Kultur : Der Doktor-Schiwago-Faktor

Von Sibirien gibt es viele Klischees, und alle stimmen – ein bisschen. Damit spielt auch der historische Roman von James Meek. Ein Ortstermin mit dem Autor

Stefanie Flamm

Zwölf Grad über null sind in Krasnojarsk kein Grund, einen Mantel zu tragen. Die jungen Frauen bleiben trotz des jähen Kälteeinbruchs konsequent beim bauchfreien T-Shirt, die älteren entblößen ihre Beine noch bis weit übers Knie. Sie wissen, dass sie ihre vorbildlich ausgemergelten Körper schon bald in dicke Pelze hüllen müssen und genießen, was vom Sommer übrig bleibt. Viel ist es ohnehin nicht. Im Laufe des September wird es den ersten Nachtfrost geben, danach, sagt Ludmilla, die Reiseführerin, könne man den sibirischen Herbst in Stunden zählen. Ab Oktober verschwinde die gewaltige Landmasse zwischen Ural und Pazifik dann unter einer dicken Eisschicht. Und ein bisschen schade sei es schon, dass es noch nicht so weit ist, findet James Meek, dessen in Großbritannien extrem erfolgreicher Sibirienroman „People’s Act of Love“ kürzlich für den Booker-Preis nominiert wurde.

Der Droemer-Verlag, der das Buch unter dem merkwürdigen Titel „Die einsamen Schrecken der Liebe“ auf Deutsch herausbringt, hat ihn auf diese Reise eingeladen. Sie führt von der Millionenstadt Krasnojarsk in ein sibirisches Dorf, in dem es zwar ein Museum, aber kein einziges Geschäft gibt, mit der Transsibirischen Eisenbahn weiter nach Irkutsk am Baikalsee, dem größten und wahrscheinlich auch schönsten Binnengewässer der Welt. Doch für Meek, der von 1991 bis 1999 Russland-Korrespondent des „Guardian“ war und seither wieder in London lebt, ist es auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Seit seiner Rückkehr aus Moskau hat er für seine Zeitung aus Afghanistan, dem Irak und Guantanamo-Bay berichtet. Die Welt und auch Russland haben sich in den letzten sechs Jahren verändert. Nur in Krasnojarsk merkt man das nicht sofort. Meek macht sich Notizen.

Die schnurgeraden, in den 50er Jahren aus dem Boden gestampften Straßen heißen noch immer nach Marx, Lenin und dem Weltfrieden. Die Thermoglas-Fassade des Hotels „Oktober“ leuchtet auch nach der Renovierung noch wie der Palast der Republik zu seinen besten Zeiten. Dahinter, irgendwo im toten Winkel der Millionenstadt, türmt sich ein Betonskelett in den Himmel. Dort sollten die regionalen Aluminium- und Nickelkombinate einmal ein schickes Hauptquartier bekommen, doch das Gebäude wurde vor der Privatisierung Anfang der 90er Jahre nicht fertig. Im Sommer wird diese sozialistische Investitionsruine nun an Bungee-Jumper vermietet. Im Winter verschwindet sie unterm Schnee. Gottseidank, sagt Ludmilla, die Reiseführerin.

Im Winter ist es überall in Sibirien schön. Dann versteht man, warum die nomadischen Ureinwohner das Land „schlafende Erde“ nannten, warum westliche Neoromantiker bis heute von der Unberührtheit einer Region schwärmen, die schon im 18. Jahrhundert von russischen Kosaken kolonialisiert und im 20. Jahrhundert von Millionen sowjetischer Strafgefangener industrialisiert wurde. Davon berichteten die Erzählungen deutscher Spätheimkehrer und Alexander Solschenizyns Jahrhundertwerk „Archipel Gulag“. Doch nichts hat das westliche Sibirienklischee so geprägt wie David Leans Film „Doktor Schiwago“. Das Bild von Omar Sharif und Julie Christie, die als Jurij und Lara fernab der Zivilisation für eine kurze Zeit das Glück ihres Lebens finden, scheint immer durch, wenn von diesem mysteriösen „Land der Hoffnung, Land der Verbannung“ die Rede ist.

Auch der Droemer-Verlag setzt bei der Vermarktung von Meeks Sibirienroman offensiv auf den Schiwago-Faktor. Auf dem Schutzumschlag sieht man einen Zug durch ein schneebedecktes Niemandsland rasen, darüber schwebt das bleiche Gesicht einer Frau. Und als wäre das nicht genug, behauptet das Vorwort auch noch, dem 42-Jährigen Schotten sei ein „nahezu klassischer russischer Roman“ gelungen. Doch das, sagt Meek, würde er sich nicht anmaßen. Er ist mit einer Russin verheiratet und weiß, dass die es nicht mögen, wenn man in ihrem Terrain wildert. „Ich habe mich sogar vor Julias Reaktionen gefürchtet“, sagt er. Doch ihr hat „People’s Act“ gefallen. Russisch fand sie allerdings höchstens die Landschaft. Und klassisch ist in diesem hochpolitischen Buch gar nichts.

„People’s Act of Love“ spielt im Jahre 1919 „irgendwo zwischen Omsk und Krasnojarsk“, wo entlang der Trasse der Transsibirischen Eisenbahn ein blutiger Bürgerkrieg tobt. In dem fiktiven Dorf Jasyk haben die versprengten Reste der österreichisch-ungarischen Armee das Sagen. Diese „Tschechische Legion“ hat im Ersten Weltkrieg auf Seiten des österreichischen Kaisers gegen den Zaren gekämpft, und weil sie hier nicht so schnell wegkommt, kämpft sie jetzt auf Seiten der zarentreuen Weißen gegen die Rote Armee. Aber ihr Kommandant Matula träumt davon, von Jasyk aus mit einem Haufen demoralisierter Soldaten die Welt zu erobern. Für diesen Matula ist Sibirien Projektionsfläche für seinen eigenen Größenwahn, ein Land, in dem nichts unmöglich ist. Sein Schöpfer Meek hingegen spielt damit, dass dieses Sibirien im Kopf des westlichen Lesers sowieso schon Fiktion ist. Ein unbekanntes Riesenreich, in dem das Unvorstellbare realistisch erscheint.

Neben oder besser gesagt: unter den Tschechen lebt in Jasyk noch eine christliche Kastratensekte, deren Anhänger glauben, durch Selbstverstümmelung das Paradies schon auf Erden errichten zu können. Später gelangt ein entlaufener Strafgefangener namens Samarin hinzu, der angeblich von einem Menschenfresser gejagt wird, wobei schon bald nicht mehr klar ist, wer hier eigentlich wen essen will. Und dann gibt es dort noch Anna Petrowna, eine schöne, hoch begabte Fotografin, die ihren Mann schon vor Jahren an die Kastraten verloren hat und sich nun von dem geheimnisvollen Samarin erhofft, was ihr Mann ihr nicht mehr geben kann. Doch Samarin hält alle menschlichen Regungen für Schwäche. Er glaubt nur noch an die Macht der Zerstörung und ist damit von apokalyptischen Visionen der Kastraten gar nicht so weit entfernt. „Am Ende werden sich die Vernichter gegenseitig vernichten, und das ist das Ende. Das ist ihre Legitimation dafür, sich im Empfinden der Allgemeinheit wie Bestien zu verhalten. Sie sind jenseits von Gut und Böse. Sie sind furchtbar, grausam, blutig. Aber sie entziehen sich jedem Urteil, wie eine Naturgewalt, über die man auch nicht urteilt, ganz gleich wie viel Angst sie verbreitet.“

In dieser knappen Zusammenfassung liest sich das wie das Drehbuch zu einem russischen Gruselschocker, das man beiseite legen könnte, bis der Film ins Kino kommt. Doch das ist es nicht. Meeks genialster literarischer Trick besteht gerade darin, dass es in seinem sibirischen Mikrokosmos keine Helden und keine Antihelden mehr gibt, weil das Gut-Böse-Schema in einer Welt, die auf dem Kopf steht, nicht funktioniert. Beim Schreiben hat er sich manchmal vorgestellt, er sei in Anna verliebt und Samarin sein Rivale, ein Rivale, gegen den der wohlerzogene Brite, der sich jeden Satz dreimal überlegt, keine Chance hätte. Um Annas Emotionen verständlich zu machen, hat Meek ihn mit dem ganzen Sexappeal des Revolutionärs ausgestattet: Schön, groß und klug, zieht er den Leser gleich mit in ein Wahnsystem hinein, das, wenn man die Geschichte zu Ende denkt, nicht so weit hergeholt ist. Am Ende gelten die Zehn Gebote nicht einmal mehr für die Kastraten.

Seit „People’s Act of Love“ auf dem Markt ist, wird Meek von der „Times“ als Erneuerer des bisher als eher piefiges Tanten-Genre verschrieenen historischen Romans gefeiert. Der „London Review of Books“ hingegen attestiert dem Journalisten eine enge „Verwandtschaft mit Kafka und Marquez“. Meek rührt in seinem Espresso, den der Kellner im Hotelcafé nach der dritten Aufforderung endlich gebrüht hat, schaut auf den Kronleuchter, der teuer aussehen soll, leider aber doch ziemlich billig wirkt. Freundlichen Kritikern glaube man schließlich alles, sagt er. Doch wenn er ehrlich ist, hat ihn am Anfang vor allem der Stoff gereizt. Kastratensekten, die bis in die 20er Jahre hinein einem eigenartigen Erlösungskult huldigten, hat es in Sibirien wirklich gegeben. Auch die Hasardeure der tschechischen Legion sind nicht seine Erfindung und charismatische Terroristen, die für Samarin Pate gestanden haben könnten, finden sich genug. Jasyk, das Dorf, in dem sie alle aufeinander treffen, ist eine Erfindung. Deshalb kann man es Ludmilla, der Reiseführerin, auch nicht übel nehmen, dass das Dorf, das sie Meek und seinen Gästen zeigen will, mit diesem Hort des modernen Irrsinns nicht viel zu tun hat.

Mit dem Minibus braucht man von Krasnojarsk eine halbe Stunde dorthin. Und siehe da: Die Dächer sind kein bisschen schief, die Fenster geputzt. Die Wege wurden schon in den 80er Jahren geteert, als Viktor Astafjew, ein sowjetischer Heimatdichter, hier, in seinem Sommerhaus, Besuch von Michail Gorbatschow erwartete. Weil die Straßen seither als limousinentauglich gelten, wurden auch Jelzin und Putin hierher gebracht, wenn es sie nach Landluft verlangte. Putin hat sich letzten Herbst sogar im Gästebuch des Astafjew-Museums für dieses „schöne und interessante Erlebnis“ bedankt. Das Haus fand er bemerkenswert bescheiden, sagt die Wärterin. So ganz ohne Heizung und fließend Wasser. „Sie hat ihm wohl nicht gesagt, dass der Dichter noch eine Winterwohnung in Krasnojarsk hatte“, entgegnet Meek auf Russisch. Es ärgert ihn, dass sie ihn wie einen Touristen behandelt. Er ist zu seiner Korrespondentenzeit oft und lange durch dieses Gouvernement gereist. Vor allem in den Dörfern konnte man begreifen, warum Russland sich mit seinen Reformen so schwer tat, warum das alles so lange dauerte und nie zum gewünschten Ergebnis führte. „Verfall, Schlamm, Alkohol, das ist das russische Dorf“, sagt er auf der Rückfahrt. Ludmilla, die Reiseführerin, lobt vor allem die Landschaft: sanfte Hügel, Mischwald, der noch in vollem Grün steht.

Die sprichwörtliche russische Ebene beginnt erst weiter östlich. Dort wachsen nur noch Birken. Im hohen Norden, wo zu sowjetischen Zeiten die Straflager waren und heute all die Bodenschätze gefördert werden, denen Russland sein neues Geld und sein neues Selbstbewusstsein verdankt, wächst gar nichts mehr. James Meek hat auf einer Recherchereise nach Norilsk einmal zwei ehemalige Zwangsarbeiterinnen getroffen, die irgendwie dort hängen geblieben waren und nach 50 Jahren am Polarkreis nicht mehr wussten, wie ein Baum aussah. Ihre Erzählungen hat er Samarin, der ja angeblich einem Straflager entflohen ist, teilweise in den Mund gelegt: „Die Verbindung zwischen dem, wo du bist, und wo du früher mal warst, ist so gründlich gekappt, dass du gegen die Pfähle des Landungsstegs treten musst, um glauben zu können, dass sie mehr als nur ein Traum ist.“

Im Buch ist das die Fantasie eines skrupellosen Visionärs, der nie in diesem Weißen Garten war, weil es solche Lager zu seiner Zeit noch gar nicht gab. Im Vergleich zum stalinistischen Gulag waren die Straflager der Zaren Kurparks, aus denen man beizeiten wieder herauskam. Erst die Industrialisierung und Leute wie Samarin haben das Straflager zum Todeslager gemacht. 1929 verlangte Stalin, die Arbeitskraft der Gefangenen „effektiv zu nutzen“, und je mehr Arbeit es gab, desto mehr Strafgefangene wurden gebraucht. Zur Zeit der großen Säuberungen bis zu zwölf Millionen.

Ludmilla, deren Aufgabe es nun einmal ist, die Heimat zu loben, hört das alles nicht gern. Es sei nicht alles schlecht gewesen, sagt sie. Und es sei heute auch nicht alles gut. Sie schaut auf die Hochzeitsgesellschaft, die auf dem nächsten Parkplatz eine Sektpause einlegt. Die Frauen, nicht nur die Braut, sind herausgeputzt wie Schwäne auf Stöckelschuhen, die Männer wanken schon ein bisschen. Weil er zu früh mit dem Trinken beginnt, wird der sibirische Mann nicht alt. Im Schnitt nur noch 58 Jahre. Die Frauen, deren Lebenserwartung immer noch deutlich darüber liegt, müssen sich dann einen anderen suchen. Und weil man damit nicht zeitig genug anfangen kann, werfen sie Meek und seinem hoch gewachsenen Presseagenten schon einmal schmachtende Blicke hinterher. Der Presseagent denkt sogar für einen kurzen Moment darüber nach, wie es einem Mann wohl ergehe, der wegen eines solchen Blickes „hier hängen bleibt“. Meek kann darüber nur lachen. „Sie wollen nicht, dass du bei ihnen hängen bleibst, sie wollen, dass du sie hier rausholst.“ Gut zwei Millionen Menschen hat Sibirien in den letzten 15 Jahren durch Abwanderung und sinkende Geburtenraten verloren. Der Trend hält an. Vor allem die Jungen zieht es aus dem russischen Hinterland nach Moskau oder noch weiter nach Westen.

„In Böhmen braucht man nur zehn Kilometer zu fahren, und schon ist alles anders. Hier fährt man Tausende von Kilometern, und überall sieht es gleich aus. Platt mit Birken und Krähen“, klagt in Meeks Roman einer der hier gestrandeten Tschechen. Und daran hat sich bis heute wenig geändert.14 Stunden dauert es mit dem Zug von Krasnojarsk in die nächste größere Stadt Irkutsk. 14 Stunden lang sieht man nichts als Birkenwälder und winzige Dörfer, die kein Präsident je besuchen wird. Die Fernsehantennen scheinen ihr einziger Draht zur Gegenwart zu sein. Und vielleicht erklärt das, warum die auf allen Kanälen so vorteilhaft präsentierte Putin-Partei „Die Einheit“ auf dem platten Land immer so gute Ergebnisse erzielt. Doch vielleicht ist es Menschen, die den ganzen Sommer Holz sammeln müssen, damit sie im Winter nicht frieren, auch einfach egal, wer in Moskau die Vertikalen der Macht neu justiert. Der Kreml ist weit weg.

Als die Bahn gegen sieben Uhr früh in Irkutsk einfährt, scheint endlich die Sonne, aber es ist noch immer kalt. Auf den Schindeldächern der Holzhäuser rund um den Bahnhof glitzert der Tau. Tschechow hat die Stadt das Paris des Ostens genannt. Bis heute wirkt sie ziemlich westlich: Jugendstilfassaden in der Innenstadt, Theater, Museen und Geschäfte, in denen auch verwöhnte Moskauer nicht verzweifeln müssen. In Irkutsk hatte die Tschechische Legion bis 1919 ihr Hauptquartier. Aber sie hat keine Spuren hinterlassen, nur schlechte Erinnerungen. Sie soll die Bevölkerung derart brutal ausgepresst haben, dass selbst Royalisten froh waren, als Ende des Jahre 1919 die Rote Armee einmarschierte. Das sagt jedenfalls Stas, unser neuer Mann für Sehenswürdigkeiten.

In Meeks Buch fällt das Urteil etwas milder aus. Seine Tschechen sind traurige Tröpfe, die alle Relationen verloren haben. Sie kämpfen mit den Weißen, sympathisieren mit den Roten und wollen doch nur nach Hause, obwohl sie wissen, dass dieses Zuhause, die Österreichische Monarchie, schon kurz nach dem Zarenreich untergegangen ist. Bis auf den durchgeknallten Kommandanten lässt Meek sie alle davonkommen. Wladiwostok, Pazifik, Amerika, Atlantik, Normandie, Prag. Das war, als die Welt sich zu teilen begann, der kürzeste Weg von Sibirien nach Europa. Er konnte Jahre dauern. Mit dem Flugzeug über Moskau schafft man das heute in gut neun Stunden.

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