Kultur : Der Dolmetscher

Annabelle Seubert
Aus dem Dunkel ins Licht der Opernbühne. Lutz Walter vor seinem Instrument, dem Laptop. Foto: David von Becker
Aus dem Dunkel ins Licht der Opernbühne. Lutz Walter vor seinem Instrument, dem Laptop. Foto: David von Becker

Er sitzt allein in seiner Kammer und spricht von „Märchenwelt“. Drückt die ewig gleiche Leertaste und erzählt von „Spaß“. Kaut unentwegt Kaugummi und schwärmt von „Aufregung“. Lutz Walter liebt es, wenn sich der Saal füllt. Wenn das Stimmengewirr verebbt. Wenn sich der Vorhang öffnet, das Licht ausgeht.

Lutz Walter ist Übertitler. Er ist derjenige, den in der Deutschen Oper niemand beachtet, weil alle in die andere Richtung schauen. Der in einem kleinen, düsteren Raum hockt, hinter den billigsten Plätzen. Er ist zuständig dafür, dass auf einer schwarzen Projektionsfläche über der Bühne weiße Sätze erscheinen. Verantwortlich dafür, dass das Publikum versteht, was auf der Bühne passiert.

„Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren!“, trällert Prinz Tamino, während er mit einer mächtigen Schlange kämpft. Die „Zauberflöte“ hat gerade begonnen. Walters leichteste Übung. Erstens kennt er die Musik im Schlaf. Zweitens lässt es sich die drei Stunden aushalten, ganz da oben, zwischen dem rauschenden Beamer, riesigen Beleuchtern und den mit Schaumstoff zugekleisterten Wänden.

Lutz Walter sitzt fast im Dunkeln. Nur ein Lämpchen brennt, wirft Schatten auf den Laptop neben ihm und seine Cordhose. Sie ist pink. Der 47-Jährige blickt auf den Notenständer vor sich, auf Mozarts Klavierauszug. Auf den Take, diesen roten Strich, der den nächsten Einsatz des Opernsängers markiert. Gleich muss Walter die breite Taste der Tastatur zu fassen kriegen. Gleich muss die nächste Powerpoint-Folie her. Jetzt. „Ach, rettet mich! Ach, schützet mich!“ Tamino singt, der Text blinkt.

„Man muss aufpassen.“ Lutz Walter packt einen neuen Kaugummi aus. „Man muss wach sein.“ Selbst bei der Zauberflöte mit mickrigen 180 Seiten Noten und 493 Takes. „Der Rosenkavalier, das ist Hochkonzentration!“ Richard Strauss. 270 Minuten. Grob 500 Seiten. 1500 Takes. Dafür muss man Ruhe bewahren. Lässig sein. Aber organisiert. „Ich bin ein Sicherheitsmensch“, sagt Walter, der immer schon eine Stunde vor Aufführungsbeginn in der Oper ist. Der in seinen 29 Jahren an der Deutschen Oper einen Technikausfall, einen Stromausfall und den Herzanfall eines Dirigenten erlebt hat.

Als Statist fing er an, als Götz Friedrich noch Generalintendant und Chefregisseur war. „Der mochte mich“, erklärt Walter. „Irgendwann.“ Und dann: „Es dauerte Jahre.“ Er plaudert über die Fächer, die er mal studiert hat, Jura und Geschichte und Schauspiel. Oder von seinem Glück, tagsüber so viel Freizeit zu genießen und sonst aus reicher Familie zu stammen. „Mittags lege ich mich meistens noch ein Stündchen hin.“ Oder von seinem Job, der unabhängig macht, der ihn mit „irgendwie verspielten“ Menschen arbeiten lässt, der einfach völlig irre ist, „wissenserweiternd“.

Wissenserweiternd sind auch die Übertitel. Oder? Als sie 1993 eingeführt und zunächst mit Dias, dann mit Filmrollen projiziert wurden, waren die Opernfans nicht gerade erfreut. „Störend“, lautete das Urteil, „vom Kunstwerk ablenkend.“ Platt, banal. Götz Friedrich erlaubte die Neuerung an seiner Oper bloß bei fremdsprachigen Stücken und Premieren. Für manche Inszenierungen legte er sogar eine bestimmte Anzahl von Übertiteln fest, die nicht überschritten werden durfte. Erst 2004, unter der Intendanz von Kirsten Harms, wurden die meisten Vorstellungen für den Zuschauer „lesbar“.

Mittlerweile haben sich Übertitel etabliert. Locken sie doch Menschen mit geringen Fremdsprachenkenntnissen in die Oper. Oder solche, die „Lohengrin“ noch nicht auswendig können. „Für viele ist es wertvoll, den Inhalt mitzulesen, selbst wenn sie ein Stück gut kennen. Man ist doch immer überrascht, wenn man in dem Moment, wo etwas geschieht, begreift, was da geschieht“, meint Miriam Konert. Die Dramaturgieassistentin weiß, wie viel Arbeit Übertitel bedeuten.

Seit dieser Spielzeit tüftelt die gebürtige Münchnerin Übersetzungen aus, fragt sich, wo ein Gedankenstrich, ein Punkt fehlt. Wagners „Fliegender Holländer“ ist so ein Fall. Da heißt es an einer Stelle: „Senta! Senta! Was willst Du tun?“ Ein Problem. Schreibt man zwei Mal „Senta“ in die Übertitel? Schreibt man überhaupt „Senta“? „Letzten Endes ist ,Senta’ etwas, das der Zuschauer versteht,“ gibt die 34-Jährige zu bedenken. Nach Diskussionen mit dem Regisseur und einem Lektor überprüft sie Rechtschreibfehler, fügt „Blacks“ in die Powerpoint-Präsentation ein: Folien ohne Text, die stehen bleiben, wenn nur das Orchester spielt. „Eine rein musikalische Stelle, die für sich wirken soll.“ Miriam Konert, die Drahtzieherin.

Lutz Walter, der Macher. Ab und zu nickt er mit dem Kopf, wippt mit dem Fuß. Papageno schlüpft unter dem sich senkenden Vorhang hindurch, schafft es nur knapp. „Kein Applaus?“, flüstert Walter, beinahe gekränkt. Er analysiert die Stimmungen der Zuschauer: „Das Montagspublikum ist verhalten. Das Freitagspublikum gelöst.“ Dann kichert er, weil sich jemand hörbar die Nase putzt. Walter hält sich die Hand mit dem großen goldenen Ring vor den Mund: „Die Zaubertröte!“

Wenn vorne applaudiert wird, kaut Walter hinten Kaugummi. Er mag den Nervenkitzel während der Aufführung, beteuert er. Die Fluchtperspektive, aus der er Sänger, Bühnenbild und Orchestergraben beobachten kann. Seine Märchenwelt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben