Kultur : Der diskrete Charme des PVC

ANDREAS KRIEGER

Die Zukunft des Friedrichstadt-Palastes liegt in seiner Hand.Genauer gesagt: in seinem rechten Zeigefinger.Ingo Plug klickt einmal mit seiner Computermaus, schon rumpeln die drei Festplatten seines Rechners, und auf der Palast-Bühne gibt es einen neuen Hintergrund zu sehen.Es sind nur Projektionen, die der 28 Jahre alte Multimedia-Produzent auf die sieben Meter breite und viereinhalb Meter hohe durchsichtige PVC-Leinwand wirft.Und doch sieht man die Weltkugel, Fische und die Sonne in drei Dimensionen durch den Raum schweben.

Mit seiner neuen Show "Elements" will der Friedrichstadt-Palast das nächste Jahrtausend begrüßen.Sieht der Betonklotz von außen immer noch so aus wie ein abgetakeltes Raumschiff auf dem Flug ins Nirgendwo, wird drinnen der Start in Richtung Zukunft vorbereitet."Ich will davon wegkommen, daß die Revue ein Genre der Tradition ist", sagt Intendant Sascha Iljinskij, der gemeinsam mit Regisseur Jürgen Nass das Buch zur neuen Show geschrieben hat.Darum hat er seine "Schöpfungsgeschichte" mit Anspielungen auf Science-Fiction-Filme wie "Alien" oder "Stargate" gespickt.Darum hat er sich von dem 29jährigen Frank Nimsgern eine Musik schreiben lassen, die vom Black Beat Michael Jacksons bis hin zum Orchestergetöse des Actionfilms bei allen Formen populärer Musik klaut.Und darum gibt es Animationen in drei Dimensionen.Als Köder für die theatermuffligen Teenies.

Dabei sind 3-D-Bilder eigentlich ein alter Hut.Schon 1913 verblüffte ein gewisser Doktor Pepper seine Zuschauer mit dieser Technik.In der von Uwe Maaß für den Palast gestalteten Version werden die Animationen von der Bühnendecke auf eine weiße Plastikplane am Boden projiziert.Eine zweite PVC-Folie - im Winkel von 45 Grad zum Publikum - reflektiert diese Projektionen, die zu fliegen scheinen.Der Effekt beeindruckt derart, daß sich Showlegenden wie Siegfried und Roy oder David Copperfield bei Maaß die Klincke in die Hand geben.

Neben diesen Spielereien wird bei "Elements" vor allem auch eine altgediente Bühnentechnik heftig strapaziert: die hydraulische Hebebühne.Mit ihr können runde Module mit einem Durchmesser von 12 Metern nach oben auf die Vorderbühne gehieft werden.Eine Zirkusmanege, eine Eisfläche oder - wie bei "Elements" - ein Aquarium für die Synchronschwimmerinnen.Mit Unterwasserfontänen übrigens, "die es so nur im Friedrichstadt-Palast gibt", wie der technische Leiter Henry Zabel stolz erklärt.

Aber die wichtigste "Bühnentechnik" bei der Revue im Palast bilden die Darsteller selbst.Bis zur morgigen Premiere sind alle fieberhaft am Proben.Ein Artist mit Muskelshirt und rotem Kopftuch hackt seine Kniekehlen in die silberne Stange seiner Schaukel, läßt Kopf und Arme nach unten baumeln.Von oben kommt ein anderer Artist in lila Turnhose angeflogen.Er macht einen Sprung kopfüber rückwärts.Streckt seine Arme aus.Öffnet seine Hände, um die seines Kollegen auf der Schaukel zu ergreifen.Und dann - knapp vorbei.Der Fliegende greift ins Leere, saust in die Tiefe.Erst kurz vor dem Bühnenboden wird er durch zwei Seile abgebremst.Es ist diese Möglichkeit des Scheiterns, die eine Revue erst spannend macht.Gibt es nur noch Animationen, werden Artisten verzichtbar.

Premiere von "Elements" am 27.2.um 20 Uhr.Am 28.2.um 16 und 20 Uhr, danach bis Januar 2000 Dienstag bis Freitag 20 Uhr Sonnabend 16 und 20 Uhr und Sonntag 16 Uhr

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