Kultur : Der doppelte Herbert

CHRISTIAN SCHRÖDER

Alles bleibt anders: Grönemeyers neues AlbumVON CHRISTIAN SCHRÖDERPopmusik überschreitet schnell ihr Verfallsdatum.Den Song, der gestern noch alle Hitparaden anführte, will morgen schon niemand mehr hören.Deshalb ist es zwar relativ leicht, in der Pop-Branche nach oben zu kommen, aber verdammt schwer, dort auch zu bleiben.Wer den Sprung vom One-Hit-Wunder zum Star schaffen will, braucht vor allem eine Tugend: Wandlungsfähigkeit.Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.Anders gesagt: "Bleibt alles anders".So heißt Herbert Grönemeyers neues Album, auf dem der Sänger seinem Deutschrock eine elektronische Rundumerneuerung verpaßt hat.Für die neue Platte, die am Montag erscheint, gibt es 300 000 Vorbestellungen, die im Mai beginnende Tournee ist ausverkauft.Grönemeyer muß längst nur noch einen Gegner fürchten: Grönemeyer.Das Video zur aktuellen Single zeigt einen Krawatten-Grönemeyer, der von einem Schlabbershirt-Grönemeyer verfolgt wird.Herbert I.benutzt Fahrrad, Auto und Bus, kann aber dem dauerlaufenden Herbert II.nicht entkommen.Das Filmchen endet in einer gewaltigen Explosion. Was will uns der Künstler damit sagen? Der Sänger kratzt sich die kurzgeschorenen Haare, dann sagt er: "Da fliegt ein Bestandteil von mir in die Luft.Das alte Ich bleibt über." Wieder kurzes Haarekratzen."Oder ist es vielleicht doch das neue Ich?" Schwer zu sagen, wer da am Donnerstagabend im hippen "Oxymoron"-Club in den Hackeschen Höfen auf einem Loriot-Sofa thronte, als dort der versammelten Weltpresse erstmals das neue Werk präsentiert wurde: der alte oder der neue Herbert? Der neue Herbert erzählte begeistert von Konzertbesuchen bei Roni Size und den Chemical Brothers, der alte Herbert schwärmt von Keyboardteppichen und seiner Band, mit der er seit 14 Jahren zusammenarbeitet.Und gleich nachdem der neue Herbert erklärt hat, die Politik in Bonn sei für ihn "abgefrühstückt", setzt der alte Herbert zu einem Rundum-Leitartikel an, bei dem er sich über steigende Arbeitslosenzahlen, wachsenden Rechtsextremismus und "den größten deutschen Popstar Helmut Kohl" empört, "der die meisten Platten verkauft und deshalb von der SPD nachgemacht wird". So ist bei den zwölf Titeln von "Bleibt alles anders" eine gewisse Zerrissenheit zu spüren: Da kreischen die gewohnten E-Gitarren, Midtempo-Balladen schunkeln gemütlich vorüber, doch dann entladen sich heftige Breakbeat-Gewitter, und kühl tackern die House-Rhythmen.In atemlos zernuschelten Halbsatz-Kaskaden gibt der 42jährige Reimverweigerer Einblicke in sein Seelenleben: von "Windschattenfahrern", die ihm im Genick sitzen, ist die Rede, vom Badezimmerspiegel, der morgens "auf blind schaltet", und von "Schmetterlingen im Eis".Fünf Jahre hatte sich Grönemeyer Zeit genommen für sein neues Album, fast anderthalb Jahre haben die Aufnahmen in Irland, London, Paris, Brüssel und Berlin gedauert.Als er mit Alex Silver - früher unter anderem für die "Eurythmics" tätig - endlich den richtigen Programmierer gefunden hatte, stampfte Grönemeyer bis auf drei Titel die bereits fertige Platte wieder ein und fing von vorne an.Als "Schnappschuß" will er die Platte verstanden wissen, der die Orte widerspiegelt, an denen sie entstand: irische Beschaulichkeit wie Berliner Hektik. Noch etwas hat sich geändert im Leben des Herbert G.: Seit drei Jahren in Berlin, ist er nun Hertha-Fan geworden.Noch aber gilt die etwas größere Liebe dem VfL Bochum."Das Ruhrgebiet", sagt er, "ist halt am Ball noch geschmeidiger." Das Konzert am 10.5.in der Schmeling-Halle ist ausverkauft.Zusatzkonzerte am 9.und 10.6.in der Waldbühne.

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