Kultur : Der Doktor muss weg

Literarisches Spiegelkabinett aus Schweden: Kerstin Ekmans „Tagebuch eines Mörders“

Marianna Lieder
Foto: picture-alliance / dpa

Zyankali riecht nach Marzipan. Der Arzt Pontus Revinge erfährt dies aus einem toxologischen Nachschlagewerk Jahre nachdem er seinen Vorgesetzten vergiftet, dessen Praxis übernommen und die Witwe geheiratet hat. Die genetisch bedingte Unfähigkeit, den Bittermandelgeruch wahrzunehmen, teilt er mit der Hälfte der Menschheit. Ansonsten ist Revinge ein Außenseiter. „Geschlechtlicher Umgang“ ist ihm zuwider – allein aufgrund der Folgen, deretwegen ihn seine Patienten aufsuchen: Syphilisgeschwüre, Abtreibungswünsche. Die Ruhmsucht seiner Zeitgenossen verachtet er ebenso wie die „Höflichkeit und Häme“ des alltägliche Geplappers. Einzig im schriftlichen Selbstgespräch scheint Wahrhaftigkeit möglich.

„Ein Mann braucht einen Ort, an dem er seinen Gedanken und Ideen unverblümt Ausdruck verleihen kann“, lautet der Satz, mit dem Kerstin Ekman ihren Helden seine Aufzeichnungen im Stockholm des Jahres 1906 beginnen lässt. Unter dem Titel „Tagebuch eines Mörders“ ist der Roman, mit dem die 78-jährige grande dame der schwedischen Gegenwartsliteratur 2009 die nordischen Bestsellerlisten anführte, nun auf Deutsch erschienen.

Ekman arbeitet dabei nicht mit dem Bauplan herkömmlicher Schwedenkrimis. Wer wen auf dem Gewissen hat, ist nach der ersten Seite kein Geheimnis mehr. Dafür gibt die Deutung des Verbrechens, die der Mörder vornimmt, umso mehr Rätsel auf. Schwer krank sieht Revinge ein letztes Mal seine Tagebücher durch. 13 Jahre lang verbrachte er fast jede Nacht damit, seine Ideen aufzuschreiben. Für den letzten Schliff griff er zumeist auf die Worte anderer zurück: Nietzsche liefert ihm das Vokabular für die Selbstbeschreibung als Übermensch, von Strindberg hat er sich die misogyne Gesellschaftskritik zu eigen gemacht. Am prägnantesten jedoch findet Revinge sein Wesen im Werk von Hjalmar Söderberg beschrieben. 1905 erschien Söderbergs Roman „Doktor Glas“. Die Geschichte eines Arztes, der einen Pastor vergiftet, um dessen Frau aus ihrem ehelichen Inferno zu befreien, löste damals einen Skandal aus.

Heute gilt der Roman als eines der Glanzstücke des skandinavischen Fin-de-siècle. Ekman rückt ihn auf raffinierte Weise ins Zentrum ihres literarischen Spiegelkabinetts. Sie lässt Revinge auf Söderberg treffen, als dieser noch an seinem Werk arbeitet – ein kurzes Gespräch, bei dem der Schriftsteller beiläufig die Frage nach der idealen Mordmethode stellt, die Revinge mit dem Hinweis auf Zyankali beantwortet. Ekmans Protagonist stilisiert sich daraufhin zum realen Vorbild für Söderbergs Titelhelden.

Bei dem Versuch sein Selbstbild mit der Beschreibung des altruistisch mordenden Doktor Glas abzugleichen, kommen bei Revinge sämtliche Selbstverblendungsmechanismen zum Einsatz. Wahlweise deutet er den Mord an seinem Chef, dem abgehalfterten Lebemann Johannes Skade, als Ausdruck puren Daseinsüberschwangs. Oder er macht sein Verbrechen zum heroischen Akt, durch den er Skade daran hinderte, den anzüglichen Blicken, mit denen er seine Stieftochter Frida musterte, schändliche Taten folgen zu lassen. Seine schlüpfrige Passion für das Mädchen idealisiert Revinge selbstverständlich, dafür leidet er umso mehr an der Niedrigkeit der Welt. Von seinem Schicksalsautor fühlt er sich da im Stich gelassen.

Söderberg, so sein Vorwurf, hülle alles in einen melancholischen Schleier, verschließe die Augen vor Schmutz und Trivialität. In diesem einen Punkt deckt sich die Ansicht des Tagebuchschreibers mit der Ekmans. Ihre Hommage an „Doktor Glas“ wird immer mehr zur kritischen Bestandsaufnahme. Als Vertreterin eines psychologischen Realismus wendet sie sich gegen das Pathos einer vergangenen Epoche, geißelt die Tendenz zur nietzscheanisch eingefärbten Verklärung der menschlichen Natur, kritisiert überspannte Keuschheitsideale und andere zeitgeistbedingte Auswüchse, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Eingang in die Literatur fanden.

Doch während Revinge keine Gewissensbisse plagen, scheint Ekman Skrupel gehabt zu haben. Hinter ihrem einfallsreich durchkomponierten Roman ist die Absicht eines respektvollen literarischen Vatermordes zu erkennen. Der Anschlag scheitert jedoch, weil lediglich jene Aspekte im Werk Söderbergs attackiert werden, die sich ohnehin überlebt haben. Marianna Lieder

Kerstin Ekman: Tagebuch eines Mörders. Roman. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder. Piper Verlag, München 2011, 256 Seiten, 17,95 €.

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