Kultur : "Der eingebildete Kranke": Der Abgesang

Ulrike Kahle

In einer winzigen Sitzbadewanne hockt fötal gekrümmt ein alter Mann und leidet lächerlich. Ein altes Kind, ungezogen, frech, fordernd, verschmitzt. Ezard Haußmann, der für den tatsächlich erkrankten großen Schauspieler des Lächerlichen, Hans-Christian Rudolph, "Der eingebildete Kranke" spielt, zeigt, was er kann. Viel. Ihm zur Seite Hildegard Schmahl als Toinette, ein weiblicher Clown mit spitzem Mündchen, ein rührendes altes Paar, unwiderstehlich, das sich zweimal an den Händen fasst, Hänsel und Gretel, verloren in der Welt - hier auf der Bühne eine ziemlich scheußliche Welt. Fensterlos, mit dunklem Holz sind die Wände verschlossen, mit aufklappbaren Fächern; Krankenhausmobiliar.

Eine Wendeltreppe führt nach oben zur Galerie: ein hölzernes Mausoleum, eine Wohn- und Krankengruft, die an den Schrankwände-Wahn aus schlimmster deutscher Wirtschaftswunderzeit erinnert: Teakholz! Eingebauter Plattenschrank! Eingebaute Bücherregale mit Barfach! (Bühne: Momme Röhrbein). Dazu passend ziemlich scheußliche Kostüme, die Reize von Tochter Angélique (Sylvia Schwarz) im braunen Samtkleid verschlossen, dazu trägt sie eine unkleidsame Kurzhaar-Perücke. Vater Argan läuft und hopst und tobt herum im allerhässlichsten Morgenmäntelchen über brauner Strumpfhose über überdimensionaler Handtuchwindel. Hat die Scheußlichkeit vielleicht Methode?

Man muss sie immerhin ansehen, über drei Stunden lang. Und das ist das irritierend Fragwürdige an diesem merkwürdigen Theaterabend: Was ist Methode, was ist einfach schlechter Haußmann-Geschmack? Mal läuft es hübsch pointiert, mal ist es einfach schlampig-pampig hininszeniert auf niedrigstem Klamauk-Niveau. Was soll uns dieses Stück heute?

Ein reicher alter Mann glaubt, er sei krank, kujoniert seine Umwelt mit seinen Krankheiten, lässt sich von seinen geliebten Ärzten und Apothekern ausbeuten, will sogar seine ältere Tochter Angélique mit einem Arzt verheiraten, damit er ihn praktischerweise gleich im Hause hat. Regisseur Leander Haußmann gab vor der Premiere Sybillinisches von sich, redete von Demokratie und Hofstaat des putzgesunden Argan wie um Kohl oder Schröder - doch diese Inszenierung hat null politische Bezüge. Und vor allem wird gepupst. Haußmann zielt voll auf Klamotte, spielt die älteste, anonyme Molière-Übersetzung aus dem 17. Jahrhundert, angereichert mit heutigen Zutaten wie "behindertengerecht", "Pflegeversicherung" bis zu "Yellow Submarine". Es gibt nette Stellen, etwa wenn der famose Haußmannvater sich wörtlich wiederholt und dann selbst "Alzheimer" attestiert, wie Ezard Haußmann überhaupt bei all seiner Lächerlichkeit und auch häufigen Nacktheit eine unbeirrbare Würde bewahrt, immer wach, aufmerksam und auch bei heftigen Nebenhändeln mühelos im Zentrum bleibend.

Doch insgesamt plätschert das alles so dahin, langweilt manchmal sehr, ist viel zu wenig schrill, zu wenig monströs, zu lau. Vermutlich war höherer Blödsinn in Form von kleinbürgerlichem Trash angepeilt. Heraus kam: wenig Trash, viel Kleinbürgerlichkeit und viel Blödsinn. Greift der neue Hamburger Theaterbazillus des Lauen, Mittelmäßigen, Unausgegorenen vom Schauspielhaus etwa auch auf das Thalia Theater über? Nein, Leander Haußmann hat einfach keine Lust mehr, das hat er gerade in der "Welt" erklärt, und flugs wurde es in anderen überregionalen Feuilletons nachgedruckt, so berühmt ist er, so viel hat er auch zu verspielen, unser ostdeutscher Hoffnungsträger.

So jung, so gut aussehend, so begabt, zu früh und ganz unnötigerweise Intendant geworden, in Bochum, und mit Undank abgewählt, man könnte auch sagen, gescheitert. Dafür hat er im letzten Jahr mit seinem ersten Spielfilm "Sonnenallee" über eine Jugend in der DDR einen Riesenerfolg gelandet und international Lorbeeren geerntet. Was wollte er nun mit diesem Stück? Es lässt sich nicht begreifen. Sollte es ein Trost sein, eine Beruhigung für das durch Kriegenburg, Thalheimer und Konsorten verschreckte Thalia-Publikum?

In der Premiere wurde gegluckst, gekichert, gelacht. Diese Inszenierung liegt weit unter Haußmanns Möglichkeiten und bekräftigt leider seine erstaunliche, öffentliche Selbsterkenntnis: "Ich bemerke, dass ich ein wenig verbittert und mürrisch werde und nicht mehr mit der gleichen Fröhlichkeit und Kraft auf das Medium Theater schaue, wie ich das vorher tat, und ich glaube, es ist meine Pflicht, die Theaterwelt für eine Weile von mir zu befreien."

Ein kleiner Theaterkönig dankt ab. Schade. Haußmanns Müdigkeit und Verbitterung spricht auch gegen den Theaterbetrieb, zu dem natürlich auch wir Kritiker gehören. Hoch gelobt, verheizt, runtergemacht. Der Erfolgsdruck für Intendanten ist enorm, das Geld knapp, das Publikum wählerisch. Zeit zum Ausprobieren, für Misserfolge hat man heute an den großen Häusern nicht mehr. Herr Haußmann, wir gratulieren zur weisen Einsicht. Doch diese Ihre Bitterkeit hätte der Inszenierung des "Eingebildeten Kranken" gut getan. So tändelt sie dahin, vertändelt unsere Zeit und beweist vor allem eines: das Dilemma ihres Regisseurs.

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