Kultur : Der Durch-Führer - Dirks und Janßen pflegen eine merkwürdige Sichtweise

Jürgen Schmädeke

Bisher unentdeckte Dokumente aufzuspüren und daraus neue Interpretationen der Geschichte abzuleiten, gehört zum täglichen Brot des Historikers. Manche von ihnen neigen ebenso wie Verlage dazu, zur Steigerung des eigenen Ruhms und des Verkaufs diesen Ergebnissen den Anstrich von Sensationen zu geben, "Legenden" zu zerstören. Karl-Heinz Janßen ist, als Journalist und langjähriger Historiker der "Zeit", in diesem Geschäft besonders geübt - allerdings mit oft zweifelhaften Resultaten.

Nun liegt ein Buch vor, das suggeriert, Hitler sei ein "williger Vollstrecker" für den "Krieg der Generäle" gewesen, die seit der Niederlage von 1918 die Revanche planten und ihn dafür als "Werkzeug" benutzten. Nicht Hitler also war die treibende Kraft, sondern sein unheilvolles Wirken war größtenteils das Ergebnis von Ereignissen und Entwicklungen, die andere ausgelöst hatten.

Im vorliegenden Falle wird ein Planungsdokument der Reichswehr von 1924 und die daraus errechnete zahlenmäßige Übereinstimmung mit der 1939 erreichten Aufrüstung auf 102 Divisionen zum Beweis dafür, dass Hitler "lediglich der Durch-Führer dessen" gewesen sei, "was lange vor 1933 bereits bis ins Kleinste geplant war" - der "Krieg der Generäle". Das Ganze hat ein wahrhaft "volkspädagogisches" Ziel, das Janßen und sein Mitautor Carl Dirks im Vorwort so beschreiben: "Auch die nachgewachsenen Generationen mögen begreifen, warum sie noch am Ende des Jahrhunderts für Verbrechen aufkommen und büßen müssen, die einst von deutschen Eliten - Banken, Versicherungen, Industrieunternehmen - nur zu oft unter den Fittichen der Wehrmacht verübt wurden." Von Verbrechen Hitlers ist da nicht die Rede.

Nun ist spätestens seit den verdienstvollen Arbeiten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr und den Studien von Klaus-Jürgen Müller, Michael Geyer und anderen Historikern gründlich erforscht, wie in der Reichswehr seit Beginn der 20er Jahre insgeheim weitreichende Aufrüstungspläne entwickelt und teilweise unter Verstoß gegen den Versailler Friedensvertrag auch schon umgesetzt wurden.

Nach 1933 konnte man auf solche zuvor auch unter den Militärs umstrittene Schubladenplanungen zurückgreifen. Aber eben erst seit 1933 öffnete Hitler die Schleusen für die große Aufrüstung, weil er in ihr die Voraussetzung für seinen rassistischen Lebensraum- und Vernichtungskrieg sah. Unbestritten ist, dass die Wehrmachtführung Hitler dieses militärische Instrument schuf, weil sie ihrerseits die "Schmach von Versailles" revidieren und Deutschland die Hegemonie in Mittel- und Osteuropa verschaffen wollte. Gewiss nicht alle, aber allzu viele Heerführer und ihre Soldaten wurden zu Hitlers "willigen Vollstreckern". Das belastet sie, aber es kann nicht Hitler entlasten.

Mit einer pauschalen Abqualifizierung des im 20. Juli 1944 gipfelnden und scheiternden militärischen Widerstandes treiben die Autoren Dirks und Janßen die Revision des Geschichtsbildes auf die Spitze. Die Motive Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer und deren langen Weg von Anhängern Hitlers zum Widerstand reduzieren sie auf die Unterstellung, "Generäle und Stabsoffiziere" hätten "spätestens 1943" nach der Stalingrad-Niederlage erkannt, "dass man wohl 1933 aufs falsche Pferd gesetzt hatte". Am 20. Juli schließlich hätten "Stauffenberg und seine jungen Offizierskameraden voller Verzweiflung einsehen" müssen, "dass man mit ganzen fünf von über 3500 Generälen nichts bewirken konnte". Denkt man das konsequent zu Ende, wären Widerstand und Attentat in der Tat dilettantische Handlungen einer - wie es Hitler nannte - "ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere" gewesen, die erst das Reich und Hitler in den Krieg getrieben hatten und nun die eigene Haut retten wollten.

Neue Dokumente können neue Interpretationen der Geschichte notwendig machen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Hier aber werden wieder einmal historische Dokumente einseitig und selektiv für eine revisionistische Geschichtspolitik missbraucht, die aus Hitler, der gewiss kein Alleintäter war, einen schwachen Diktator macht, den die Umstände und falsche Ratgeber in die Katastrophe trieben.Carl Dirks, Karl-Heinz Janßen: Der Krieg der Generäle - Hitler als Werkzeug der Wehrmacht. Propyläen-Verlag, Berlin 1999. 304 Seiten. 39,80 DM.

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