Kultur : Der Dinosaurier erwacht im Eis Der Mexikaner Sergio Pitol

reist durch die marode UdSSR

Günther Grack

Im Frühjahr 1986 verspürt der mexikanische Schriftsteller Sergio Pitol, hauptberuflich im diplomatischen Dienst seines Landes an der Prager Botschaft tätig, wie die im Katen Krieg erstarrte UdSSR sich dank Gorbatschows Perestroika zu erwärmen beginnt. Zwei Einladungen erreichen ihn kurz nacheinander: Eben hat ihn der georgische Schriftstellerverband nach Tiflis eingeladen, da folgt der Sowjetische Schriftstellerverband mit der Einladung nach Moskau. Pitol stößt in der Metropole mit seiner Frage, wann es in den Süden weitergehe, zunächst auf taube Ohren. Erst nach einem Umweg über Leningrad gelangt er nach Tiflis. „Allen schlechten Vorzeichen zum Trotz wurde es eine wunderbare Reise“, resümiert er in der Einleitung seines Berichts. „Ich erlebte etwas Einzigartiges: Die ersten Bewegungen eines lange im Eis erstarrten Dinosauriers.“

Feier der Lebenslust

Der Autor, der als Übersetzer von Gogol und Tschechow die Landessprache beherrscht, macht während dieser zwei Wochen im Mai/Juni 1986 immer wieder die Erfahrung: „Das Neue ist das jetzt alles beherrschende Thema.“ Freilich auch ex negativo - Perestroika und Glasnost stoßen nicht überall auf Gegenliebe. Als Pitol auf einem Empfang des als reaktionär bekannten Sowjetischen Schriftstellerverbandes hinterlistig-demonstrativ „einen so entschlossenen Schritt in Richtung Öffnung“ begrüßt, löst er Verlegenheit, beim Präsidenten des Verbands, Georgij Markow, sogar Wut aus. Geben sich die Moskauer Bürger gegenüber dem Reisenden klar als Anhänger oder Gegner der neuen Tendenzen zu erkennen, so erlebt er in Leningrad „Ausweichen, Schweigen oder höfliches Themawechseln...“

Erst in Georgien, das so etwas wie ein Asyl für rebellische Künstler aus dem Norden der UdSSR geworden ist, begegnet der Gast aus Mexiko einem Menschenschlag, der unter der kaukasischen Sonne gleichsam aufgetaut ist. Sein Kalenderblatt vom 29. Mai, sieben großformatige Druckseiten füllend, wird zu einem Dithyrambus auf die dort heimische Lebenslust. Ein Treffen mit Schriftstellern, Malern und ihren schönen jungen Frauen, sowohl Gedankenaustausch wie Sympathiekundgebung, wächst sich zu einem „gargantuösen, pantagruelischen Festmahl“ aus, endend mit dem Aufsuchen einer öffentlichen Bedürfnisanstalt - Pitol, ein fabulierfreudiger Erzähler, schildert nicht ohne Selbstironie, wie ihn die Bekanntschaft mit der georgischen Seele überwältigt hat.

Exzentrische Seele

Was die ominöse russische Seele betrifft, so spricht sie sich, Pitol zufolge, nicht zuletzt in ihrer Vorliebe für Exzentrik aus. In der Literatur steht dafür vor allem Nikolai Gogol ein, der Autor des „Revisor“, der „Toten Seelen“, der „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“. Eine Erzählung aus diesem Zyklus, „Iwan Fjedorowitsch Schponka und sein Tantchen“, rühmt Pitol als „grandios, der besten Avantgarde-Literatur um mindestens anderthalb Jahrhunderte voraus“. So gibt der Reisende, für den auch der Besuch des Moskauer Gogol-Museums zum angenehmen Pflichtprogramm gehört, nebenher Lesetipps. Aus dem breiten Prosawerk Anton Tschechows etwa hebt er die Erzählungen „Der Mord“ und „In der Schlucht“ hervor; in letzterer sucht ein alter Mann eine junge Frau, die ihr totes Kindchen betrauert, mit dem aus vollem Herzen kommenden Hinweis zu trösten: „Groß ist Mütterchen Russland!“ Die Gleichsetzung Russlands mit dem Körper Gottes - Russland als Mutter Erde - bewege und erstaune, so Pitol, ihn immer wieder.

Die spanische Originalausgabe ist 2001 in Barcelona erschienen. Klaus Wagenbach, der von dem 1933 in Puebla (Mexiko) geborenen, dort auch heute wieder ansässigen Autor bereits zwei Romane, „Eheleben“ und „Defilee der Liebe“, herausgebracht hat, legt „Die Reise – Ein Besuch Russlands und seiner Literatur“ als Beitrag zum diesjährigen Russland-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse vor. Ein feuilletonistisches Mosaik, mit leichter Hand gefügt (Irrtümer wie den falschen Brecht-Titel vom „unaufhaltsamen“ Aufstieg des Arturo Ui oder die Behauptung, Thomas Mann sei einige Exiljahre lang tschechischer Staatsbürger gewesen, hätte das Lektorat korrigieren müssen).

Den Anfang macht eine Würdigung des „magischen Prag“, der Stadt, von der aus der Kulturattache Pitol zu seiner Reise aufbricht. Es folgen 15 Tagebucheintragungen, unterbrochen von Zwischenkapiteln, Abstechern in die leidvolle Vergangenheit des stalinistischen Russland. Da finden sich ein Protestbrief des inhaftierten Regisseurs Wsjewolod Meyerhold an den Rat der Volkskommissare, eine Schilderung der an ihm verübten brutalen Folter, und ein Porträt der Lyrikerin Marina Zwetajewa, die, ins Pariser Exil getrieben, nach Moskau zurückgekehrt, im Selbstmord endet. Freilich, der Mexikaner wäre nicht das lebhafte Temperament, das er ist, meldete er sich nicht auch in eigener Sache zu Wort: Sergio Pitol deutet an, wie ihn die mitunter skurrilen Abenteuer seiner Reise zu einem „Roman des Unterleibs“ anregen, einer „Hommage an Gogol“.

Sergio Pitol: Die Reise. Ein Besuch Russlands und seiner Literatur. A.d. Spanischen von Christian Hansen. Wagenbach Verlag, Berlin 2003. 152 Seiten, 22,50 €.

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