Kultur : Der Ehrenwutbürger

Rosen für den Liedermacher: Wolf Biermanns Geburtstagskonzert zum 75.

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Freiheitskrieger. Wolf Biermann im Berliner Ensemble, 35 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR. Foto: dapd/ Zinken
Freiheitskrieger. Wolf Biermann im Berliner Ensemble, 35 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR. Foto: dapd/ ZinkenFoto: dapd

Einmal trafen sich der Lyriker Wolf Biermann und der Beatpoet Allen Ginsberg in Ostberlin. Sie lösten alle Probleme der Menschheit in einer Stunde, so erinnert sich Biermann. Dann standen sie auf der Weidendammer Brücke und beschlossen, beide ein Lied über den gusseisernen Adler zu schreiben, der hier die Flügel spreizt. Bei Ginsberg blieb die Idee wohl blauer Dunst, Biermann dichtete „Die Ballade vom preußischen Ikarus“, einen Abschiedssong wider Willen. Und wenn du weg willst, musst du gehen, ich hab schon viele abhauen sehen aus unserem halben Land. Den Song spielte er zum ersten Mal 1976, in Köln, auf dem Konzert, das seine Ausbürgerung aus der DDR zur Folge hatte. Danach steckten manche dem Adler verstohlen Blumen zu, andere warfen sie in die Spree – wo sie gen Westen trieben. Wolf Biermann liebt es, wenn die Geschichte ihm die Pointen zuspielt.

Zum 35. Mal jährt sich seine Ausbürgerung, 75 Jahre alt wird er heute. Einer wie er braucht keine Liebediener, der beschenkt sich schon selbst. Mit seinen Menschenliedern, die nichts an Kraft und Klarheit eingebüßt haben. „Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier“, der Refrain aus der Zerrissenheitshymne „Und als wir ans Ufer kamen“ lieh dem Jubiläumskonzert am Sonntag den Titel, im Berliner Ensemble, wo sonst. Das Haus lag ihm immer am nächsten, nicht nur geografisch, wie Intendant Claus Peymann scherzt, der Biermann schon 1964 nach Hamburg holte. Ein Jahr, bevor der Liedermacher in der DDR verboten wurde und als junger Zorniger seine „Bilanzballade“ hinwarf: Nun bin ich dreißig Jahre alt, und ohne Lebensunterhalt, und hab an Lehrgeld schwer bezahlt. Die Vergangenheit rückt nahe in diesem Theater, wo Biermann seinen Brecht kennenlernte. Das nicht weit von der Chausseestraße 131 liegt, wo heimlich seine Wagenbach-LPs aufgenommen wurden. Und in Sichtweite der Weidendammer Brücke, auf der Peymann wieder Blumen an den Adler hat stecken lassen, als „politischen Test“.

„Man geht nicht kaputt an den Schlägen die man einsteckt. Sondern an denen, die man nicht austeilt.“ Noch eine Lehre aus dem Kölner Konzert. Natürlich wollte er damals zu weit gehen, ruft Biermann, „dafür bin ich ja da“, aber eben nicht „zu weit zu weit“. Er spielte sein Lied „Die hab ich satt“, das auf die Bürokraten spuckt, die Rekrutenschinder, die Dichter mit der feuchten Hand, kurz, auf die Duckmäuser und Angstmacher. Aber die „Stasiballade“, die ließ er bleiben. Biermann war einer der ersten, der nach der Wende Einsicht in seine Akten verlangte. 80 000 Seiten. Schwer, da nicht größenwahnsinnig zu werden. Noch heute freut er sich, wenn er den Abhörmann imaginiert, der ihn beim Dichten des Spottlieds belauschte und mit der Zeile „Die Stasi ist mein Eckermann“ nichts anfangen konnte! Der kannte Goethes Sekretär nicht und wurde schöpferisch: „Die Stasi ist mein Henkersmann.“

Freund Robert Havemann, dessen Witwe Katja dem Konzert lauscht, glaubte damals nicht, dass die Ausbürgerung Bestand hat: Die sind doch nicht blöde, Mensch, das käme die viel zu teuer! „Ein gutes Beispiel dafür, wie jemand im selben Satz Recht und Unrecht haben kann“, sagt Biermann. Und spielt das Totenlied für den verstorbenen Gefährten.

Den Querulanten Biermann sind sie nie losgeworden. Und er hat nie den Biss verloren. Kein Hauch von Altersmilde lähmt die akustische Gitarre, Bühne frei für Biermann, den Berliner Ehrenwutbürger und gebürtigen Hamburger Sohn eines in Auschwitz ermordeten jüdischen Werftarbeiters, der mit 17 in die DDR übersiedelte, aus Überzeugung. Als gelernter Dialektiker hat er sein Motto längst gefunden: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Den „faulen Zahn des Kommunismus“ zog ihm Manès Sperber 1983 in Paris, Phantomschmerzen sind nicht geblieben. Politisch hellsichtig ist er, und streitlustig wie eh. Oskar Lafontaine und Sarah Wagenknecht, „der falsche Rote und die falsche Rosa“, bekommen im BE ihr Fett weg. Und überhaupt die Politiker, die Wegbereiter der Spekulanten. Das Dilemma der Demokratie: Wer etwas bewirken will, muss gewählt werden, „auch von den Idioten“. Trotzdem würde er die Demokratie stets verteidigen, mit Stift und Klampfe. Von Heine leiht er sich das schöne Wort vom „Freiheitskrieg“ an diesem Abend.

Biermann, der Sprachmächtige, schärft seine Zunge gern auch an den Werken anderer. Gerade ist das Buch „Fliegen mit fremden Federn“ erschienen (Hoffmann und Campe, 526 S., 26,80 €), mit seine famosen Nachdichtungen und Adaptionen von Shakespeare bis Bob Dylan. Und doch ist Biermann am besten, wenn er das Leben zwischen den Stühlen besingt, die Unbequemlichkeit und das Unbehagen wach hält: Heimweh nach früher hab ich keins, nach alten Kümmernissen. Deutschland, Deutschland ist wieder eins, nur ich bin noch zerrissen.

Im BE feiern sie Wolf Biermann nach dem zweistündigen Konzert. Und an der Weidendammer Brücke stecken noch Rosen am preußischen Adler.

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