Kultur : Der doppelte Autor

Auch bei den 29. Mülheimer Theatertagen triumphiert Elfriede Jelinek – die ewig junge Altmeisterin

Martin Krumbholz

Sieben Stücke waren zu sehen, sieben von mehr als 100 in der Saison 2003/04 uraufgeführten Theatertexten. Elfriede Jelinek und Fritz Kater hatten den Preis, den wichtigsten seiner Art, in den beiden vergangenen Jahren bereits gewonnen und sollten also diesmal eher nicht in Frage kommen. Doch manövrierten sich die fünf Preisrichter bei der öffentlichen Abschlussdiskussion – eines der schönen Rituale der Mühlheimer Theatertage – schnell in ein handfestes Dilemma: erbarmungslos wurde ein Autor nach dem anderen mit nachvollziehbaren Argumenten aus der Debatte gekegelt – bis auf Fritz Kater und Elfriede Jelinek. Dass die österreichische Mülheim-„Veteranin“ (zehn ihrer Stücke wurden hier schon gezeigt), nach 2002 nun erneut den Preis erhielt, ist eine Verlegenheitslösung, die dem deutschsprachigen Drama kaum weiterhilft.

Natürlich ist ihr Stück, „Das Werk“, über das in der Nazi-Zeit mit Zwangsarbeitern gebaute Kraftwerk von Kaprun, wieder ein brillanter, anspielungsreicher, virtuos mit den bekannten Jelinek-Sprachmitteln operierender Text, eine „Textfläche“, um im Mülheim-Jargon zu bleiben, die zwar auf herkömmliche Rollen verzichtet, aber dafür den politischen Furor entfaltet und den Erregungsgrad verrät, für den die Autorin seit langem bekannt ist. „Eine Predigt“, wie es treffend hieß, handelnd von der „doppelten Buchführung der österreichischen Seele“ – von Nicolas Stemann am Wiener Burgtheater relativ souverän inszeniert. Trotzdem hätte man ein Signal erwarten dürfen, wohin die Reise auf den deutschsprachigen Bühnen gehen könnte.

Der knapp unterlegene Fritz Kater war mit dem Abschluss einer Trilogie vertreten, deren Mittelteil, „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“, im letzten Jahr gewonnen hatte. „We are camera“ ist der vergleichsweise dünnere Text. Sein Bonsai-Plot erzählt die Geschichte eines B-Waffenforschers, der 1969 von der BRD in die DDR wechselt. Und er enthält wenig, das einen anderen Regisseur angehen könnte als eben jenen Armin Petras, dessen Identität mit dem Autor ein offenes Geheimnis ist. „Autorentheater“ ohne Umwege: Kater schreibt privatmythologische Texte mit zeitgeschichtlichem Hintergrund für Petras, der das Beste aus ihnen herausholt.

Ohne die exzellenten Schauspieler des Thalia Theaters, auf die der Hausregisseur für sein Experiment zurückgreifen kann, gelänge das natürlich nicht. Namentlich Peter Moltzen, der dem traurigen Scheitern des Agenten Ernst viel Charme abgewinnt, ist sehenswert. Und doch wirkt die eigenwillige Vernetzung epischer und szenischer Elemente redundant. Die Fantasie des Autor-Regisseurs schien schon deutlich stärker beflügelt.

Bemerkenswert oft sind es erst die Inszenierungen, die neue Texte ins rechte und vorteilhafte Licht rücken. Die Kölner Dramaturgin Heike Frank wies zu Recht auf das unschätzbare Verdienst solcherVerplausibilisierungen hin, ohne die es das neue Drama nicht gäbe. Martin Heckmanns’ „Kränk“ über einen Jungen, der eine eigene Kunstsprache entwickelt, um seiner psychisch verwirrten Mutter nahe zu sein, ist ein passabler Text. In Simone Blattners artistischer Frankfurter Inszenierung blüht er allerdings erst richtig auf. Heckmanns erhielt, wie schon im Vorjahr für „Schieß doch, Kaufhaus!“, den Mülheimer Publikumspreis (der nun nicht mehr ins Votum der Jury eingeht). Und Falk Richters „Electronic City“, eine schmale Satire auf Nöte der Globalisierung, eher ein Hörspiel als ein Theatertext, wurde von Tom Kühnel an der Schaubühne ebenfalls entschieden aufgewertet.

Um eine Globalisierungsfarce hat sich auch Moritz Rinke mit den „Optimisten“ bemüht: ein mit Pointen gesegnetes Well Made Play. An dem wurde bemängelt, dass es sich auf Kosten seiner Figuren, einer Handvoll Globalisierungsgegner, die in Nepal in eine tödliche Falle geraten, lustig mache. Gleichwohl wagte Klaus Völker, Rektor der Berliner Ernst- Busch-Schauspielschule, die Prognose, „Die Optimisten“ würden sich auf den Bühnen behaupten. Und in der Tat handelt es sich hier um den wohl publikumswirksamsten der in Mülheim aufgeführten Texte.

Trotzdem: Ein herausragender Jahrgang ist 2003/04 für das junge Theater nicht, wie „Theater heute“-Redakteur Franz Wille bemerkte. Das Stück von Händl Klaus: „Wilde oder Der Mann mit den traurigen Augen“ – auch dies die Geschichte eines Menschen, der an den Rand der Zivilisation gerät und aus ihr herausfällt, aber kryptischer, hermetischer und manierierter als Rinke, wurde als Geheimtipp gehandelt und dann doch als zu leicht befunden. Gegen die Mülheimschen Hausgötter Kater und Jelinek konnte er nicht bestehen. So kam es, dass die Jury in eine Entscheidung hineinstolperte, die ohne Risiko ist und deren Botschaft etwa lautet: Mal abwarten, was die nächsten Jahre so bringen.

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