Kultur : Der Dompteur und die Bestie

Harald Schmidt unplugged: Seine Hoheit und Adjutant Andrack starten ihre neue Karriere in der Provinz

Oliver Fink

Licht aus. Frenetischer Beifall. Auftritt: „Willkommen in Pforzheim!“ Zwei Tische. Zwei Stühle. Ein Steinway, links. Ein Schallplattenspieler, rechts. Die Harald-Schmidt-Show unplugged. Seine Schmidtliche Hoheit: leger, trägt einen dunkelblauen Anzug, braune Schuhe, einen braunen Gürtel, weißes Hemd (aufgeknöpft), keine Krawatte. Das ergraute Haar länger als zuletzt gewohnt. Ein bisschen sieht er aus wie Rudi Völler bei der EM, nur ohne Schnauzer, dafür mit Brille. Nach etwa 45 Minuten kommt „Überraschungsgast“ Manuel Andrack dazu: langärmeliges, orangefarbiges Shirt, Blue Jeans. Und mit einem roten Rucksack auf dem Rücken. Das bedeutet: Der verbliebene Rest der Harald-Schmidt-Show ist auf Deutschland-Tournee.

Rund ein halbes Jahr nach dem (vorläufigen) Abschied vom Fernsehen stehen die beiden wieder gemeinsam auf der Bühne. Harald Schmidt betätigt sich in Pforzheim, nach dem Tournee-Auftakt in Heilbronn, zunächst als Missionar: „Macht eure eigenen Comedy-Shows“, ruft er mit erhobenen Armen in den ausverkauften Saal. Und bietet einen Crashkurs an in Sachen Stand-up-Comedy. Ein dramaturgischer Kniff, um Schmidts Selbstreferentialität einen Rahmen zu geben. Gags und Pointen werden kommentiert, reflektiert, dekonstruiert. Man kennt das. Serviert wird wie immer Aktuelles. Wer wird neuer DFB-Trainer? „Eine Frau als Nachfolgerin funktioniert immer.“ Ansonsten kein Wort zu Anke. Ein paar Sätze aber natürlich zur „Werkstatt Deutschland“ (Horst Köhler). Hier eine Publikumsbeschimpfung („Der Fan ist langsam im Kopf“), dort eine Publikumstheorie: „Es bringt nichts, sich mit dem Publikum zu verbrüdern. Das Publikum ist eine Bestie. Ich bin der Dompteur.“

Er ist gewohnt brillant, die paar Durchhänger funtionieren gut als retardierende Momente. Es zeigt sich aber, dass Harald Schmidt auf einen wie Manuel Andrack eben doch angewiesen ist. Zwei Stunden ohne Pause? So möchte man sich sein Solo-Programm der dauernden Abschweifungen und der The-Medium-Is-The-MessageImprovisationen dann doch nicht vorstellen. Die wirklichen Stärken liegen im misslingenden Dialog, im Schlagabtausch, im Duell. Als Konzept waren die letzten Jahre der Schmidt-Show tatsächlich die besten. Das beweist Pforzheim. Weil es auch ohne Fernsehen klappt.

Andrack hat seinen ersten Auftritt als Wolf-Dieter „Poschi“ Poschmann. Einer der Höhepunkte des Abends. Mit Schmidt als Franz Beckenbauer rekapitulieren sie im Stil des EM-Halbzeit-Kommentars den ersten Teil der Show als Sportereignis. Später wird Schmidt als Helmut Kohl in Altkanzler-Pose seine gesamte Karriere von den Anfängen als durch die Lande tingelnder Kabarettist über „MAZ ab“ bis zur HaraldSchmidt-Show Revue passieren lassen. Dazwischen harte Worte für Haim Saban und Heiteres zu Heidi Klum und ihrem neuen Lover Seal.

Der amerikanische Komponist John Cage hat in den Fünfzigerjahren das Klavierstück 4’33’’ komponiert. Es beginnt mit dem Öffnen des Klavierdeckels und endet nach genau 4 Minuten und 33 Sekunden, ohne dass ein Ton gespielt worden ist. Weiter kann man nicht gehen. Harald Schmidt, das hat er spätestens mit seiner Fernsehshow bewiesen, ist der John Cage der deutschen Unterhaltung. Auf die buddhistischen Sternstunden und auf das anarchische Spiel mit Publikumserwartung und (Sende-)Zeit verzichtet das Bühnenprogramm. Das ist vielleicht der einzige Wermutstropfen an diesem Abend in Pforzheim. In den nächsten zwei Monaten wird Schmidt sein Bühnenprogramm fernab der deutschen Metropolen präsentieren, von Stadt zu Stadt nur leicht variiert.

Das Publikum ist allerdings süchtig nach den Schmidt-Show-Standardsituationen: nach dem Gang durchs Publikum, nach Manuel Andracks Diashow. Und nach den musikalischen Kleinoden: Harald Schmidt intoniert Friedrich Hollaender, Fredy Mercury und Billy Joel, zum Teil sich selbst am Klavier begleitend, mit Ausflügen zu Bach und Beethoven. Andrack grölt Zeltingers „Müngersdorfer Stadion“ (ohne Instrumentalbegleitung) und brilliert mit einer minimalistischen Luftgitarren-Nummer zur Musik der Ramones. Deshalb der Plattenspieler.

Zum Schluss eine Parodie auf den Klagenfurter Bachmann-Wettbeweb (Andrack: „Brauchst du noch eine Rasierklinge?“). Dann ist es schon 22:07 Uhr. Sieben Minuten über der Zeit. Also schnell noch verabschieden: „Es lief super. Viel besser als gestern in Heilbronn. Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Gute Nacht.“ Abtritt. Licht an. Standing Ovations. Keine Zugabe. Und es beginnt von neuem: Warten auf Schmidt.

Nächste Schmidt-Station ist Nürnberg (20.7.). Es folgen Braunschweig (22.8.), Rostock (23.8.), Erfurt (24.8.), Bielefeld (9.9.) und Frankfurt (10.9).

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