Kultur : Der düstere Seiltänzer

Nervenkunst mit Sonderlingen: Zum 100. Todestag des großen Realisten Wilhelm Raabe

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Der Tag kam näher, von dem die Mutter wusste, dass der Vater an diesem vorzüglich trübe und verdrießlich war, nämlich der fünfzehnte November, der Geburtstag seines unglücklichen Sohnes.“ So kündigt sich in Ludwig Tiecks zu Unrecht vergessener Novelle „Der fünfzehnte November“ (1827) eine Sturmflut bei Amsterdam an. Sie bringt „Begebenheiten, Rettungen, seltsame Anblicke, Wracks, Licht und Finsternis, Sturm und Brandung“ mit sich, wie es in Tiecks herrlich bewegter Sprache heißt. Aus diesem Chaos weiß nur einer Rettung: Fritz, der vermeintlich verrückte Sohn der Kapitänsfamilie. Von allen verspottet, hat er einen Kahn gezimmert, der nun gerade noch rechtzeitig zum Einsatz kommt.

Rettung durch einen Außenseiter bei schwerem Wetter: Eine solche Geschichte musste Wilhelm Raabe alias „Jakob Corvinus“ einfach gefallen. Als Kind soll der am 8. September 1831 in Eschershausen bei Braunschweig geborene düsterste, vielschichtigste aller deutschen Realisten eine Holzarche besessen haben. Verbürgt ist jedenfalls, dass der Tieck-Leser Raabe als Gasthörer an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (nachdem er zweimal durchs Abitur gefallen war) sein so romantisches wie sozialkritisches Debüt „Die Chronik der Sperlingsgasse“ vor der Drucklegung zurückdatierte: auf den 15. November 1854, seinen Jahrzehnte später proklamierten „Federansetzungstag“. Auf den Tag genau 56 Jahre später, am 15. November 1910, starb Wilhelm Raabe in Braunschweig – von den Zeitgenossen verehrt, in seinem an Schopenhauer geschulten Geschichtspessimismus vielleicht auch gefürchtet.

Die Tendenz zum melancholischen Rückzug hatte sich in seinen letzten Lebensjahren verstärkt. Nach dem plötzlichen Tod Gertruds, der jüngsten von vier Töchtern, im Jahr 1892 verfasste er das tragische „lebenswunde“ Meisterwerk „Die Akten des Vogelsangs“. „Komödianten und Literaten sollten nicht alt werden, wenn sie auf dem Seil bleiben müssen!“, klagte er 1897 in einem Brief an P. Gerber. Mit Erreichen seines siebzigsten Geburtstags am 8. September 1901 nannte sich das Mitglied des Deutschen Nationalvereins forthin selbstironisch „Schriftsteller a. D.“.

1857 hatte der 26-Jährige Berlin verlassen und kehrte nie mehr zurück. Auch nicht aus Braunschweig, wo er nach beschwingten Stuttgarter Jahren ab 1870 wieder wohnte und eine vorgebliche, gut dokumentierte Philisterexistenz führte und auch sein zeichnerisches Talent pflegte. Dennoch hatte Raabe nach der milieugenauen „Chronik der Sperlingsgasse“ noch mehrere Prosawerke in Berlin angesiedelt. Topografie und Atmosphäre der Stadt gibt er, bis in den Dialekt hinein, äußerst realistisch wieder: In „Villa Schönow“ von 1884 schildert er das baulustige und betriebsame Berlin der prosperierenden Kaiserzeit. In der Erzählung „Deutscher Adel“ (1878/79) jedoch scheint wieder die menschengefährdende Metropolis auf: Mehrere Tage lang irrt der nervenschwache Erfinder Ferrari durch das Häusermeer, begleitet von einem Hund namens Bassermann.

Vom „ungeheuren Berlin, das kein Farbton aufheitert“ spricht der Literaturwissenschaftler Barker Fairley im Zusammenhang mit der Erzählung „Im alten Eisen“, die auf einer Notiz aus dem „Berliner Tagblatt“ von 1877 beruhte: Zwei Kreuzberger Kinder hatten drei Tage lang neben ihrer toten Mutter zugebracht, ohne dass die Nachbarn Notiz davon genommen hätten.

In seiner Adaption dieser erschütternden Begebenheit lässt Raabe den beiden Kindern Hilfe durch Außenseiter zukommen: durch einen zerstreuten Künstler, eine Prostituierte („Rotkäppchen“) und eine energische Alteisenhändlerin namens Wendeline Kruse. Immer wieder sind es scheinbare Sonderlinge, oft Alleinstehende, Kinderlose, Weserhexen oder Geschwisterpaare wie in der schaurigen Teufelspaktnovelle „Zum Wilden Mann“, die das Herz auf dem rechten Fleck haben. Die vermeintlich „Lebensuntüchtigen“, oft auch wie „Stopfkuchen“ Verspotteten handeln in praktischer Menschenliebe. „Unter den deutschen Romanautoren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Raabe derjenige, der sich am wenigsten von Kindheit und Jugend verabschiedet hatte“, schreibt Arno Geiger in seinem Nachwort zu einer der beiden Neueditionen von „Stopfkuchen“.

Raabes „See- und Mordgeschichte“ von 1891 stellt nicht nur für den Amsterdamer Germanisten Herman Meyer „ein Nonplusultra deutscher Erzählkunst“ dar. Die Passivität, das Faultierhafte des Heinrich Schaumann alias „Stopfkuchen“, der unter der Hecke liegend einen Mord aufklärt und seinem polyglotten Freund Eduard immer das entscheidende Quäntchen voraus ist, verstört mehr denn je. Es sind tief veranlagte, abseitsstehende Menschen wie der Knabe Theodor Rodburg, die Raabe zu seinen Helden erkor. „Zu spät im Jahre“, lautet das Diktum, das in der Erzählung „Prinzessin Fisch“ über Theodor schwebt. Heimlich beobachtet der Junge, wie seine Nachbarin, die mit einem „Kriegszahlmeister“ verheiratete Südamerikanerin Señora Romana Tieffenbacher, ihren Lebenshunger nicht stillen kann. Die Exotin mit ihrem „suchenden Blick aus den dunklen, tiefliegenden, fremdländischen Augen“ verwelkt in der Kälte des gründerzeitlichen Deutschlands.

Auf weit mehr als 5000 wird die Zahl der Zitate in Wilhelm Raabes 68 Bände umfassenden Gesamtwerk geschätzt. So sieht sich etwa der auktoriale Erzähler in dem Schlachtengemälde „Hastenbeck“ (1898), das den Siebenjährigen Krieg thematisiert, auf abenteuerliche Weise von Sekundärtexten umzingelt. Voller Ingrimm auf das zu Ende gehende Säkulum setzt Raabe die niedersächsische Odyssee samt ihren Protagonisten einem Dauerbeschuss mit literaturgeschichtlichen Zitaten vor allem des 18. Jahrhunderts aus. Dass sich trotz dieser philologischen Überfrachtung eine ergreifende Geschichte von Liebe und Rettung mitten im „Widerspruchsgedränge des Lebens“ (Fritz Martini) entwickeln kann, stellt das vorletzte Mirakel dieses Autors dar – bis er seine Leser mit der Interpretation des kunstvoll aporetischen „Altershausen“ endgültig alleineließ.

Diesen Sonntag, einen Tag vor dem „Federansetzungstag“, erhält Andreas Maier in Braunschweig für seinen Roman „Das Zimmer“ (Suhrkamp) den mit 30 000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Die autobiografisch inspirierte Geschichte über einen geistig Behinderten in der Wetterau der sechziger und siebziger Jahre bildet den Auftakt zu einem mehrbändigen Romanwerk. Seinen „Onkel J.“ stellte Maier schon in Kolumnen als reinen Toren dem Zerstörungswillen des Wirtschaftswunders entgegen. Ein aussichtsloser Kampf, ähnlich dem des Müllers Pfister gegen die Verwüstungen durch eine Zuckerfabrik in Raabes Roman „Pfisters Mühle“, dem ersten deutschen Umweltroman, in dem sogar eine chemische Reinigung vorkommt. Mit großer Empathie hat Andreas Maier kürzlich Wilhelm Raabes Erzählung „Altershausen“ kommentiert. „An Raabe ist alles spät“, schreibt er: „Endgültiger kann man kaum sein. Da werden Leben verworfen wie Samen in den Wind, nur dass sie nicht mehr aufgehen. Was ist unser Leben? Das ist die Raabe-Frage.“

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