermatador Recklinghausen als Zweitjob an – und wunderten sich hinterher, dass er im Ruhrpott genau das machte, wofür er in der Hauptstadt geschätzt wird. Das kann man nur geschäftsschädigende Naivität nennen. So etwas müsste eigentlich mit der Abberufung des Aufsichtsrates bestraft werden – wegen Verletzung der Aufsichtspflicht. Denn nicht seine künstlerischen Leistungen macht man Castorf zum Vorwurf, sondern seinen Umgang mit den Geldgebern, also dem Publikum und den Institutionen, die die Festspiele tragen. Auf die Idee, Missstände im Management durch eine Modifikation des Vertrags zu beheben, kamen die Verantwortlichen nicht: „So etwas kann man doch einem wie Castorf nicht zumuten.“ Einen Rauswurf dagegen schon. Das ist nicht nur teurer – der Vertrag wurde bis 2007 abgeschlossen –, sondern auch peinlich für das Image der Stadt Recklinghausen wie des angeschlagenen DGB.

Eigentlich, erklärt Recklinghausens Oberbürgermeister, habe man für den Job ja einen Mann „aus der zweiten Reihe“ gesucht. Dann aber schlug Gerard Mortier, der als Ruhr- Triennale-Chef offiziell auch Intendant des Recklinghausener Festivals ist – Castorf vor. Geblendet vom großen Namen griff man zu, ohne wirklich zu wissen, was kommen würde. Nach der verpatzten ersten Saison hat Pantförder nun „kein Vertrauen mehr in den Trainer“ – so funktioniert die Denke im Ruhrpott: Das im Fußball übliche hire and fire wird auf die Kultur übertragen. Frank Castorf, dem international Gefragten, kann der Skandal egal sein. Recklinghausen aber sinkt zurück in den Dornröschenschlaf der Provinz – und wir wissen endlich, wofür die Abkürzung DGB steht: Das Graumelierte beschützen.

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