Kultur : Der Domina-Effekt

Porno und Postfeminismus: Peaches veröffentlicht ihr drittes Album

Nadine Lange

Eine kleine Frau mit komischer Frisur und knapper Hose tobt auf einer Bühne herum. Zu billigen Beats schreit sie obszönes Zeugs, drischt in eine immer wieder streikende E-Gitarre und schwitzt dabei wie verrückt, obwohl sie kaum etwas anhat. Ihr gegenüber: ein paar hundert Menschen, die ratlos zuschauen. Peaches funktioniert nicht bei Tageslicht, das zeigte ihr völlig vermurkstes Konzert bei einem Berliner Open-Air-Festival vor wenigen Sommern. Was im Scheinwerferlicht verrucht oder provokant gewirkt hätte, sah hier nur aus wie eine peinliche Freakshow. Was nur beweist, wie fragil das Zeichenuniversum der Kunstfigur Peaches ist.

Im Zentrum stehen stets die pinken Hotpants. Formatfüllend prangten sie auf dem Cover ihres vor sechs Jahren veröffentlichten Debüts „The Teaches of Peaches“ (kitty-yo). Die inzwischen zum Kult avancierte Electroclash-Platte mit dem Peaches-Motto-Song „Fuck The Pain Away“ enthielt zudem ein pinkes Selbstklebe-Tattoo mit der Rückansicht des Höschens. Und auch im Booklet ihrer gerade erschienenen dritten Platte „Impeach My Bush“ trägt die in Berlin lebende Kanadierin wieder eins ihrer superknappen Markenzeichen, das genau wie ihre Songtexte nur eine Botschaft hat: Sex! Aber auf meine Art. Denn den Porno-Chic der Hotpants konterkariert sie immer auch. So lässt sie sich im Video von „Set It Off“ komplett von Scham-, Kopf- und Achselhaar überwuchern. Noch schärfer bringt sie ihre Ablehnung gesellschaftlicher Schönheitsgebote zum Ausdruck, als sie sich auf dem Cover ihrer zweiten Platte („Fatherfucker“) mit rosa Lippenstift und einem dichten Vollbart zeigt.

Kate Moss hat das so beeindruckt, dass sie sich bei einem Fotoshooting für ein Magazin-Cover ebenfalls einen Bart ins Gesicht klebte. Das britische Skandal-Model ist nur einer von vielen prominenten Fans der ehemaligen Erzieherin, die mit bürgerlichem Namen Merrill Nisker heißt: Madonna soll sich zu ihrer Musik in Form halten, Björk und Marilyn Manson nahmen sie mit auf Tournee, Pink ließ sich einen Song von ihr schreiben und Britney Spears hätte auch gern einen gehabt, bekam aber keinen.

Während der Aufnahmen lebte Peaches in einem Studiokomplex in Los Angeles. Zum ersten Mal arbeitete die 38-Jährige mit professionellen Produzenten zusammen. So stand Mickey Petralia, der schon für Beck und die Beastie Boy gearbeitet hat, hinter den Reglern. Zudem half Gwen Stefanis Musical Director Greg Kurstin, der auch an zwei Songs mitschrieb: Besonders die Single „Downtown“ ist verglichen mit früheren Tracks süßlicher und sauberer ausgefallen. Da der Text etwas weniger explizit ist, könnte Peaches damit tatsächlich neue Hörer gewinnen.

Ansonsten ist alles beim Alten: Es gibt Schepperbeats, Hard-Rock-Riffs, laszives Gestöhne und jede Menge versaute Lyrics. Wer darauf spekuliert hatte, dass das doppeldeutige Wortspiel im Titel der Platte sowie das Cover-Foto mit der Pailletten-Burka auf eine neue politische Peaches hindeutet, wird enttäuscht: Das nicht mal eine Minute lange Eröffnungsstück „Fuck Or Kill“ ist nur ein netter Scherz, ein Up-Date zum Thema „Make Love, Not War“. Allerdings versteht sich Peaches wieder bestens auf verqueren Sex-Humor. Eine Gaga-Zeile wie „Slippery dick/ it’s just a fish in the atlantic“ macht ihr so schnell niemand nach.

Noch etwas mehr als auf den beiden Vorgängeralben geht es auf dieser Platte um Schwänze, die Peaches keineswegs als reine Männersache betrachtet. So lässt sie bei Konzerten Tänzerinnen mit Umschnall-Dildos auftreten und auch ihr E-Gitarren-Spiel ist als eine Phallus-Aneignung zu sehen. Zwei Penisse spielen denn auch die Hauptrollen im provokantesten Stück der neuen Platte. Es heißt „Two Guys (For Every Girl)“ und ist eine kleine, schmutzige Pornofantasie mit zwei Hetero-Männern. Damit möchte Peaches die männliche Vorstellung eines „Dreiers“ umkehren, um auf Machtstrukuren in der Sexualität hinzuweisen. „Männer sollten genauso sexualisiert werden wie Frauen. Dann wären die Rollen wieder gleich verteilt“, erklärt sie in einem Interview. Diese arg simple Denkweise erinnert ein bisschen an die kleine Schwester, die jeden Unsinn, den der große Bruder anstellt, auch ausprobieren möchte. So sagt Peaches „Fatherfucker“ weil die bösen Gangster-Rapper dauernd „Motherfucker“ sagen. Das ist zwar für einen Moment durchaus erhellend, doch im Grunde stellt es nur ein Gleichgewicht des Schreckens her.

Respekt scheint völlig undenkbar. Hier zeigt sich die Limitiertheit von Peaches Ansatz, der immer nur von Körpern als (Sex-)Objekten her denkt, dabei aber nicht berücksichtigt, dass sich in ihnen soziale Verhältnisse spiegeln. Körper sind nicht neutral. Die Macht andere zum Objekt zu machen haben nur wenige – meistens Männer. Doch alle Schwächen von „Impeach My Bush“ sind wie fortgeblasen, sobald der beste Song des Albums aus den Boxen dröhnt: „The Boys Wanna Be Her“ ist ein unwiderstehliches Glamrock-Monster mit eingebauter Mitspringgarantie. Ein Song, für den man der Domina des Electro-Punk gerne noch für ein paar Runden die Treue halten möchte.

Peaches, Impeach My Bush ist bei XL Recordings/Indigo erschienen.

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