Kultur : Der Ego-Shooter

Erlösung gibt es nicht: Michael Thalheimer radikalisiert Goethes „Faust 2“ am Deutschen Theater

Peter Laudenbach

Die schlechte Nachricht zuerst: Faust kommt nicht in den Himmel. Die Erlösung ist gestrichen in Michael Thalheimers Inszenierung des zweiten, unentschlüsselbar rätselhaften Teils der „Faust“-Tragödie am Deutschen Theater. Kein Engelsgesang hebt den macht- und schönheitssüchtigen, wissenschaftsbesessenen und ruhmgierigen Faust in höhere Sphären. Der Prototyp des modernen Menschen bleibt einfach liegen – finales Burnout-Syndrom. Der Teufel hat das letzte Wort, am Ende steht ein spöttischer Rückblick auf die Abenteuer, die wir mit Faust erlebt haben: „Es ist so gut als wär’ es nicht gewesen, / Und treibt sich doch im Kreis als wenn es wäre.“

Goethes Welttheater: Ein Traum, aber ein endloser. Fausts Erkenntnisgier: Ein Selbstbetrug. Mephisto wischt das mit einem letzten Satz aus: „Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.“ Beiläufig demontiert Thalheimer mit diesem lakonischen Schluss alle Heroisierungen des „faustischen“ Strebens. Die für sämtliche Funktionseliten beruhigende Botschaft, dass wer nur „immer strebend sich bemüht“, mit Erlösung rechnen könne, ist in dieser Inszenierung gekappt. Faust zahlt den Preis für seine Verbrechen. Das calvinistische Leistungsethos, das Goethe die himmlischen Heerscharen verkünden lässt, ist Fortschritts-Skepsis gewichen. Thalheimer liest Goethes Text mit den Erfahrungen einer desillusionierten Moderne.

Einige Wochen vor der Premiere sagte Thalheimer im Gespräch, dass man als Regisseur an den 7498 Versen des „Faust II“ nur „scheitern“ könne: Zu gewaltig ist die schiere Stoffmasse, zu vielschichtig die Anspielungen und Verweise von der Antike bis zu rätselhaften mythologischen Konstruktionen wie dem „Reich der Mütter“, dem Urgrund der Bilder. Thalheimers Umgang mit diesem labyrinthischen Text ist mutig: Statt ihn mit einer These zu versimpeln oder, wie Peter Stein in seinem „Faust“-Marathon, einfach zu bebildern, belässt er Goethes Versen ihre rätselhafte Fremdheit. Und macht den Text selbst zum Zentrum des Abends: Sprachmusik, ein langes, vielstimmiges Gedicht.

Die Strategie, mit der Thalheimer in der vergangenen Spielzeit den ersten Teil des „Faust“ außerordentlich erfolgreich und zwingend am Deutschen Theater inszeniert hat, greift hier nicht. Damals hat der Regisseur die Gretchen-Tragödie und Fausts Verführung durch Mephisto, also die beiden klar erzählbaren Plots, isoliert und alles andere weggelassen. Das war eine Reduktion des sehr viel komplizierteren Textes, aber eine höchst theaterwirksame. Im zweiten Teil des Faust gibt es solche klar umrissenen Plots nicht mehr. Der Text ist kein Drama, sondern eine allegorische Großkonstruktion, die Figuren sind mit Psychologie nicht mehr zu erfassen. Alle Versuche, das mit einer Spannungs- und Handlungsdramaturgie zu erzählen, laufen ins Leere. Thalheimer verzichtet souverän auf solche Strategien, den inkommensurablen Text konsumierbar zu machen. Olaf Altmanns Bühne: Eine abstrakte, kühle Konstruktion in Schwarz-Weiß. In einer dunklen Wand ist ein kleines Quadrat ausgespart, die beengte Spielfläche. Später löst sich das auf – und Faust fährt auf einem schwarzen Quader in die Tiefe der bis zum weißen Rundhorizont geöffneten Bühne: Ein Denkmal seiner selbst, verloren im großen, leeren Raum.

Faust, den Ingo Hülsmann unter Hochdruck spielt, ist hier kein Heros des Fortschritts, sondern ein Gescheiterter, der am eigenen Größenwahn zugrunde geht. Überdeutlich führt Hülsmann die Eitelkeit Fausts, seine hyperventilierende Selbstberauschung vor. Er rast durch die Verse, er aalt sich im Selbstgenuss, er stellt sich aus wie ein kostbares Wunderwesen. Hier dreht sich einer in Höchstgeschwindigkeit um sich selbst. Und verliert sich dabei. Die zwei Stunden der Aufführung zeigen im Kern die Selbstauflösung Fausts: Der moderne Mensch, der sich selbst erschaffen und alle Grenzen zerbrechen will, entgleitet sich, bis nur noch die ausgebrannte Hülle übrig ist. Nur einmal kommt Faust für einen Moment zur Ruhe. In der Begegnung mit Helena ist so etwas wie ein Ankommen beim eigenen Gefühl zu erahnen. Die umwerfende Nina Hoss spielt Helena mit Schroffheit und Kraft, eine Härte, die sich langsam löst in der Begegnung mit Faust. Ein kurzer Moment, abgebrochen von Helenas Rückkehr ins Totenreich.

Sven Lehmanns Mephisto ist der Kontrapunkt der Beschleunigungsorgien Fausts. Lehmann verzichtet auf alle grimassierenden und obszönen, „dämonischen“ Klischees der Rolle. Sein Mephisto ist vor allem eines: unheimlich ruhig. Mit dieser beunruhigenden Gelassenheit betrachtet er Fausts narzisstische Räusche. Erst dieser Kontrast macht den Ego-Shooter Faust zum Narren der eigenen Hybris. Am Ende, als Faust die verbotenen Worte sagt, die ihn das Leben und seine Seele kosten, kann es sich Lehmann leisten, Mephistos Spott sehr dezent auszuspielen: Ein geduldiges Abwarten, ein leichtes Anheben der Augenbraue, das genügt. Komischer und subtiler kann man den selbstverschuldeten Absturz eines Menschen nicht beobachten.

Überhaupt entwickelt diese Inszenierung an einigen Stellen eine schön trockene Komik. Gleich zu Beginn führt Horst Lebinsky, ein Großkomiker des deutschen Theaters, den bankrotten Kaiser als der vertrottelten Bürovorsteher vor: Ein grauer Bürokrat mit alberner Königskrone, der mümmelnd und überfordert die Pleite mit Geplapper zudecken will. Kein Wunder, dass er leichte Beute für Mephistos Einflüsterungen wird – und sein Heil im ökonomischen Fake, im scheinbaren Reichtum durch Inflation sucht. Ärgerlich ist eine andere, komisch gemeinte Szene. Fausts früherer Schüler Wagner will, höchst aktuell, im Reagenzglas ein künstliches Lebewesen züchten: „Hier wird ein Mensch gemacht.“ Peter Pagel, ein deprimierend ausstrahlungsarmer Schauspieler, verrät das an die platteste Karikatur. Er schüttelt das Glas Wasser, aus dem der Mensch produziert werden soll, wie ein durchgedrehter Barmixer, der zu viel schlechtes Speed geschluckt hat. Dazu brabbelt er vor sich hin, als wären Forscher, die an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms arbeiten, Grenzdebile. Im Abgehen murmelt er in einem hilflosen Aktualisierungsversuch Buchstabenketten, die für den geknackten menschlichen Gen-Code stehen. So wird eine der gespenstischsten Szenen der „Faust“-Dichtung auf Provinzkabarettniveau geschrumpft.

Glücklicherweise ist dieser Totalausfall eine Ausnahme. Wahrlich gespenstisch und bezaubernd der Auftritt Inge Kellers: eine Szene wie aus einer anderen Welt. Keller geht sehr langsam über die Bühne, verharrt in der Mitte der Rampe und beginnt den Monolog des Wanderers zu sprechen. Es klingt, als würde sie die Verse träumen und uns an ihrem Traum teilhaben lassen: „Ja! sie sind’s die dunkeln Linden, / Dort, in ihres Alters Kraft. / Und ich soll sie wiederfinden, / Nach so langer Wanderschaft!“ Keller taucht in diese Verse ein, wie in ein Märchen aus der Vorzeit, eine sehr alte Erinnerung, die noch einmal aufflackert.

Wieder am 22., 23. und 26. Oktober

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