Kultur : Der Eine und die Vielen

Der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan erhält heute den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“. In seinen Werken baut der in Graz lebende Theaterautor und Essayist Brücken zwischen den Religionen und Ethnien seines Heimatlandes

Jörg Plath

Sieben Jahre lebt Dzevad Karahasan nun in Graz. Mit dem Schriftsteller, Theaterautoren, Essayisten und Professor, der 1993 mit seiner Frau aus dem belagerten Sarajewo floh, durch seine Exilheimat zu spazieren, verwandelt die beschauliche Stadt beträchtlich. „Sehen Sie doch,“ jubelt Karahasan in den Gassen, die sich plötzlich zu kleinen, perfekten Plätzen vor barocken und klassizistischen Fassaden öffnen, „dieses Italienische, Helle, Geometrische!“ Dann eilt er voran, zieht einen mit auf den repräsentativen Hauptplatz und auf der anderen Seite hinein in einen Durchgang zum Franziskanerviertel, wo sich mittelalterliche Häuser an die Kirche heranschieben. „Sehen Sie das Dunkle, Kleinteilige, Improvisierte?“ Tatsächlich. In seiner Begleitung ist der Geist des Viertels beinahe mit den Händen zu greifen. Graz zerfällt in ein Netz von Spannungslinien.

Das Wissen um die anderen

Dzevad Karahasan ist ein Grenzgänger, der noch im Exilort ein wenig von seiner geliebten Heimatstadt und deren Einheit der Gegensätze wiederfindet. Bis zu ihrer Zerstörung im jugoslawischen Krieg lebten in Sarajewo Katholiken, Orthodoxe, Juden, Muslime zusammen. Die vier monistischen Religionen bildeten, so heißt es in Karahasans Roman „Scharijars Ring“, eine „dramatische“ Kultur voll trennender und zugleich verbindender Spannungen, die den Gang durch Sarajewo zu einer „unendlich komplizierten und wunderbar reichen“ Angelegenheit werden ließ. Denn man benötigte ein Wissen von den anderen Religionen, ihren Feiertagen, Gebräuchen: „Jeden Bekannten, den wir treffen, begrüßen wir nach seinem Gesetz und seiner Religion, und er grüßt uns nach unserem Gesetz zurück. (...) So können unsere Begrüßungen und unsere Rituale nicht leer und mechanisch werden, trotz aller Wiederholung bleiben sie eine Hinwendung zu diesem und jenem konkreten Menschen ."

Multikulturalität nicht als Formel, sondern als täglich zu erfahrender Bestandteil der eigenen Identität: Jeder Mensch ist erst durch seine Nachbarn vollständig. Das Ganze der Stadt besteht aus vielen, die erkennbar bleiben. In dieser „erregenden“ Kultur berühren sich Konkretes und Abstraktes, Menschen und Wahrheiten, Sinnliches und Übersinnliches. In ihr ist Karahasan zum säkularen Mystiker geworden. Er ist es auch nach der Zerstörung des irdischen Paradieses geblieben. Das Gespräch gleitet vom Höchsten zum Niedrigsten, von der Synthese zu den Gegensätzen und wieder zurück, der Körper ist immer in Bewegung. Für diesen hoch gebildeten Romantiker vom Balkan, der Goethe und Lessing liebt, Kleist auf Serbokroatisch herausgegeben hat und keine Gelegenheit auslässt, sich mit Maurern oder Verkäuferinnen zu unterhalten, ist das Gespräch ein Lebenselixier. Ein passenderer Träger des „Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung“, den Karahasan heute auf der Buchmesse erhält, ist kaum denkbar.

Dzevad Karahasan ist ein Kind des in den Jugoslawienkriegen untergegangenen Sarajewo, aber geboren wurde er 1953 in Duvno. Zum Studium kam er nach Sarajewo, und abgesehen von einem zweijährigen Zwischenspiel blieb er in der Stadt: als Zeitschriftenredakteur, als Professor für Dramaturgie und Dramengeschichte und als Dekan der Akademie für szenische Künste. Nach der Flucht aus der belagerten Stadt folgte eine vierjährige Odyssee durch Salzburg, Berlin und Göttingen, bevor Karahasan 1997 Stadtschreiber von Graz wurde – und durch eine Verkettung glücklicher Umstände für sechseinhalb Jahre blieb. Erst seit Anfang des Jahres müssen sich seine Frau und er wieder fragen, wie sie ihr Geld verdienen.

Auf das bescheidene Gehalt der Universität Sarajewo verzichtet Karahasan. Fünfmal im Jahr kommt der Professor für je zwei bis vier Wochen seinen Lehrverpflichtungen nach und ist danach tagelang unansprechbar. „Es ist furchtbar. Jeder will aus Sarajewo weg. Die Universität besitzt kaum serbokroatische Bücher, und die von aller Welt gespendeten Bücher können die Studenten nicht lesen. Also erzähle ich den Studenten die Theaterstücke nach. Es gibt keine Gesellschaft, keine Öffentlichkeit."

Karahasan malt in mein Notizbuch eine Skizze seines Landes, das wie ein von allen Seiten zusammengepresstes, zweigeteiltes Herz aussieht. „Das Dayton-Abkommen zwingt die kroatisch-islamische Förderation und die serbische Republik zu einem Staat namens Bosnien zusammen. Es schreibt also die Taten von Karadzic und anderen fest, die das Haager Gericht als Kriegsverbrecher sucht. Das ist widersinnig! Mein Land wird in Genf von einem Mann vertreten, der auf mich in Sarajewo geschossen hat. Der Mörder ein Diplomat – können Sie sich das vorstellen? Die Sprache bezeichnet in Bosnien keine Wirklichkeit mehr, und eine Zukunft gibt es dort auch nicht.“

Als politischer Intellektueller versteht sich Karahasan nicht, Politik ist für ihn die Sphäre leerer Rituale. Doch seine Essays aus dem Jahr 1979 klingen heute prophetisch: Warum, fragt er in „Von den Sprachen und der Angst“, sei stets vom „Wir“ anstelle von „Ich“ die Rede, warum kreise Blut in den Nationalfarben in den Adern der literarischen Helden? Es ist die Sorge um das Konkrete, die diesem Kenner der Mystik von Meister Eckhart und Fariduddin Attar am Herzen liegt, weil beides unzertrennbar zusammengehört. Daher empfiehlt der Professor, der als junger Mann illegal im Hamburger Hafen und auf Baustellen gearbeitet hat, seinen Studenten, ein Handwerk zu erlernen.

Sarajewo erlaubte, die Einheit von Konkretem und Abstraktem, Sichtbarem und Unsichtbarem zu erfahren. Die Stadt ist untergegangen, doch Karahasan hat ihr in seinen Büchern ein Denkmal gesetzt. Eine einzige Liebeserklärung ist nicht nur das essayistische „Tagebuch der Aussiedlung“ (deutsch 1993), sondern auch der Roman „Scharijars Ring“ (1997). Karahasan schreibt dessen 500 Seiten, während Sarajewo von den Berghängen herab beschossen wird. Einmal retten sie ihnen das Leben: Während er seiner Frau Dragana im Büro die neuesten Seiten vorliest, schlägt in der Wohnung eine Granate ein. „Scharijars Ring“ verknüpft diese Gegenwart mühelos mit dreitausend Jahre alten Geschichten von der Sehnsucht nach Liebe, die ihr Heil zuletzt im Erinnern findet. Das Buch enthält Essays, Briefe, Zitate, Monologe und einiges mehr und vermählt die Erzähltraditionen des Orients mit der Fragmentarität, Vielstimmigkeit und Polyperspektivität der europäischen Moderne.

Danach erzählt „Sara und Serafina“ (2000) von dem Drama, das das Glück einer Chance zur Flucht aus dem belagerten Sarajewo bedeutet. Wer flieht, muss mit den ethnischen Säuberern paktieren und aufgeben, was Teil seines Lebens, seiner Person war: eine Liebe, den Glauben, die Integrität. Vom Krieg kann im 1989 auf Deutsch erschienenen Roman „Der östliche Divan“ keine Rede sein. Doch der opulent dahingleitende Erzählteppich zeigt bereits den Grundzug des Karahasanschen Erzählens: die Arabeske, diese Figur der Unendlichkeit im Endlichen, die ein Geschehen quer durch alle Zeiten und leicht variierend fortschreibt. So wandert die Sehnsucht durch „Scharijars Ring“, bis sogar ein Dschinn sie verspürt: Das Fabelwesen wünscht sich einen Körper, um endlich das Wunder der Liebe zu erfahren.

Solche Begegnungen zwischen Wesen aus verschiedenen Welten ereignen sich in der islamischen Tradition allein im Garten. In ihm, schreibt Karahasan im „Buch der Gärten“ (2002), berühren sich das Sichtbare und das Unsichtbare. Solche Grenzräume sind auch die Bücher des Bosniers. Er mag sie bescheiden als „Gesprächsangebote an den Leser“ charakterisieren. In Wahrheit handelt es sich um zauberische Gärten, deren Areale zuweilen bekannt, zuweilen fremd erscheinen. Sie laden den Leser ein, sich in ihnen zu verlieren – und womöglich als ein Anderer wiederzufinden.

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