Kultur : Der Duft von nassen Steinen

Gespenster austreiben, Europa umarmen: Der in Berlin lebende texanische Autor Greg Baxter und sein mysteriöser Stadtroman.

Maartje Somers
Sehnsucht nach einem Ort mit Geschichte. Greg Baxter in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Sehnsucht nach einem Ort mit Geschichte. Greg Baxter in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Endlos wandern sie durch die Stadt, der Erzähler und seine Freundin Saskia. Er lebt in einem Hotel und sucht nach einer Wohnung. Sie hilft ihm. Es ist furchtbar kalt und dunkel. Es schneit, die Stadt ist riesig, mit U-Bahnen, Straßenbahnen, Taxis und Metrobussen, die offensichtlich nirgendwo hinfahren. Die Straßen sind „schwermütig und schön“.

Der Wintertag und die hypnotisierende Suche gehen immer weiter. Die zwei scheinen ihr Ziel manchmal völlig zu vergessen. Sie machen nichts außer Kaffee trinken, rauchen, Verkehrsmittel benutzen und Kneipen besuchen.

Dieses fremd-heimliche Labyrinth befindet sich im kürzlich – bisher nur auf Englisch – erschienenen Roman „The Apartment“ des texanischen Schriftstellers Greg Baxter. Ist die darin beschriebene Stadt Berlin? Das graue Wetter und das Blau der U-Bahn-Schilder könnten darauf verweisen, genau wie die Altbauhäuser, und der „Duft von nassen Steinen“ überall. Ein anderer Hinweis ist, dass Baxter selbst in Prenzlauer Berg wohnt, mit seiner irischen Partnerin und ihrem kleinen Sohn.

Trotzdem spielt dieses meditative Buch nicht in einer bestimmten Stadt. Es erzählt sich eher als eine psychogeografische Wanderung. „Es ist in diesem Buch so kalt, der Tag ist so lang ... wer weiß, vielleicht sind die beiden schon über die Schwelle gegangen und sogar tot“, sagt Baxter. An einem frühsommerlichen Tag sitzt der Schriftsteller in einem Café am Wasserturm im Prenzlauer Berg. Manchmal dauert es lange, bis der 37-jährige Autor etwas sagt. Er mag zwar die Fragen, aber antworten will er nicht immer, weil ein Roman gar „kein Rätsel sein muss“. „Psychologie, Motivation, Klärungen – das ist mir alles zu eindeutig. Ein Buch sollte man nicht auflösen, man sollte es lesen. Ich hoffe nur, es wird dem Leser Spaß machen, mit diesen Leuten durch die Stadt zu streunen.“

Ihre lange Reise scheint im Kreis zu führen. Ab der Mitte kommen dann immer wieder die Erinnerungen des Mannes ins Spiel. Die Leser erfahren, dass er in einem Unterseeboot gearbeitet hat, in den Irak gegangen ist und dort im Krieg sehr viel Geld verdient hat. Außerdem gibt es lange Passagen über Kunst, Musik und Krieg „an der Stelle wo die ersten Städte entstanden, Uruk, Nippur, Niniveh und Babylon“. Beeinflusst von W. G. Sebald, haben Kritiker geschrieben, aber Baxter selbst spricht von Tschechov. „Der ist maßgebend für mich gewesen.“

Er schreibe, weil er Gespenster austreiben müsse, sagt er. „Ich betreibe Exorzismus.“ In seinem ersten Buch, „A Preparation for Death“ (2010) war das Gespenst sein großer Wunsch, Schriftsteller zu sein. Indem er ihn in seinem Buch sezierte und sein Leben als gescheiterter Autor in Dublin genau nachzeichnete, konnte er schließlich ehrlich sein und ein sehr selbstbewusstes autobiografisches Debüt schreiben. „Ich musste mich beim eigenen Nackenfell greifen, und kräftig durchrütteln“, sagt er.

Das neue Buch ist anders, locker, scheinbar aus einem Guss geschrieben. „Gerade das habe ich im Lauf der Zeit gelernt. Aber ich schreibe noch immer, um meine Besessenheiten zu verlieren. Ich wollte herausfinden, warum ich Amerika so satthatte und so unbedingt in Europa leben wollte. Ich wünschte mir eine nichtnaive Stadt, eine Stadt mit Geschichte. Eine Stadt wo man niemand sein kann.“ Was ist denn so schrecklich an Amerika? Nicht einfach zu sagen. „Vielleicht dass man denkt, alles sicher zu wissen und die Leute immer überzeugen zu können. Speziell Texas, es gibt dort Atemnot. Ich würde nie mehr dort leben. Viel zu hell. Wenn die Sonne einen Tag scheint, ist das schön. Aber 150 Tage pro Jahr kein Regen, das ist ziemlich beklemmend. Man fühlt sich, als würde man gebacken.“

Baxters namenlose Hauptfigur ist nicht leicht kennenzulernen. Von seinem vorigen Leben im Irak hat er sich verabschiedet, denkt er. Er guckt in seinen Reisepass, sieht sein Foto mit kurzem Haar. „Ich starre auf das Foto eines toten Bruders.“ Am besten fühlt er sich, wenn er völlig im Alltag und oberflächlichen Beziehungen aufgeht. Baxter sagt: „Es gibt in diesem Buch eine große Sehnsucht danach, nicht zu reden. Der Erzähler will nichts mehr außer einen Balkon, damit er die Bäume und die Straße sehen kann.“

Distanz ist die Rettung, aber auch die Schuld dieses Mannes, der im Irak auf Radarschirme guckte und so „den Tod aus der Distanz austeilte“. An seinem neuen Wohnort versucht der Mann, eine Art Schwerelosigkeit zu erreichen und ohne Zielsetzung zu leben. Das scheint ihm ziemlich gut zu gelingen – bis auf Momente, in denen er blitzartig in die Vergangenheit katapultiert wirdd. Als er etwa einmal einen Mantel kauft und sich im Spiegel anguckt: „Hass starrt zurück.“

Der Irak holt ihn ein. Von der Gewalt seiner Vergangenheit kann er sich nicht lösen. Das macht Baxter am Ende des Buches in einer einzigen grausamen, sehr klug dosierten Passage deutlich. Der Schriftsteller: „Lebendig sein bedeutet für mich: gewalttätig sein. Immer erbt man die Gewalt seiner Vorväter, seiner Landsleute. Wut und Schuld hören nicht auf.“ Die Hauptfigur fühlt sich zu Hause in einer europäische Stadt, die ihre Schuld schon längst verarbeitet und in Denkmäler verwandelt hat. Diese Stadt umarmt Saskia und den Erzähler, aber sie lässt auch nicht gehen. Anonymität ist Fluchtort und Gefängnis zugleich.

Es war vielleicht vorbestimmt, sagt Baxter im Café. Er studierte ein Jahr in Würzburg Vergleichende Literaturwissenschaft und lebte später mit seiner damaligen Frau in Dublin. Doch zum ersten Mal kam er 1990 nach Europa, mit seiner Großmutter, einer Wienerin. Sein Großvater hatte für Nazideutschland gekämpft und war gefallen. Nach dem Krieg arbeitete die Großmutter, die zwei kleine Kinder hatte, auf einer amerikanischen Armeebasis. Eines Tages bekam sie einen Liebesbriefe von einem GI, der schrieb, er wollte sie heiraten.

„Sie hat mir erzählt, dass sie gar nicht recht wusste, wer das war“, so Baxter. „Aber sie ist gegangen, und mein Vater ist statt Nikolaus Fuchs Nicholas Baxter geworden. Etwas Europäisches ist also auch in mir. Vielleicht liebe ich deshalb kalte, dunkle Winter so sehr. Und ich hatte eine starke Sehnsucht, die Geschichte meiner Großmutter zu verarbeiten.“

Greg Baxter: The Apartment. Penguin Verlag, 230 S., 16,90 €. Der Autor liest am 9. Mai, 20 Uhr im Salon zur wilden Renate, Alt-Stralau 70.

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