Kultur : Der diskrete Charme der Heiligen

Kennerschaft zählt – und das besondere Etwas: die Londoner Woche der Altmeister-Auktionen

Matthias Thibaut

Bei der Londoner Altmeisterwoche kommt es weniger auf Geld und Moden an, als auf ein scharfes Auge. Kunstwerke werden verschmäht, wenigstens als Marktgröße für die nächsten Jahre, andere, die man längst verloren glaubte, werden zu neuem Leben erweckt.

Die erstaunlichste Wiedergeburt feierte in dieser Woche ein Leinwandwrack des Rembrandt-Mitarbeiters Ferdinand Bol, das Sotheby’s auf dem Dachboden eines süddeutschen Schlosses fand, die Farbe abgeblättert, die Leinwand brüchig. „Dieses Bild muss in ein Museum. Es ist der beste Bol, den es gibt“, behauptete der Käufer nach der Auktion, der Wiener Chemiker Alfred Bader, der nun in Wisconsin mit Kunst spekuliert. Zu sehen ist ein Engel, der dem in der Wüste sterbensmüde unterm Wacholder schlafenden Elias Nahrung reicht und sagt: „Steh auf und iss.“ Die große Bibelszene war auf bis zu 80 000 Pfund geschätzt. Händler Johnny van Haeften ersteigerte es in Bietgemeinschaft mit Bader für 1,4 Millionen Pfund (1,96 Millionen Euro). Die Restaurierung, meint Bader, werde „so 25 000 Dollar“ kosten.

Gleich am nächsten Abend starb dem hochbetagten Kunstfreund bei Christie’s dann eine silbrige Marine von Jan van de Cappelle unter den Händen weg. „Eigentum von Dr. Alfred R. Bader“ stand stolz im Katalog – das reduzierte dessen Chancen auf Null.Das Bild, das er 2001 über Christie’s erworben hatte, sollte 2,5 bis 3,5 Millionen kosten. Doch die eitle Besitzermeldung verdarb den Verkauf. Der Flop der Woche.

Glück und Unglück: Bei Sotheby’s war die große Galaauktion mit 33 Millionen Pfund „fast so gut wie ein Contemporary Sale“, scherzte ein Experte. Christie’s dagegen erlebte den größten Einbruch einer Abendauktion seit Jahren. Fast die Hälfte der Bilder blieb unverkauft, die Gesamteinnahme blieb mit knapp 19 Millionen Pfund hinter der Erwartung zurück.

Die Nachfrage nach Altmeistern ist von Kennerschaft und Qualitätsbewusstsein geprägt. Es läuft nur, was aus dem Einerlei der Blumenstillleben und Genreszenen herausragt. Und eine italienische Heiligenszene braucht jenes Quäntchen zusätzlichen Charme, das den Unterschied zwischen ein paar Zehntausend und einer Million rechtfertigt.Bei Sotheby’s brachte Frans Hals’ kleines Porträt des Samuel Ampzing kühne 4,6 Millionen Pfund, noch teurer waren ein paar Canaletto-Veduten (4,7 Mio.). Und Turners „Bamborough Castle“ wurde mit 2,9 Millionen Pfund das drittteuerste Turner- Aquarell der Auktionsgeschichte. Bei Christie’s wiederum erzielte ein alter Mann mit Totenschädel, eine Vanitas des Rembrandtschülers Jan Lievens, einen Rekordpreis von 2,15 Millionen Pfund.

Christie’s bot auch eine deutsche Sammlung mit über 140 Drucken von Albrecht Dürer: Sie brachte über 2 Millionen Pfund, ein Drittel der Lose blieb unverkauft. An preiswerten Christusgeißelungen hat der Kunstmarkt den Geschmack verloren. Lieber einen Meisterstich wie das rätselhafte „Ritter, Tod und Teufel“ (252 500 Pfund) – oder das herrliche Doppelbildnis von „Adam und Eva“ (144 500 Pfund). Matthias Thibaut

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