Kultur : Der Diplomat im Porzellanladen

Auftakt des Deutschland-Jahres in Japan: Die Kunstsammlungen Dresden gastieren in der erdbebengeschädigten Stadt Kobe

Bernhard Schulz

Die Stadt liegt still im Morgengrauen. Mit einem Mal beginnt es fürchterlich zu rumoren. Es ist der 17. Januar 1995, 5.46 Uhr. Mit der Stärke 7,2 auf der Richter-Skala bebt die Erde vor Kobe. In der japanischen Hafenstadt knicken Autobahnstützen wie Streichhölzer ein, fallen Gebäude wie Kartenhäuser in sich zusammen, rasen Schnellbahnen ins Nichts. 6433 Opfer fordert das Große HanshinAwaji-Erdbeben, dazu eine Viertelmillion Verletzte. Über 300000 Menschen werden obdachlos.

All das kann der Besucher in der vor zwei Jahren eröffneten Erdbeben-Gedenkeinrichtung sehen; das Beben selbst als computeranimiertes Schreckensvideo und dessen Folgen in einem anrührenden, aus der Perspektive eines überlebenden Mädchens erzählten Dokumentarfilm. Ansonsten gibt es in dem sechsstöckigen, gläsernen Haus Erklärungen zur Wirkungsweise von Erdbeben und Ratschläge, wie man sich schützen kann. Eine halbe Million Besucher kommt jährlich ins Haus an der seinerzeit verwüsteten, mittlerweile als „Östliches Stadtzentrum“ neu bebauten Uferfront.

Heute sind die Folgen des Erdbebens nirgendwo in der Stadt mehr zu erkennen. 100 Meter vom Memorial entfernt erhebt sich das 2002 fertig gestellte, vom weltweit tätigen Architekten Tadao Ando entworfene Kunstmuseum der Präfektur Hyogo, des 3,5 Millionen Einwohner zählenden Regierungsbezirks von Kobe. Auch dort werden Hunderttausende erwartet; freilich aus einem glücklicheren Anlass. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gastieren hier mit der opulenten Ausstellung „Dresden – Spiegel der Geschichte“, die 240 Objekte aus neun ihrer Museen vereint.

Anlass ist der Auftakt des Deutschland-Jahrs in Japan, offiziell „Projekt ,Deutschland in Japan 2005/2006’“ genannt und, anders als bei vorangehenden Jahresprogrammen wie zuletzt in Russland, nicht auf die Kultur beschränkt. Es sollen, so Außenamts-Staatsekretär Jürgen Chrobog, „die Dimensionen Wirtschaft sowie Wissenschaft, Forschung, Bildung und Technologie gleichberechtigt hinzutreten“. Zuletzt haben Frankreich und Italien solche Programme veranstaltet – mit der Folge „deutlicher Steigerungen ihrer Exporte nach Japan“, wie Chrobog die Katze aus dem Sack lässt.

Was wir dem High-Tech-Land Japan an Produkten bieten können, müssen Berufenere beurteilen; die Kulturschätze jedenfalls sind ein hervorragender Sympathieträger. Dresden hat die Gelegenheit ergriffen, noch vor der offiziellen Eröffnung des Japan-Jahrs Anfang April in Tokio mit Besuch von Bundespräsident Köhler und einer Ausstellung der Staatlichen Museen Berlin Flagge zu zeigen.

Kobe liegt am Rand der Städtetrias Kyoto-Osaka-Kobe, einer Agglomeration von Orten, die nahezu ununterscheidbar ineinander fließen, wobei Kobe nicht nur aufgrund des Erdbebens, sondern bereits wegen der amerikanischen Bombardements im Zweiten Weltkrieg keine historischen Zeugnisse aufweisen kann. Der Vergleich zwischen Kobe und Dresden wurde denn auch von vielen Eröffnungsrednern bemüht, freilich eher auf die jüngsten Parallelen des Erdbebens und der Jahrhundertflut in Sachsen 2002 bezogen. Doch während die Dresdner seinerzeit überwiegend mit dem Schrecken davongekommen sind, ist das Erdbeben in Kobe in der Erinnerung stets präsent. Jede Veranstaltung, noch dazu solche vom Rang des generösen sächsischen Gastspiels, wird als ein Mosaiksteinchen im langwierigen Heilungsprozess verstanden.

Ein anderer Vergleich offenbart hingegen Unterschiede – und zwar im historischen Bewusstsein. Als Ryoki Sugita, Präsident des Hauptsponsors des Dresden-Gastspiels, in der Wirtschaftszeitung „Nikkei Shimbun“ launig davon spricht, dass die beiden Länder „gemeinsam gekämpft, gemeinsam ihre Niederlage erlitten und gemeinsam den Wiederaufbau geschafft“ hätten, gab es unter den deutschen Anwesenden betretene Gesichter. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sprach dagegen vom „verbrecherischen, von Hitler angezettelten Zweiten Weltkrieg“ . Für deutsche Ohren ist das politisch korrekt, nur leider hinsichtlich Japans falsch, das seine Eroberungskriege bereits 1932 mit der Besetzung der Mandschurei begann, als Hitler noch nicht einmal Reichskanzler war.

So lauern unter der Oberfläche wohlmeinender Reden die kulturellen Differenzen. Die auf das 16. bis 19. Jahrhundert konzentrierte Dresdner Ausstellung rekapituliert in fünf von insgesamt sieben Kapiteln den Einfluss und die Rezeption ausländischer Künste in Dresden und möchte auf diese Weise die Weltoffenheit des Dresdner Hofes dokumentieren. Man wüsste zu gern, wie dieses Konzept in einer in ihrer viele Jahrhunderte alten Tradition ruhenden Kultur wie der japanischen verstanden wird.

Gewiss prunken die Dresdner auf Wunsch ihrer japanischen Partner – Naoki Sato vom Tokioter Nationalmuseum für Westliche Kunst wirkte als Ko-Kurator – mit Vermeers „Brieflesendem Mädchen“ von 1659 auf, das von zahllosen Plakaten und selbst von kleinen Werbetäfelchen in Taxis grüßt. Und ebenso mit Glanzlichtern wie Tizians „Bildnis einer Dame in Weiß“ von 1555 oder Caspar David Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ von 1819. Dennoch findet zumindest am Eröffnungsabend das Kapitel „Ostasien – Bewunderte Gegenwelt“ mit seiner erlesenen Kollektion chinesischer Porzellane der Zeit des Kaisers Kangxi, des Zeitgenossen Augusts des Starken, japanischerseits stärkere Beachtung – die chinesische Kunst, der die japanische so viel verdankt, bildet immer noch einen Maßstab. Oder gilt sie den daneben gezeigten Meißner Porzellanen, deren Erfindung 1708/09 dem sächsischen Hof eine europäische Spitzenstellung einbrachte und unschätzbare Dienste im diplomatischen Spiel leistete? In Japan selbst wurde reine Exportware nach sächsischen Mustervorlagen geschaffen, wie sich in den Hinterlassenschaften einer damals bereits seit 14 Generationen tätigen Meisterwerkstatt nachweisen ließ.

Mit der Beauftragung von Tadao Ando als Architekt des Museums demonstriert Kobe seinen kulturellen Anspruch. Allein, der Bau ist nicht wirklich geglückt. Abgesehen davon, dass Ando mit dem Modern Art Museum im texanischen Fort Worth zeitgleich einen Beinahe-Zwilling errichtet hat, ist es dem Weltstar nicht gelungen, die große Geste seiner drei mit auskragenden Flugdächern aufs Meer gerichteten Pavillons, die im Verbund das Museum bilden, durch eine angemessene Erschließung auch auszufüllen. Große Treppen enden vor nackten Betonwänden, hingegen sind die Eingänge zu den Ausstellungsräumen hutzelig klein. Und am Ende muss der Ausstellungsbesucher den Abgang durch eine Art Nottreppenhaus nehmen, ehe er sich mühsam ins Foyer zurückkämpft. Die Sammlungsräume selbst sind makellos; japanischer Purismus verhindert leider, dass die meist kleinformatigen Dresdner Leihgaben durch entsprechende Einbauten etwas anheimelnder präsentiert werden. Manches verliert sich an den kahlen Ando’schen Betonwänden.

Nach dem Auftakt mit klassischer Museumskunst, die dem japanischen Deutschland-Bild entgegenkommt, will die deutsche Seite stärker auf die jüngere Generation zugehen. Mode und Lifestyle, so Programmkoordinator Hans Carl von Werthern vom Auswärtigen Amt, heißen die Schwerpunkte – im Wirtschaftsteil des Programms. Das wird ein herkulisches Unterfangen, denkt man an die überreiche Mode- und Designszene, die sich in der Hypermetropole Tokio konzentriert. Aber das ist ein anderes Kapitel. In Kobe sind es die bewährten Dresdner Hof-Klassiker, für die 300000 Besucher erwartet werden. Obwohl: 200000 wären auch ein Erfolg, rückte Naoki Sato mit der unnachahmlichen Höflichkeit seines Landes zurecht.

Kobe, bis 22. Mai. Zweibändiger Katalog 3500 Yen (ca. 27 €).

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