Kultur : Der Dorfpunk

Pop & Provinz: Rocko Schamonis Erstlingsroman

Kai Müller

Viele Menschen finden Schleswig-Holstein schön. Die Ostsee. Urstromtäler und Endmoränen. Alte Bauernhöfe und Landhäuser. Genau das Richtige für Großstadtflüchtlinge. Dumm nur, wenn es die eigenen Eltern sind, die sich als Lehrer dorthin versetzen lassen, ein Bauernhaus kaufen und heimisch werden. Denn jung zu sein, ist nicht angenehm. Aber jung und in Schmalenstedt zu sein, das macht einen fertig.

„Am Morgen wachte ich an Laken und Kopfkissen festgeklebt auf, weil die Kotze, die ich im Schlaf in mein Bett portioniert hatte, mittlerweile an meinem Gesicht und Körper festgetrocknet war. Ich war unglaublich stolz. Jetzt gehörte ich dazu“, schreibt Rocko Schamoni in Dorfpunks“ (Rowohlt, 202S., 11 €). Darin erzählt der Musiker und Hamburger Underground-Entertainer wie es dazu kommen konnte, dass er „als einer der ersten Punks“ der Holsteinischen Schweiz zum Schlagersänger wurde. Witzig, durchtrieben und mit grandioser Nonchalance schildert „der King“, wie Jochen Distelmeyer ihn nennt, die Initiationsmomente seiner Jugend und bekennt: „Das Wort Initiation war uns unbekannt.“ Dafür konnte es nicht hart genug kommen.

Überhaupt: Härte. Mit ein bisschen Pech hätte Schamoni, der sich damals Roddy Dangerblood nannte und AC/DC hörte, auch Heavy-Metal-Fan werden können. Aber dann schneidet er sich die Haare ab – mit einer Nagelschere, und das sieht entsprechend aus.

Löcher gibt es ohnehin zu viele in diesem jungen Leben. Vor allem solche, gegen die sich nichts machen lässt. So wimmelt Schamonis amüsantes Selbstporträt von Nachrausch-Erfahrungen eines schwer Erziehbaren, der nicht weiß, wohin mit seinen zweifelhaften Talenten. Er verkrümelt sich als Töpferlehrling in eine Traumwelt aus erfundenen Band-Biografien, die er in privaten Fanzines niederschreibt. Und er verteilt gerne Punk-Ausweise.

Pop wird in der Provinz erfunden. Nirgendwo ist es echter als dort, wo Diskotheken „Meier’s“ heißen. Deshalb funktioniert „Dorfpunks“ auch bestens als literarische Fiktion, während Jenny Zylkas „Beat, Baby, Beat“ (Rowohlt , 224 S., 12 €), die Pseudo-Biografie einer Berliner Frauenband, nur Gerede ist. Harmlos, witzlos. In einer Stadt wie Berlin kommt es nicht darauf an, dass sich irgendwer mit irgendwem zusammentut, um eine Band zu gründen. In Schmalenstedt schon. Oder in Timmendorf. Wo auch immer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben