Kultur : Der Dichter und sein Richter

Adorf als Miesepeter: Schlöndorff inszeniert „Enigma“ am Berliner Renaissancetheater

Christiane Peitz

Der Literaturnobelpreisträger hat schlechte Laune. Abel Znorko kneift die Augen zusammen im zerfurchten Gesicht, schnauzt den Besucher an, wirft Sätze hin, als seien sie Müll. Ein Unsympath: Znorko nuschelt und raunzt und poltert so miesepetrig, ja mit fast schmerzverzerrter Miene daher, dass man den Eindruck gewinnt, er leide selbst unter seiner unausstehlichen Art.

Mario Adorf spielt Abel Znorko: gefeierter Schriftsteller, Autor des Bestseller-Briefromans „Die uneingestandene Liebe“, wohnhaft auf einer einsamen Insel in Nordnorwegen. Spielt ihn als Inkarnation des rüden, mürrischen Eitlen, der lässigen, nachlässigen Selbstgefälligkeit. Ein gefährliches Spiel. Mimt Adorf da einen, der als Misanthrop die Unlust am Leben markiert oder hat er selbst keine rechte Lust auf die Rolle? Schüttelt er sie doch gleichsam mit links aus dem Ärmel: Hand in die Hosentasche, Hand wieder raus, paar Schritte vom Lehnstuhl zum Stehpult, spärliche Gesten, und später allmähliche, mähliche Erschütterung. Mario Adorf hat man schon besser gesehen.

Znorkos Mit- und Gegenspieler ist der Journalist Erik Larsen, der ihn auf der Insel zwecks Interview heimsucht. Kritiker kann der Dichter sowieso nicht leiden, weshalb er ihn prompt mit zwei Schüssen aus dem Jagdgewehr begrüßt. Justus von Dohnányi gibt den derart unwillkommenen Gast als forschen Blondschopf, der sich von den Schrullen des Alten nicht einschüchtern lässt.

Adorf und Dohnányi: keine schlechte Besetzung für Volker Schlöndorffs Inszenierung am Berliner Renaissance-Theater. Die Pariser Uraufführung von „Enigma“, dem Zweipersonen-Psychodram und Erfolgsstück von Eric-Emmanuel Schmitt, hatten 1996 Alain Delon und Francis Huster bestritten. Obendrein kennen Adorf und Schlöndorff sich bestens. Zusammen gearbeitet haben sie bereits in den Siebzigerjahren, in den Filmklassikern „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und der „Blechtrommel“.

So beginnt es denn auch mit einigen auf die Waschbetonwände der schlichten Dichterbehausung (Bühne: Werner Hutterli) projezierten Filmbildern von der Fährfahrt zur Insel: augenzwinkernde Anspielung auf des Regisseurs Hauptberuf als Filmemacher. Aber das hier ist Theater; hinter den Fensterquadern des Bühnenzimmers schimmert erst blaues, dann wolkenverhangenes Nordlicht. Und es ist Boulevard obendrein: mit prominenter Besetzung auch des Zuschauerraums. Zu den Premierengästen zählen Egon Bahr und Klaus Wowereit, Alfred Biolek, Michael Ballhaus, Moritz Rinke, „Blechtrommel“-Darsteller David Bennent und tutti quanti der guten alten (West-)Berliner Kulturszene, Peter Raue, Joachim Sartorius, Peter Schneider... Im Saal herrscht gute Laune. Man freut sich ob des Dichters Sottisen zu Bussi-Gesellschaft, Geschlechtsverkehr und anderen Banalitäten, nicht zu vergessen die ewigen Leiden des Feuilletons. (So gewinnt man Kritikerherzen: ein paar Bonmots über illiterate Chefredakteure einstreuen!)

Spaß beiseite. Eine kleine, große Psychokiste im Unterhaltungsformat – geht das? „Enigma“ ist ein Verwirrspiel. Der Dichter und sein Richter, Duell zweier genialischer Lügner. Einer macht dem anderen was vor und jeder sich selbst. Denn Znorko und Larsen teilen ein Geheimnis. Cherchez la femme: Selbstredend ist das Enigma eine Frau, eine abwesende Schöne, gut versteckt in den Initialen der Briefroman-Widmung. Gibt es sie wirklich? Lebt sie noch? Wen von beiden hat sie mehr geliebt? Und warum hat der Journalist keine Kassette in seinem Aufnahmegerät?

Enthüllungen, Geständnisse, Lebensbeichten, zum Sound von Edgar Elgars elegischen „Enigma“-Variationen: Aus den grotesken Volten des Stücks ließen sich Funken schlagen, auch wenn Eric-Emmanuel Schmitt es so vertrackt wohl gar nicht meint. Aber Schlöndorff nimmt das freiwillig-unfreiwillig Komische der eifersüchtigen Streithähne lieber – moralisch. Nicht „Slip oder Shorts“ (beim Packen für die zwischenzeitlich geplante gemeinsame Abreise) ist hier die Frage, sondern die Schreckenswut über die verlorene Illusion. Schlöndorff macht aus „Enigma“ ein Alterskrisenstück. Was vom Hochmut übrig bleibt oder: die Demontage des Künstlers zum armseligen Würstchen.

Die Wahrheit ist grausam, sagt Znorko einmal und meint es kämpferisch. Bis die Selbsterkenntnis dämmert, die späte Einsicht. Allein, die Wandlung vom Lügenbaron zum Leidensfürsten ist Mario Adorfs Sache nicht. Auch Justus von Dohnányi wechselt beim Stimmungsumschwung vom Schrillen zur stillen Gewissenspein kaum die Tonart. So bleibt „Enigma“ ein Registerwechselbalg. Keine Gratwanderung zwischen Trash und Tragödie, sondern nur: ein bisschen Farce als Aperitif zum wortreich beschworenen Weheleid über die verpatze, verpasste Liebe.

Wieder am 13., 15., 17., 19., 22.–27. März (20 Uhr), 14. und 20. März (18 Uhr)

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