Kultur : DER DUFT DER STADT: BERLIN-KLISCHEES

Ulrich Clewing

Berlin, Berlin: ein bisschen Lokalkolorit gehört dazu. Die „Heterogenität der Stadt, die aus dem Mythos der Vergangenheit, der alternativen, subkulturellen und kulturkritischen Praxis der Achtziger sowie den politisch und ökonomisch motivierten Neudefinitionen und Verschiebungen durch die Rolle der ,Neuen Hauptstadt’ resultiert“, haben sich die Veranstalter in angestrengtem Kuratorendeutsch als „Referenzrahmen“ ausgesucht – und doch nicht viel mehr auf die Beine gestellt als das Naheliegende: ein bisschen Volksbühne (Bert Neumanns Bühnenbilder), ein bisschen Nostalgie (Thomas Struths frühe Fotografien) und ein bisschen Geschichte (Ulrike Ottingers Mauerfilme).

Eine Berliner Topographie der Düfte wollte auch die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas erstellen – zur Abwechslung einmal die Augen schließen, die Stadt riechen, ihre unterschiedlichen Aromen schmecken. Kein schlechter Einfall, denkt man. Nicht einfach umzusetzen allerdings. Aber da täuscht man sich. Denn wenn man es anpackt wie Tolaas, dann ist es leicht.

Interviews hat sie geführt, mit Menschen aus Reinickendorf und Charlottenburg, Neukölln und Mitte, die sagen sollten, was ihnen Charakteristisches zu ihrer Umgebung einfällt. Herausgekommen ist genau das, was man erwartet: In Reinickendorf duftet es nach Sonnenöl, weil die Menschen im Märkischen Viertel immer in Solarien rennen; in Neukölln dominiert der Döner Kebap, wohingegen die Lebensqualität in Charlottenburg auch geruchsweise angenehm ist, und in Mitte stehen alle auf Prada.

Da wir aber fest daran glauben, dass die Kunst sich nicht in Klischees ergehen sollte, da wir ihr im Gegenteil gerne erlauben, dass sie uns etwas erzählt, was wir noch nicht wissen und da wir der unumstößlichen Überzeugung sind, dass die Kunst uns nicht mit Oberflächlichkeiten langweilen soll, wollen wir Werke, die nur vom Hype der Stadt profitieren, in einer Kunstausstellung nicht mehr sehen. Man kann es nicht mehr riechen.

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