Kultur : Der Dichter Rudolf Borchardt und die Politik - eine Berliner Tagung

Bodo Mrozek

Das literarische Werk Rudolf Borchardts erfreut sich bis heute nicht gerade großer Bekanntheit. Dabei ist es so vielschichtig wie umfangreich: Die gesammelten Werke umfassen nicht weniger als vierzehn Bände. Borchardt verfasste Gedichte, Dramen, Essays, autobiographische Prosa und zumeist lyrische Übertragungen Homers, Dantes und Hartmanns von Aue bis hin zu englischer Dichtung des 19. Jahrhunderts. Schon zu Lebzeiten (1877-1945) machte der elitäre Gestus seines idealistisch-romantischen Konservativismus Borchardt zum heftig umstrittenen Außenseiter. Und bis heute erregt der Pamphlethist Aufsehen, so zuletzt mit der erst kürzlich von Ernst Osterkamp aus dem Nachlass edierten Polemik gegen den Dichter Stefan George, die einigen sogar als die erbitterste Literatur-Polemik unseres Jahrhunderts gilt.

Nun lud die Rudolf Borchardt-Gesellschaft zum Streit über den "politischen Borchardt ins Literarische Colloquium. Kai Kauffmann umriss einleitend die Tragik des deutschen Juden, der weder politisch noch geografisch eine Heimat fand. Sein Affekt gegen die "Vermassung" der Kultur hinderte ihn daran, seine mit Verve vorgetragenen Tiraden da zu plazieren, wo sie womöglich Wirkung hätten entfalten können: in den Massenmedien. Seine Ablehnung von Diktatur und Republik nahm statt dessen den "indirekten Weg des Gedichts". In der Trias von Treue, Liebe und Gehorsam verschmolzen Ästhetik und Politik, wenngleich Borchardt nicht dem "Ästhetischen Fundamentalismus" (Stefan Breuer) zuzuordnen sei.

Den Kulturpessimismus schilderte der Historiker Berthold Petzinna als "bindende Klammer", gleichermaßen als Generationsstil der Jungkonservativen und neuen Nationalisten. Mit Arthur Moeller vna den Bruck, dem fast Gleichaltrigen, einte Borchardt der Kampfbegriff der "Haltung". Die ästhetizistische Rechte lehnte die Republik schon wegen ihrer "Formlosigkeit" ab. Borchartd teilte jedoch nicht die antibürgerlichen Positionen des Kreises um Moeller. Auch nach Ende des Ersten Weltkriegs beharrte er teils noch auf monarchistischen Positionen.

Bereits in seiner frühen Rede "Schöpferische Restauration" malte Borchardt das düstere Bild eines "vermassten" Staates, in dem "Amt und Staat, Poesie und Wissenschaft, Mann, Weib und Kind käuflich sind". Das Amalgam der Feindbilder in Borchardts Rethorik untersuchte Gustav Seibt. Borchardt wolle hier "am liebsten die Uhr zurückdrehen", seine Kulturkritik berühre das Pathologische, wenn in erschreckender Diktion von "Abfallmenschheit und Menschheitsabfall" die Rede ist. Einen "noch schrilleren Ton", so Seibt, schlägt die Rede "Führung" (1931) an. Während der Begriff in Brünings krisengeschütteltem Deutschland der Notverordnung und Massenarbeitslosigkeit gerade Konjunktur hat, gehe Borchardt zwar "erstaunlich ironisch" mit ihm um: Das Volk gilt dem elitären Denker als unführbar "wie ein schlecht gebautes Schiff". Dennoch dürfe man sich die Zitate nicht ersparen, die ein gefährlicher Brandgeruch umweht. "Feuer ist stärker als Papier und der Rohrstock stärker als der Federhalter", heisst es da zu einer Zeit, in der in Italien bereits Intellektuelle zusammengeschlagen werden und Bücherverbrennungen nicht mehr fern sind. Borchardt sympathisierte mit dem Nationalsozialismus, doch lehnte er dessen sozialravolutionäre Rethorik strikt ab. Dem Vorwurf, er wolle "den guten Konservativen Borchardt" vor dem "schlechten Rechtsradikalen Borchardt" retten, widersprach Seibt: Es gehe ihm keinesfalls um eine Ehrenrettung, wenngleich das generelle Anliegen der Kulturkritik heute wieder aktuell sei.

Tatsächlich wird Borchardt von der heutigen Kulturkritik als Ahnherr beansprucht. In seinem vielbeachteten Essay "Anschwellender Bocksgesang" berief sich Botho Strauß, der sich im Gegensatz zu Borchardt nicht scheute, seinen neuen Elitismus durch das Sprachrohr eines Massenmedium herauszuposaunen, ausgerechnet auf Borchardts "Schöpferische Restauration". "Die Intelligenz der Massen hat ihren Sättigungsgrad erreicht", schreibt Strauß dort in elitärer Tradition. Der Publizist Richard Herzinger kritisierte die von Strauß betriebene Konstruktion einer Traditionslinie zu Borchardt. Auch wenn dessen Kultuirautoritarismus mit Hitler nicht zu vereinen war - Borchardt stirbt 1945 an den Folgen der Verschleppung durch die Nationalsozialisten - eigne er sich heute keinesfalls als "politisch unbefleckter" geistiger Vater für den "Rechten in der Richte" (Strauß): "Der Widerstandsgestus erweist sich als unangemessen gegenüber der Realität einer pluralistischen Massengesellschaft, die eben nicht totalitär ist und keine Gralshüter eines unverfälschten Daseins braucht." Man mag darüber streiten, ob Borchardt nicht eher, wie Herzinger meint, ein antipolitischer als ein politischer Denker ist. Die Tagung zeigte diesen Borchardt jedoch ziemlich genau dort, wo er sich in einer Rechtfertigung von 1932 einmal selbst verortete: auf verlorenem Posten.

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