Kultur : Der einzige Mensch auf dieser Welt

ISABEL HERZFELD

Isolde gewinnt Tristan durch den Liebestrank; Delilah raubt Samson im Schlaf sein kraftspendendes Haar; Elsa mißachtet Lohengrins Frageverbot: Lügen und Geheimnisse, Verrat und Betrug gehören wohl zur Liebe wie das Salz zur Suppe, zumindest auf der Opernbühne. In Franz Schrekers Oper "Der Schatzgräber" entwendet die schöne Wirtstochter Els, die sich lästige Verehrer schon mal per Mordauftrag vom Hals schaffen läßt, dem geliebten Sänger Elis die Zauberlaute. Denn sie fürchtet verlassen zu werden, wenn er den gestohlenen Schmuck der Königin bei ihr findet, den er durch das wunderkräftige Instrument aufspüren soll. "Nie sollst du mich befragen", fordert diesmal die Frau vom Mann, der seinerseits die Liebesprobe nicht besteht, später beim Hofbankett in einem wilden Lobgesang - gleich Tannhäuser auf der Wartburg - das Geheimnis verrät.Doch trotz solcher Parallelen und verwandter Motive - der Kampf um den Schatz, der verbrecherische Knecht Albi als Mini-Alberich, das Lohengrin-Outfit des fahrenden Sängers und manchen Walküren-Anklangs - ist "Der Schatzgräber" alles andere als ein bloßer Wagner-Verschnitt. Die 1918 entstandene Oper verquickt den Schrekerschen Grundkonflikt zwischen Sinnlichkeit und Geist, wie er etwa auch bei Strindberg oder Wedekind zu finden ist, mit mittelalterlich-märchenhaftem Flair. Das machte sie ungewöhnlich populär, geradezu zur Volksoper. Gelobt wurde die Tendenz zu schlichterer, gefühlsbetonter Melodik gegenüber der "neutönerischen", "schwül-erotischen" Kompliziertheit der Schreker-Werke "Der ferne Klang" und "Die Gezeichneten", die Aufführungen bis 1932 gingen in die Hunderte. In Karlsruhe, wo man ihm sogar die Theaterleitung antrug, dirigierte Schreker 1921 sein Werk selbst; in Berlin machte es Leo Blech an der Staatsoper zum überragenden Erfolg. Es ehrt die Karlsruher Bühne, das mit so vielen anderen von den Nazis als "entartet" verdrängte, noch heute unter den damaligen Vorurteilen leidende Werk nach fast 80 Jahren in einem grandiosen Kraftakt wieder aufgeführt zu haben - was Berlin seinem ehemaligen Musikhochschuldirektor bis heute noch schuldig ist.In der Liebesnacht zwischen Els und Elis, glühend und weltentrückt wie im "Tristan", wächst die Inszenierung von Thomas Schulte-Michels über sich selbst hinaus. Im königlichen Schmuck entfaltet Jayne Casselman die Magie, die ihr in Wolf Münzners recht biederer Ausstattung sonst fehlt und doch ihre verhängnisvolle Anziehungskraft erst verständlich machen müßte. Ihr dramatischer, manchmal schon leicht angestrengter Sopran verschmilzt mit dem mühelos heldischen Tenor des Robert Künzli (vom vielgerühmten Stuttgarter Ensemble) zu betörenden Linien, von den Luxus-Klangwellen der Badischen Staatskapelle unter Kazushi Ono getragen. Im Zauberwald wandelt sich bald mattes, bald drohendes Tiefblau in flammendes Rot; zu glitzernder Harfe, pastoralen Holzbläsern und sachtem Gongschlag weitet Dämmerung sich in Helligkeit. Selten sah man einen musikalisch-seelischen Vorgang mit seinen Ekstasen und Eintrübungen so kongenial in Licht und Farbe übersetzt.Sonst ist die Farbgebung eher der Schwachpunkt der Aufführung, knallbuntes abstraktes Gewirr hinter schräg gekippter Scheibe, auf der die Protagonisten in hoffnungslos verstaubten Kostümen herumturnen - ein unerträglicher Stilbruch. Oder ein Narrenspiel? Denn ein Narr zieht hier die Fäden, verschafft dem untröstlichen König (mit respektheischendem Baß: Gregory Frank) den Schatzgräber und rettet Els vorm Feuertod, indem er sie sich zur Frau ausbedingt. Hans-Jörg Weinschenk gibt dem pfiffige Wendigkeit, nicht ohne anrührende Facetten: der Narr als der einzige Mensch in dieser machtlüsternen Welt. Der eiskalte Vogt (Edward Gauntt) und der hündisch ergebene Albi (Klaus Schneider) können, da die Regie diese Sphären zuwenig unterscheidet, dagegen nur chargieren.Kein Jota zu schmälern ist dafür an der Musik. Neben guten bis akzeptablen, immer aber hochengagierten sängerischen Leistungen, in die auch der Staatsopernchor mit traumhaftem Sirenen- und deftigem Volksgesang einzuschließen ist, gebührt die Krone dem Orchester. Die süffig-komplexe Klangwelt Schrekers bringt es zu leuchtend-transparentem Leben, macht faszinierend deutlich, daß sie ebenbürtig neben Richard Strauss, Alban Berg, Alexander Zemlinsky zu stellen ist.

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