Kultur : Der Dylan aus Kreuzberg

H. P. DANIELS

Den Kreuzberger Musiker Danny Dziuk hat es nie interessiert, was schick ist oder modisch. Am liebsten läuft er in seiner weißen zerknitterten Jeansjacke herum, aus deren Brusttasche ein geknautschtes Tabakpäckchen stakt. Und vom Rauchen sind die Finger gelb. Schwarz die schweren Augenlider. Keine Schminke. Vom Leben angesengt. Ein bißchen müde. Doch keineswegs müde klingen seine Lieder, auch nicht altbacken. Nur zeitlos. Auch seine alten Songs kann man sich heute noch gut anhören.Aber weil die Welt ungerecht ist und Dziuk vielleicht ein wenig zu bescheiden, haben andere Rockmusiker mit deutschen Texten unglaubliche Erfolge gefeiert, während er kaum Beachtung fand. Dabei hatte er sein erstes Soloalbum schon 1986 veröffentlicht. Ein Superstar ist er nicht geworden."Aber wäre es denn wirklich so klasse, berühmt zu sein?" fragt er weise, "manchmal denke ich, es ist doch richtig schön, daß man kein Star ist. Wo ich jetzt bin, ist vielleicht genau das richtige Level, da kann ich alles machen." Und alles, was er will, ist in Ruhe arbeiten: Songs schreiben, aufnehmen, auftreten.Am Anfang hatte Dziuk noch englische Texte geschrieben, doch irgendwann war es ihm komisch vorgekommen: englisch zu schreiben, obwohl man in einer anderen Sprache denkt. Rockmusik mit deutschen Texten fand er allerdings auch problematisch, weil es da so schnell ins Schlagerhafte geht oder ins Schwere. Was jetzt dabei herausgekommen ist, läßt sich gut anhören auf Dziuks neuer CD "Dziuks Küche - Vom Tisch": deutsche Texte, von denen man ausnahmsweise einmal nicht peinlich, sondern auf angenehme Art berührt wird.Im Plattenregal steht Dziuk gleich hinter Dylan. Eine witzige Koinzidenz angesichts der Tatsache, daß Bob Dylan Dziuks größtes Idol ist. Nicht das schlechteste Vorbild neben Tom Waits und Neil Young. So ist es vielleicht auch kein Zufall, daß Dziuks neues Album im Klangbild einige Erinnerungen weckt an Dylans grandioses Meisterwerk "Time Out Of Mind": dieser leicht flirrende Sound aus Vibrato-Schwirr-Gitarren, akustischen Instrumenten, Orgeln und Klavieren. Und ein weites musikalisches Spektrum zwischen Blues, Folk, Rock, Country, Cajun, ein bißchen Calypso. Vor allem aber Dziuks unangestrengt warmer, leicht brüchiger Gesang. Wie Dylan ist auch er am besten, wenn er die Liebe und Beziehungswirrnisse besingt: den Schwebezustand zwischen Hoffnungen und Enttäuschungen, zwischen Trauer und Überschwang. Und immer ist da etwas Melancholisches - in den Sozialkommentaren, den Schnappschüssen von Menschen und Situationen. Wobei die Stimmung ständig oszilliert zwischen luftig kessem Humor und schwerer Ernsthaftigkeit: von der augenzwinkernden Verhohnepiepelung eines bekannten Pop-Großkritikers bis zum lehrhaften Pamphlet über die Umtriebe alter und neuer Nazis.

Dziuks Küche - "Record Release Party", Do., 21 Uhr im Roten Salon, Rosa-Luxemburg-Platz

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