Der digitale Brockhaus entsteht : Access for all!

Nach gut 200 Jahren verlässt die Brockhaus-Enzyklopädie die Sphäre des Gedruckten – und wandert endgültig ins Digitale. Die einen sehen darin das Ende einer bildungsbürgerlichen Institution, die anderen eine neue Basis für den gesellschaftlichen Diskurs.

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Brockhaus-Bücher.
Moderne Teilhabe an der großen Konversation: den Brockhaus wird es bald nur noch in digitaler Form geben.Foto: dpa

Mit dem Optimismus der Aufklärung kündigte „der Herausgeber“ seinen ersten Band an. 1809 bis 1811 erschien die erste Auflage des Kompendiums, das später als „Brockhaus“ bekannt wurde. Der Titel versprach nicht mehr und nicht weniger als ein „Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der älteren und neueren Zeit.“ Wer las, sollte mitreden können, teilhaben, auf dem Laufenden sein. Erworben hatte der junge Verleger Friedrich Arnold Brockhaus die Rechte an dem Lexikon auf der Leipziger Messe der Buchhändler 1808.

Schon 1796 war es begonnen worden, aber als work in progress liegen geblieben. Brockhaus kaufte die Rechte für 1800 Taler, zügig wurden sechs Bände und zwei Nachtragsbände zusammengestellt und in Amsterdam und Leipzig gedruckt. Und bald waren die 2000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen. Der Grundstein war gelegt für ein gut zweihundert Jahre währendes Millionengeschäft. Das Lexikon überdauerte Reichsgründung, Kaiserzeit und Ersten Weltkrieg, es überstand aufgrund der politisch abstinenten Haltung der Verleger den Nationalsozialismus, spaltete sich vorübergehend in eine ostdeutsche – Leipziger – und eine westdeutsche – Wiesbadener – Publikation, wurde wiedervereinigt, fusioniert mit dem Konkurrenten „Meyer“, verkauft an den Konzern Bertelsmann. Zählebig, scheinbar unangreifbar, überlebte es die Epochen.

Jetzt wird der Brockhaus eingemottet

Jetzt wird der Brockhaus eingemottet, zumindest in seiner Papiergestalt. Auf die 21. Auflage von 2007 folgt keine neue mehr, gibt das Verlagshaus nach mehreren Vorankündigungen endgültig bekannt. Abonnenten erhalten weiter digitale Updates, insgesamt soll aber ein digitaler Brockhaus entstehen. Die Migration der Brockhausdaten aus dem Land des Papiers in die Sphäre der elektronischen Daten ist beschlossen.

Heraus aus den Regalen wird er wandern. Dort fand er sich, ob eselsohrig und fleckig oder dekorativ und unbenutzt, in so gut wie jedem Haushalt, in dem Leute des Lesens kundig waren. Seine Präsenz zeugte von der erheblichen Schnittmenge aus Erwerbsbürgertum und Bildungsbürgertum, und seine Anschaffung signalisierte Aufstiegswillen oder Prestigebewusstsein – und manchmal beides – der Klasse der Kleinbürger. Für Distinktionsgewinn sorgte der Brockhaus, bis er zum Markenzeichen von Spießigkeit und Altväterlichkeit mutierte.

Inzwischen haben nicht nur elektronische Speichermedien die Brockhaus-Regale überflüssig gemacht – die Informationen aus ganzen Bibliotheken passen auf Chips, die kleiner und leichter sind als ein abgeschnittener Fingernagel. Auch das ununterbrochene Veralten und Verändern von Information, seien sie technischen oder geopolitischen Charakters, macht die Fixierung auf Papier schwerfällig bis obsolet. Seine initiale Mission hingegen besteht, auf andere Weise weiter und entwickelt sich fort, etwa durch das Online-Lexikon Wikipedia.

Der Brockhaus: Basis für den gesellschaftlichen Diskurs

So falsch hatte der Herausgeber des ersten Bandes gar nicht gelegen, als er prophezeite, den wahren Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung entgegenzukommen. Damals hatten die Amerikanische wie die Französische Revolution dem Bürgertum Emanzipation versprochen. Es erwartete und forderte Mitsprache und Information. Bemerkenswert modern beginnt der ohne Namen, nur als „Herausgeber“ Zeichnende 1809 seine Vorrede zum ersten Band mit einer Kritik an der Manipulation des Konsumverhaltens: „Während man dem Publicum mit der größten Überredungskunst Bedürfnisse aufdringt, deren es sich nie bewußt war (…), verkennt oder vernachlässigt man oft die wahren Bedürfnisse desselben.“ Ein solches wahres, einem jeden in die Augen springendes und zur Zeit noch unbefriedigtes Bedürfnis für die größte „Classe von Lesern scheint mir ein Buch zu sein, wie das gegenwärtige“.

Mit dem Lexikon sollte eine gemeinsame Basis für den gesellschaftlichen Diskurs geschaffen werden, es sollte „das Weib wie den Mann, den Nichtgelehrten wie den Gelehrten in einen gemeinschaftlichen Conversations-Kreis“ führen, und „der immer mehr sich verbreitenden Annäherung der Geschlechter und Stände“ Genüge tun. Entsprechend hörte sich der Eintrag zur „Revolution von Frankreich“ an, die „unstreitig der vornehmste Gegenstand des gesellschaftlichen Interesse in unsern Tagen“ darstellte. Von zeithistorischer Neutralität keine Spur: Beherzt ergriffen die Autoren Partei. „Ludwig XIV. hatte durch Prachtliebe und Kriege“, hieß es, „sein Reich erschöpft“. Das höfische Regime habe sich durch „Agiotage“ und „Geldwucher“ ausgezeichnet, angehäuft hatte sich dabei eine „ungeheure Schuldenmasse (…), unter welcher besonders der niedere Adel und der Bauernstand seufzte“. Paris indes war „der Schlund, der den Wohlstand des ausgemergelten Reichs verschlang.“ Doch dann hatten Voltaire und Rousseau „neue Ideen über Rechte der Unterthanen und Pflichten der Herrscher in Umlauf gebracht und einen Gemeingeist gebildet, der an dem Tone der Hofpartei überall Anstoß nahm.“ So nahte „die Minderjährigkeit des Volks ihrem Ende“.

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