Kultur : Der Dichter streicht durch und geht weiter Gert Jonke erhält im BE den Kleist-Preis

Tobias Lehmkuhl

Vor zwei Jahren wurde Gert Jonke für sein Theaterstück „Chorphantasie“ der Nestroy-Preis verliehen. Den Dirigenten dieses unhörbaren, vom Publikum gespielten Chores mimte gestern Mittag für einen spannungsgeladenen Moment Markus Hering, dann überließ er Jürgen Flimm die Foyer-Bühne des Berliner Ensembles mit den Worten: „Berichten Sie, was es Neues über Herrn Jonke gibt!“ Was das Publikum schon wusste, als Jürgen Flimm zur Laudatio schritt: Gert Jonke würde gleich den mit 20000 Euro dotierten, von der Holtzbrink-Verlagsgruppe und den Ländern Berlin und Brandenburg mitgetragenen Kleist-Preis überreicht bekommen. Der Regisseur und Festivalintendant Flimm – von der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft als Juror ausgewählt – durfte traditionsgemäß den Preisträger allein bestimmen. Die Auszeichnung zählt zu den renommiertesten deutschen Kulturpreisen und wird zum Todestag Kleists verliehen, der sich am 21. November 1811 am Wannsee das Leben nahm. Seit 1912 verliehen, waren unter anderem Brecht und Musil Kleist-Preisträger, zwischen 1933 und 1985 aber gab es eine lange Unterbrechung.

Mit wunderbar gespielter Freude und Verwirrung erklomm Jonke bald nach seinem Laudator die Bretter des Berliner Ensembles und sprach in furios komischem Duktus die Dankesrede: Der 1946 geborene Klagenfurter zieht es vor, statt mit dem Computer mit der Hand zu schreiben, mit einer offenbar selbst für den Autor nicht immer leicht zu entziffernden Schrift. Jonke kann es nicht ertragen, so hatte Flimm mit Einblicken in des Dichters Welt berichtet, dass im Computer das Durchgestrichene verschwinde. Er wolle das Durchgestrichene weiterhin sehen, denn irgendwo anzukommen, ohne Spuren hinterlassen zu haben, das wirke noch unheimlicher als alle Worte.

Laudatio wie Preisrede standen am Ende einer ungewöhnlichen Matinee. Vorher schon hatte es ebenso Vergnügliches wie Bedenkenswertes gegeben. Dem Präsidenten der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Günter Blamberger, war es gelungen, Josephine Bakers gliederschwenkenden Bananentanz mit dem spielerischen Charakter des Jonke-Oeuvres in Verbindung zu bringen und unter ein Wort der vergangene Woche verstorbenen Kleist-Preisträgerin von 1986, Diana Kempff, zu fassen: „Notwendig ist vor allem das Unnützliche.“

Dass von dem notwendigen Unnütz in Österreich immer schon besonders viel produziert wurde, darauf muss kaum mehr hingewiesen werden. In Österreich steht die Wiege der experimentellen deutschsprachigen Literatur nach 1945. Nirgendwo anders wurde der Versuch, mit Sprache Unsagbares auszusagen, hartnäckiger, sisyphushafter betrieben. Gert Jonke, der nicht nur äußerlich an den unsagbar poetischen Ernst Jandl erinnert, ist längst ein herausragender Vertreter dieser Tradition. Am Vorabend der Kleist-Preisverleihung wurde überdies noch ein anderer Sprachexperimenteller, der Berliner Ulf Stolterfoht, ausgezeichnet. Im Alten Rathaus in Potsdam wurde ihm für sein ebenso witziges wie kritisches Werk der Anna-Seghers-Preis überreicht.

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