Kultur : Der Dichter gibt sich öffentlich

INGRID SEIDENFADEN

Alles was Beine hat und sich zur Branche zählt, war im zierlich kurfürstlich-bayerischen Cuvilliéstheater.Am Bühneneingang umringte eine Schar jugendicher Fans den als "Pop-Poeten" etikettierten Autor Albert Ostermaier (31), der trug sein frischgrünes Suhrkamp-Bändchen "Making Of.B.-Movie" für alle sichtbar unterm Arm.Der Dichter gibt sich gern öffentlich.Darum geht es auch, im weiteren, Medien-verstrickten Sinn, in seinem Stück, das von Altmeister Wilfried Minks in eigenen Bühnenbildern uraufgeführt wurde.Die Putten an Logen und Rängen des alten Herrn François Cuvilliés in ihrer rot-goldenen Patina lächelten gnädig, während auf der Bühnenrückwand die Körper, Köpfe, Füße, aufgerissenen Münder der Schauspieler, endlich auch das makellose Hinterteil des dubiosen Helden riesengroß zu bestaunen sind.Zwei Videokameras filmen das Bühnengeschehen live, gucken in jede Ritze.

Wilfried Minks zaubert, und Ostermaier will den falschen Zauber, den die Medien und die Kulturbetriebsgesellschaft mit ihren Opfern auf die satirische Spitze treiben, wie einen Luftballon zerplatzen lassen.Die Luft ist vorher schon raus - es bleibt eine heftige, blutige Männerliebesgeschichte.

Ursprünglich war "Making of.B.-Movie" ein Auftrag des Bayerischen Staatsschauspiels zum Brecht-Jahr.Geblieben ist das "B" als vieldeutige Chiffre und im Namen der Hauptfigur Brom.Geworden ist daraus eine sehr freie, im Foto-Entwicklungsbad Silberbromid diffus schimmernde Übermalung des "Baal".Brom (eigentlich Andree) nämlich, versackt und versoffen unter irgendeinem Hitzemond, ist eine Baal-Type.Ein erfolgloser Dichter, dessen Schauspieler-Freund Silber ihn aus der Scheiße holen soll.Flugs bilden die Freunde ein Genie-Provokations-Team mit dem Ziel: totaler Bluff, totaler Erfolg.Silber dressiert den Brom zu einer "Kampfmaschine".Als maßloser Dichter, wilde Sau auf Partys und in allen Betten, als angeblicher Söldner von der aktuellen Front (Bosnien wird zitiert in der Talkshow) wird Brom den Kulturbetrieb, Sponsoren, SchickiFuzzis und auch das Theater erobern.Ein Fake macht sich auf den Weg.Ostermaier raschelt geschickt mit Zitaten, Insider-Ereignissen - der berüchtigte Stirnschnitt des vorlesenden Jungdichters Rainald Goetz - und Namen.

Von Broms Theaterstück erfährt man nichts, von seinem Dichten wenig.Regisseur Minks aber greift in die Vollen.Neben faden Partyszenen samt Broms wüsten Ausbrüchen gelingt ihm als Höhepunkt die riesig projizierte Talkshow um die große Nichtigkeit.Fast wie daheim vor der Glotze dabei: Kritiker Müller-Schuppen (Roland Bayer), Intendant (Markus Völlenklee), wendiger Talkmaster (Peter Albers), der ausflippende Brom, mit wunderlichem Mob auf dem Schädel (Sylvester Groth).Endlich hat hier Udo Samel, der als Silber mit horribler Intensität das Engagement und die Authentizität seines Alter ego Brom verficht, seinen starken Auftritt.

Das Stück eifert mit dem Spektakel und Typen, doch der Text hält wenig Rollenfleisch bereit.Zudem spielen die Schauspieler gegen ihre eigenen Groß-Bilder an, was der Vernichtung des Theaters mit seinen eigenen Mitteln zuweilen gefährlich nahekommt.Das ändert sich erst, wenn Krise und Scheitern des Brom-Bluffs und die leidenschaftliche Beziehung der Männer in Sicht kommen: Jeder vom anderen abhängig, einer des anderen Existenz, ja, Droge.Da kann auch Sylvester Groth mit seinem zerhauenen Mick-JaggerFace und den hungrigen Augen zeigen, welch guter, markanter Schauspieler er ist.Mehrmals, gefilmt und live, gehen sich die beiden an den Kragen, lieben sich süchtig.Am Ende, wenn Silber den Fake offenbart, Brom als einen gewissen Andreas Müller outet, dieser aber Brom bleiben will, rammt er seinem Erfinder in einer finalen Umarmung das Messer in den Rücken.Dieses Sterben tut wirklich weh.Wir aber wissen und wußten das längst: ohne Silber kein Brom.Und ohne Brecht kein B.-Movie.

Weitere Vorstellungen am 4., 5., 9., 10., 11., 16., 17., 24.und 25.Juni

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben