• Der ehemalige Kreml-Chef blickt zurück und erzählt, "Wie es war" - "Die Geschichte riss uns mit sich fort"

Kultur : Der ehemalige Kreml-Chef blickt zurück und erzählt, "Wie es war" - "Die Geschichte riss uns mit sich fort"

Nobert Seitz

Er tingelt um die Welt, um seine Geschichte zu erzählen, für seine Stiftung zu sammeln und Autogramme zu schreiben. Michail Gorbatschow ist zu einer tragischen Figur geworden. Im eigenen Lande bleibt er für Altkommunisten und Schirinowski-Anhänger ein Verräter, der das Weltreich in Rekordzeit verscherbelte, während er unter Liberalen als Zauderer gilt, der die notwendigen Reformen nur halbherzig anpackte. In Enzensbergers Galerie der ehrbaren "Meister des Rückzugs" rangiert er freilich noch immer ganz vorne.

Nunmehr zieht er analytisch Bilanz. Gorbatschows Vision war die eines gesamteuropäischen Hauses mit einem starken russisch-deutschen Kraftzentrum. Dazu bedurfte es aber sowohl einer Fundamentaldemokratisierung der alten Sowjetunion wie einer Lösung der deutschen Frage. Den entscheidenden russischen Impuls zur Wiedervereinigung möchte er gern als von der Historie her logisch herunterspielen. Es sei nicht einmal das oberste Ziel Stalins gewesen, Deutschland zu zerstückeln, referiert er die Verhandlungen der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. "Die nachfolgende Spaltung Deutschlands war durch die unterschiedliche Haltung der Siegermächte gewissermaßen vorprogrammiert."

Selbst im kältesten Krieg vermag Gorbatschow noch eine konstruktive deutsch-russische Tradition zu erkennen, von der Stalinnote 1952 über den Deutschland-Plan 1955 bis zur diplomatischen Anerkennung der Sowjetunion durch den "unversöhnlichen Antikommunisten" Adenauer, ehe die frühe Ostpolitik den Schlüssel zur deutschen Einheit ohnehin in Moskau lokalisierte.

Immer wieder beschäftigt ihn die Frage: "War die Teilung Deutschlands nach dem Krieg wirklich notwendig? War der Preis, den Deutschland dafür zahlen musste, dass Hitler den Krieg entfesselt hatte, gerechtfertigt?" Als er sich in die Lösung der deutschen Frage einschaltete, "handelte ich im Sinne der zwingenden Logik der Geschichte."

Auf die Frage, wie sein gemeinsames europäisches Haus aussehen könnte, solange die Berliner Mauer existierte, bekundete er frühzeitig: "Die Mauer kann verschwinden, wenn die Voraussetzungen wegfallen, die sie hervorgebracht haben. Ich sehe hier kein großes Problem." Doch eine dazu notwendige Erneuerung der DDR wurde vom SED-Regime kategorisch abgelehnt. Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, muss er in Ost-Berlin erkennen, dass der Staatratsvorsitzende Honecker "schon damals den Realitätssinn verloren hatte." Die Geschichte gerät in Bewegung und "riss uns mit sich fort." Modrow schlägt ihm vor, den Prozess "zu bremsen und dafür die Rechte der Siegermächte auszunutzen." Gorbatschow: "Was er unter Stabilisierung verstand, weiß ich bis heute nicht. Sollte die starke Massenbewegung, welche die Wiedervereinigung forderte, von außen gestoppt werden?"

Fortan ging es nur noch um die Modalität der Nato-Mitgliedschaft. Gorbatschow schildert seinen vergeblichen Einsatz für die "Unabhängigkeit" oder "Nichtpaktgebundenheit" eines neuvereinigten Deutschland, ohne mit seiner Niederlage zu hadern.

Gorbatschow wich aber nicht von seinem einmal eingeschlagenen Kurs ab, dass die Deutschen ihre Wahl selbst treffen müssten. Dies schien fundamental für das von ihm proklamierte "neue Denken in der Weltpolitik", das mit der Aufgabe der alten Breschnew-Doktrin eingeleitet worden war. Und gegen die militärstrategische Integrationslogik eines Nato-Verbleibs Deutschlands ließ sich nur schwach argumentieren, nachdem auch Mitgliedstaaten des in Agonie befindlichen Warschauer Paktes dies ausdrücklich begrüßt hatten.

Als Gorbatschow kurz nach der einzig freien DDR-Wahl mit Mitterrand in Moskau zusammentrifft, muss er seinen letzten Widerstand aufgeben. Objektive Tatsachen könne man nicht negieren. Die Bundesrepublik habe als Mitglied der Nato die DDR "verschluckt" - so der französische Präsident: "Deutschland wird seine Einheit herstellen und ganz zur Nato gehören. Übrigens ist das logisch. Westdeutschland ist bereits Mitglied." Daher sahen beide keine Möglichkeiten mehr, "die Deutschen daran zu hindern, das zu tun, was sie erstreben". Dies war im Mai 1990. Danach schien das Kohl-Treffen im Kaukasus nur noch eine Formsache.

Gorbatschow ist noch heute gekränkt, weil etwa am Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart 1997 der baden-württembergische Ministerpräsident Teufel vollmundig erklärte: "Wir verdanken den Vereinigten Staaten nicht viel, sondern alles." Genscher hatte es zuvor anders ausgedrückt: "Die Herstellung der deutschen Einheit verdanken wir vor allem Ihrem persönlichen Beitrag."

Ebenso schmerzt es ihn, wenn Kreuzzugsideologen im Westen die Beendigung des Kalten Krieges als Triumph des eigenen Systems feiern. Erst dadurch seien die Negativurteile in Russland über Perestroika ins Kraut geschossen, der Vorwurf virulent geworden, er habe sich in der deutschen Frage "übervorteilen lassen".

Sein Buch macht nochmals deutlich, dass die Auflösung der Sowjetunion nicht seinem "neuen Denken" entsprach. Er glaubt nicht, dass die autonom gewordenen Sowjetrepubliken lebensfähiger seien. Über die Ereignisse von 1991 - dem Putschversuch gegen ihn auf der Krim, dem verlorenen Schaukampf mit Jelzin vor der Duma wie der Gründung des "Deckmäntelchens" GUS - sind er und seine vor kurzem verstorbene Gattin Raissa nie hinweggekommen.

Gorbatschow teilt zwar nicht die Angst vor einer Nato-Osterweiterung, hält die Entscheidung jedoch prinzipiell für falsch. "Der Westen hat kein einheitliches Konzept für eine Friedensordnung des gesamten Europa." Sein Projekt, von einem "großen zu einem vereinten Europa" überzugehen, habe eine Etappenniederlage erlitten, aber nicht an Aktualität eingebüßt.Michail Gorbatschow: Wie es war. Die deutsche Wiedervereinigung. Ullstein Verlag, Berlin 1999. 222 Seiten. 36 DM.

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