Kultur : Der E-Day

Als wir Amerika noch liebten: Das Bonner Haus der Geschichte zeigt „Elvis in Deutschland“

Bodo Mrozek

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen kennen viele historische Daten. Das Potsdamer Abkommen, die Luftbrücke, die Besuche der Präsidenten Kennedy und Bush zum Beispiel. Nur den 1. Oktober 1958 sucht man vergeblich im Geschichtsbuch. Dabei ist seine Bedeutung nicht zu unterschätzen. Seit der Blockade war kaum ein Militärtransport so sehnsüchtig erwartet worden wie die „USS General Randall“, die an jenem Morgen in Bremerhaven festmachte.

Obwohl die Marine die Gangway extra kurz gehalten hatte, kam es fast zu einem peinlichen Vorfall. Als der Gefreite Elvis Pesley an jenem Herbsttag in der Uniform der Besatzungsmacht deutschen Boden betrat, brachen die 1500 jungen Deutschen am Ufer in hysterisches Geschrei aus. Als der Sänger aber seinen Namen in ein ihm entgegengestrecktes Autogrammbuch kritzeln wollte, wäre er fast über die Reling gekippt: Er war den schweren Seesack nicht gewohnt, den er nach Marineart flott geschultert hatte.

Fast fünfzig Jahre später sieht dieser Sack noch immer aus wie neu. „G.I. Blues Snow Bag“ hat jemand fein säuberlich darauf gepinselt und ihn so in eine populärhistorische Reliquie verwandelt, ebenso wie die Jacke mit den Sergeant-Streifen und dem Schriftzug „Presley“ auf der Brust oder den Friseurstuhl aus den Ray-Barracks. Ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis auch diese apokryphen Exponate an höchst offizieller Stelle angekommen sind, im Bonner Haus der Geschichte. Dort liegen sie nun sicher hinter Glas verwahrt in der heute eröffneten Ausstellung „Elvis in Deutschland“ und sollen Auskunft geben über eine Epoche, in der die Jugend noch uneingeschränkte Solidarität für Amerika hatte.

Der G.I. Elvis Presley, damals 23 Jahre jung und bereits Millionär, war einer der einflussreichsten US-Botschafter. Nicht alle waren von der Ankunft des Kulturträgers so begeistert wie die 15-jährige Marion H., die an jenem 1. Oktober ihrem Tagebuch anvertraute: „Dieser Tag war der größte Tag meines Lebens.“ Und das, obwohl sie und ihre Freundin den King des Rock’n’Roll gar nicht zu Gesicht bekamen: „Ein amerikanischer Soldat gab sich als Elvis aus, nur um die Fans vom Laufsteg abzuhalten. Nur ganz wenige fielen auf diesen Trick herein, und zu diesen gehörten leider Petra und ich.“

„Schütze Presley stößt nach Deutschland vor“, meldete dagegen unterkühlt die „Süddeutsche Zeitung“. Und eine erzürnte Bürgerin schrieb an die Friedberger Stadtverwaltung, man solle den weiblichen Belagerern des dort stationierten Soldaten Presley zeigen, dass sie „sehr dumm“ seien: „Am besten Sie jagen sie mit der Peitsche davon.“ Das Skandalon war die Musik, für die Elvis berühmt war wie kein Zweiter. Der Lastwagenfahrer aus Tupelo, Mississippi, war dem Studiobesitzer Sam Phillips aufgefallen, weil er „wie ein Schwarzer singen konnte, aber keiner war“. Die mit der NS-Rassenideologie sozialisierte Generation in Deutschland hatte genau damit ihre Schwierigkeiten, und so manche Elvis-Single avancierte zum familiären Streitobjekt. „Negermusik“ lautete damals der Vorwurf.

Die wirklich sprechenden unter den 300 Stücken der Ausstellung sind denn auch weniger Objekte wie der pinkfarbene 58er Cadillac aus dem Auto- und Bikermuseum im Gewerbehof Bergheim, den Elvis „kurzzeitig bessen haben soll“, die mit Roy Orbison, Conny, Peter Kraus und Ralf Bendix gefütterte Jukebox vom Typ „Rock-Ola“, Plattenspieler, Colaflaschen, imitierte Elviskostüme oder das Modell des königlichen Anwesens Graceland im Märklin-Format, also die üblichen Stehrümchen aus der Rumpelkammer der Geschichte. Sammler, die für einen Elvis-Autographen bis zu 500 Euro bieten, dürfte der Stempel mit dem nachgemachten Autogramm „Loving you, Elvis“ aus der Militärverwaltung interessieren, von allgemeinerem Interesse sind aber die papiernen Zeitzeugen.

Zum Beispiel die Kriminalakte Nr. 111/61 der Staatsanwaltschaft Frankfurt/Oder. Denn auch in der Sowjetzone wurde der hohe Besuch mit großem Interesse verfolgt. „Zur Zeit läßt man einen Elvis Presley noch in der Uniform des amerikanischen Besatzers smart lächeln. Seine Darstellung in dieser Pose enthüllt, dass sich ’heiße’ Musik und Militarismus (...) ergänzen“, deutete die FDJ-Presse.

Doch der Elvis-Virus grassierte auch unter sozialistischen Jugendlichen. Davon zeugt der Schwur im Mitgliedsbuch eines Elvis-Clubs, den ostdeutsche Fans gegründet hatten: „Ich schwöre und gelobe stets die Interessen des Clubs zu vertreten und nie zu verraten. Ich werde nie die Nerven verlieren bei der höchsten Gefahr, das schwöre ich.“ Sechs Namen stehen unter diesem archaischen Gelübde, hinter einem findet sich der Vermerk „gebrochen“. 1962 flüchteten sechs Clubmitglieder über die Elbe. Die Staatssicherheit warb daraufhin einen Elvisfan an und löste den Club auf.

Schlimmer noch erging es Jugendlichen aus Strausberg. Michael Gartenschläger und Gerd Resag hatten als Fans des „westdeutschen Elvis“ Ted Herold dort ebenfalls einen Fanclub gegründet. Als die Clubadresse in der „Bravo“ auftauchte, beschlagnahmte die Stasi selbstbemalte Hemden mit dem Konterfei von Ted und Elvis, „kapitalistische Schundliteratur“ wie Western-Groschenhefte und Rundfunkempfänger, die auf den Amerikanischen Soldatensender AFN und Radio Luxemburg eingestellt waren. Der Club muss sich 1961 auflösen.

Elvis freilich weiß von diesen Dingen nichts. Sein Militärdienst, über den man in der Ausstellung fast nichts erfährt, vergeht relativ angenehm, obwohl er nach dem Tod der ödipal geliebten Mutter den „G.I.-Blues“ hat. In der Kaserne wohnt er nur fünf Tage, dann mietet er in Bad Nauheim mit Freunden und Vater eine Villa. In München lässt er sich eine Uniform auf den Leib schneidern und widmet sich in wechselnden Hotels ausgiebig den teils minderjährigen „Fräuleins“, dem weiblichen Schlangenmenschen einer Revue und dem brünetten Starlet Vera Tschechowa. Mehr als Uncle Sam dient er derweil dem strengen Regiment seines Managers „Colonel“ Tom Parker, der auch den Wehrdienst kommerziell auszuschlachten weiß. Zur Ausmusterung fliegt Elvis 1961 im Dienstrang eines Sergeanten nach Hause. Die Uniform hat aus dem Bürgerschreck einen familientauglichen all American boy gemacht, ein gewinnbringendes Massenprodukt. Ein Politiker der Demokraten würdigt den „Pelvis“ im Senat: „Gut gemacht, Soldat.“

Wenig später, weit entfernt in Strausberg, Germany, pinseln die wütenden Elvis-Fans die Parole „Freie Wahlen“ an eine Wand und fackeln einen Getreidespeicher der LPG ab. In einem Schauprozess werden die Jungs mit den Elvis-Tollen angeklagt, das Hören „westlicher Hotmusik“ und der Glaube an die „Ami-Unkultur“ wirkt strafverschärfend. Die 17 Jahre alten Clubgründer erhalten lebenslange Strafen. 1971 kauft die Bundesrepublik Gartenschläger frei. Fünf Jahre später stirbt er in den Kugeln eines Grenzkommandos beim Versuch, eine Selbstschussanlage an der innerdeutschen Grenze abzumontieren. Auch diese Episode gehört zu den Spätfolgen der friedlichen Landung vom 1. Oktober 1958.

Man sollte den Tag von Bremerhaven künftig in den deutschen Geschichtsbüchern vermerken: als den E-Day.

Haus der Geschichte, Willy-Brandt-Allee 14, Bonn. Di. – So. von 9 – 19 Uhr. Bis 27. Februar. Katalog: C. Peters u. J. Reiche: Elvis in Deutschland. 56 Seiten, 7,90 €.

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