Kultur : Der Düstermacher

Die jungen Wilden und ein Star: Hans-Michael Rehberg spielt an der Schaubühne

Bodo Mrozek

Das Unerwartete kann plötzlich in ein Leben einbrechen, an einem ganz normalen Tag in einem ganz normalen Ort. Einer Leihbibliothek zum Beispiel. Als George Garga am 8. August 1912 seinen wenig aufregenden Dienst am Büchertresen versieht, tritt das Unerwartete in Gestalt dreier Männer ein. Der eine, Skinny mit Namen, möchte kein Buch ausleihen, sondern die Meinung des Bibliothekars kaufen. Der andere, den sie den Wurm nennen, tritt mit seinem Absatz auf den Büchern herum und der Dritte, genannt „der Pavian“, vergeht sich an der Freundin des Bibliothekars. Alle diese Figuren in Bertold Brechts selten gespieltem Stück „Im Dickicht der Städte“ sind aber nur Handlanger des Mannes, der sich den Ahnungslosen als Gegner ausgewählt hat: des malaiischen Holzhändlers Shlink. Wie stellt man sich diesen von seltsamen Leidenschaften getriebenen Gegenspieler vor?

Hans-Michael Rehberg ist ein Mann von beeindruckender Statur mit einer hohen Stirn und wachen Augen, die hinter einer alt-neumodischen Henry Kissinger-Brille lauern. Derzeit probt er in der „Dickicht“-Inszenierung des jungen polnischen Theatermachers Grzegorz Jarzyna, die heute Abend Premiere an der Schaubühne hat. Rehberg, Jahrgang 1938, hat viele Rollen gespielt, darunter auch Bösewichter. Den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ zum Beispiel. Den Shlink nimmt man ihm also sofort ab. Ob ihm die Rolle auf den Leib geschneidert ist? Rehberg schiebt erst einmal das Nichtraucher-Schild im Café der Schaubühne zur Seite und zieht eine Schachtel Filterzigaretten und eine verbeulte Blechdose aus der Tasche. „Für mich ist das keine Geschichte von Gut und Böse“, sagt er und klopft etwas Zigarettenasche in seine Dose. „Es ist die Geschichte von Einsamkeit und Elend, von Verzweiflung und Einsamkeit.“

Brecht nannte das die Vereinzelung des Menschen. Sein Stück gehört zum expressionistischen Frühwerk und damit zu den seltsamsten Stoffen des jungen Dramatikers Brecht. Wohl wissend, dass „Im Dickicht der Städte“ mehr Fragen aufwirft, als es Antworten gibt, stellte Brecht seinem Text eine Vorrede voran, die sich liest wie eine Packungsbeilage über Risiken und Nebenwirkungen: „Sie betrachten den unerklärlichen Zweikampf zweier Menschen“, warnt er den Zuschauer, und empfiehlt: „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive des Kampfes, sondern beteiligen Sie sich an den menschlichen Einsätzen, beurteilen Sie unparteiisch die Kampfform der Gegner und lenken Sie Ihr Interesse auf das Finish.“

Tatsächlich bleibt die Motivation des ungleichen Kampfes rätselhaft. Shlink, der reiche Holzhändler (in der Schaubühneninszenierung wird er ein Ölhändler sein), begibt sich in die Hand des kleinen Angestellten Garga, der am Rande des Elends lebt. Er spioniert ihn aus, macht ihm ein absurdes Angebot und lässt zu, dass Garga im Gegenzug sein Geschäft vernichtet. Es ist ein Stück über das Elend im Moloch Großstadt, die soziale Ungleichheit und den krassen Gegensatz zwischen Bestverdienern und Verelendeten. Doch geht es Brecht nicht nur um ein Zeit-Theater, sondern auch um das Motiv des Zweikampfs in seiner archaischen Form: Shlink vergeht sich an Gargas Familie, macht Gargas Schwester und Freundin zu Prostituierten und bringt ihn selbst schließlich ins Gefängnis.

Als der junge Bertold Brecht das Großstadt-Stück schrieb, faszinierte ihn der Boxsport als „mythische Vergnügung der Riesenstädte“, wie er in einem Rückblick aus dem Jahr 1954 bekannte. Der Skandal-Autor und Freund Brechts, Arnolt Bronnen („Vatermord“) interpretierte „Im Dickicht der Städte“ als eine „Stammesgeschichte der Familie Brecht“, Bertolt selbst dagegen räumte später ein, dass ihm sein eigenes Stück fremd geworden sei. In „Schriften zum Theater“ schrieb er über sein expressionistisches Drama, das Elemente des absurden Theaters vorwegnahm und bei den Aufführungen der Zwanzigerjahre regelmäßig für heftige Auseinandersetzungen sorgte, dass sich der Philosoph besser darin zurechtfinde als der Psychologe. Wohl wahr, denn mit den Mitteln der Psychologie lässt sich die seltsame Figur des Shlink kaum erklären.

Hans-Michael Rehberg deutet das radikale Zerstörungswerk des Shlink als Humanist: als eine Suche nach Veränderung, nach Wärme und Liebe. „Der Shlink befindet sich auf der Lebensstraße“, sagt der Schauspieler.

Seine eigene Lebensstraße führt den Wahl-Kreuzberger zum ersten Mal an die Schaubühne. Rehberg hat viel mit Dieter Giesing gearbeitet, und mit Theater-Patriarchen wie Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann oder Robert Wilson. An die Schaubühne holte ihn nun Regisseur Grzegorz Jarzyna aus Polen, der statt seines Namens nur ein etwas seltsames Pfeil-Symbol verwendet. Zuletzt hat dieser „---->“ das Stück „4.48 Psychose“ von Sarah Kane am Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert. Der Vorschlag, Shlink mit Rehberg zu besetzen, sei jedoch eine Idee des Intendanten Thomas Ostermeier gewesen. Denn seit der programmatischen Verjüngung mangelt es dem Schaubühnen-Ensemble an älteren Darstellern, und auch vom postulierten Vorsatz des „Star-freien“ Theater-Kollektivs hat man sich wieder verabschiedet.

Rehberg, der oft im Fernsehen zu sehen ist, gehört trotz seiner unzugänglichen, düsteren Art zu den Publikumslieblingen. Zuletzt sah man ihn in der Stefan Heym-Verfilmung „Die Frau des Architekten“ und in einer Fernsehfassung von Gilbert K. Chestertons Krimireihe „Pater Brown“ wird er demnächst den Bischof geben (am 17.4. um 20.15 Uhr in der ARD).

Derzeit bereitet sich Rehberg auch auf eine Rolle in einem Film des Comedy-Produzenten Bully Herbig („Der Schuh des Manitu“) vor, was er allerdings noch als Geheimnis behandelt wissen möchte. Dennoch wehrt sich Rehberg vehement dagegen, als „Star“ an der Schaubühne zu spielen. „Ich bin hier für eine Rolle engagiert, und das ist alles“, sagt er bestimmt. Später, bei der Probe, kann man ihn als ruhigen, gemessenen Gegenpol zu einem nackt auf der Bühne tobenden Garga (Robert Beyer) sehen. „Das Interessante am Shlink ist das Geheimnisvolle“, sagt Rehberg jetzt nachdenklich und schmunzelt dann. „Erst am Ende löst es sich etwas auf.“ Dann drückt er seine Zigarette aus, legt sie sorgfältig zu den anderen Stummeln in der Blechdose, klappt den Deckel zu und geht eilig in die Garderobe.

„Im Dickicht der Städte" mit Hans-Michael Rehberg hat heute an der Schaubühne Premiere. Weitere Vorstellungen: 18., 19. und 21. April.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben