Kultur : Der Duft von Berlin

Martenstein blättert in seinen alten Berlinale-Tagebüchern

Harald Martenstein

Nun, Kinderchen, ich besuche die Berlinale seit vielen Jahren. Mit Wolf Donner habe ich auf Love-Ins über den Imperialismus diskutiert, von Moritz de Hadeln wurde ich öffentlich geohrfeigt, ich bin neben Lilo Pulver im offenen Borgward über den Kurfürstendamm gefahren, habe mit der jungen Gina Lollobrigida nackt in der Krummen Lanke „gebadet“, mit Alfred Hitchcock und Wilhelmine Lübke habe ich im „Café Keese“ die Nächte durchtwistet. Auf den historischen Fotos bin ich der Kleine mit der Hornbrille und dem karierten Jackett.

Wenn wieder Berlinalezeit ist, rieche ich das, wie ein Tier. Meistens herrschte vor der Berlinale einige Tage oder Wochen hindurch strenger Frost. Meistens setzen die Berlinale und das Tauwetter ungefähr zeitgleich ein. Gott will es. Allah lässt es zu. Dann tauen die in vielen Tagen oder Wochen auf den Berliner Straßen festgefrorenen Hundehaufen. Es sind Millionen. Dieser Geruch zieht durch die Straßenschluchten unserer Megametropole wie einst die Marschsäulen der antiimperialistischen Demonstrationen, er dringt durch die Ritzen in meine Stube hinein, wie der Geruch nach frischen Croissants an einem frühen Morgen auf dem Montmartre. Immer, wenn es so riecht, weiß ich, dass die Berlinale beginnt, und hole das gute Jackett aus dem Schrank.

Oft habe ich mich gefragt, warum man in meiner Stadt das wichtigste Kulturereignis und die Hochsaison des Hundekotgeruchs aneinander gekoppelt hat. Denn, und dies sage ich an die Adresse aller auswärtigen Gäste: Normalerweise riecht es in Berlin anders. Normalerweise riecht es in Berlin beinahe genauso stylish wie in Cannes oder Venedig. Nicht umsonst lautet eines der berühmtesten Berliner Sprichworte: Niemand hat die Absicht, einen Hundehaufen zu errichten. Nur im Februar herrschen andere Gesetze. „Die Stadt Berlin“, diese Sätze habe ich bereits 1977 in mein poetisches Tagebuch notiert, „streift sich in Erwartung ihrer internationalen Gästeschar ein undurchsichtiges, schwarzbraunes Gewand aus Hundekotgeruch über, damit kein Fremder ihre Reize erkennen kann. Anders halten es die Frauen der streng gläubigen Muslime, die sich vor den Blicken der Fremden unter Tüchern verbergen. Bei beiden, der Muslima in ihrer Burka und der Stadt Berlin im Februar, bleiben jedoch nur die Augen frei.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben