Kultur : Der einzige Zeuge

Irrungen, Wirrungen: Pascal Bonitzers „Petites coupures“ im Wettbewerb

Jan Schulz-Ojala

Privat sind große Künstler, die in ihren Werken gerne Gedankengebirge versetzen, oft ziemlich schüchterne Zeitgenossen. Pascal Bonitzer zum Beispiel, anfänglich Filmkritiker, später Drehbuchautor und seit einigen Jahren zudem ins Regiefach gewechselt, gibt das freimütig zu. „Ich mag vom Temperament her schon mal eine Gelegenheit beim Schopfe ergreifen“, vertraute er dieser Tage dem Berlinale-Magazin „Screen“ an, „nur sie selber herbeiführen, das kann ich nicht.“

Was also macht ein solchermaßen temperierter Textbaumeister, wenn er dann schreibt? Er empfindet eine geradezu rauschhafte Freude am Austüfteln von Situationen und Dialogen, also am Herbeiführen von Gelegenheiten. Und wenn er ein bisschen Humor, gar Selbstironie hat, wird er Figuren auf die Reise schicken, die ihm selber ein bisschen ähnlich sind – Figuren also, die Gelegenheiten allenfalls beim Schopfe ergreifen, wenn sie denn nicht ohnehin nur von der einen in die nächste stolpern. Auf dass sich die Unvollkommenheit des Lebens im Aufgeschriebensein auf das Heiterste spiegeln und auflösen möge.

„Petites coupures“ (Kleine Schnitte; besser: Kleine Schnittwunden), Pascal Bonitzers dritter Film nach eigenem Drehbuch, ist eine Versuchsanordnung für genau diesen Fall. Unser Held namens Bruno (Daniel Auteuil spielt ihn mit Auteuilscher Glut und Gelassenheit) ist, behaupten wir’s frech, Bonitzers Alter Ego – vielleicht nicht, was die amourösen Verwicklungen betrifft, wohl aber in der Haltung zur Welt. Die nicht einmal 48 Stunden, von denen Bonitzers Film erzählt, türmen geradezu ein Gebirge von Gelegenheiten auf, selbst für einen desorientierten und eher passiven Zeitgenossen wie Bruno; er treibt ihnen traumwandlerisch entgegen, und wenn er Glück – oder auch Pech – hat, dann packt er sie beim Schopfe.

Bruno ist ein irgendwie immer noch kommunistischer Journalist aus Paris, der aus Mangel an Alternativen – „Der Mauerfall“, sagt er müde, „das ist lange her, die Dinge gehen weiter“ – die alten Träume vor sich herträgt. Irgendwie noch verheiratet mit der neuerdings untreuen Gaelle (Emmanuelle Devos) und intellektuell arg unterfordert durch seine junge Gespielin Nathalie (Ludivine Sagnier), fährt er mit einem irgendwie politischen Auftrag in die französischen Alpen; bald aber verliert er Nathalie und seine mitreisende Assistentin (Pascale Bussières) zeitweise aus den Augen, weil er für einen eifersüchtigen und augenscheinlich gehörnten Onkel einen Drohbrief an dessen noch höher im Gebirge lebenden Nebenbuhler, einen Deutschen mit dem vielsagend verdrehten Namen Verekher (Hanns Zischler), überbringen muss; und dabei lernt er dessen kapriziöse Ehefrau Béatrice (Kristin Scott Thomas) kennen, die bis vor ein paar Jahren noch Verekhers Stieftochter war …

Eine komplizierte Geschichte. Aber nur wenn man sie kompliziert nimmt. Wenn man verstehen will, warum da alles mit allem zusammenhängt. Bruno aber will nicht verstehen. Er geht durch den von schlechter Laune geradezu durchsotteten Mikrokosmos der Provinz, wie er durch den eher nervenden Mikrokosmos seiner eigenen Liebschaften geht: als ein Zeuge. Wo alle Meinungen verbreiten, Liebeserklärungen formulieren oder – Gott bewahre! – auch handeln, muss einer der Zeuge sein. Und das Schlimmste, was ihm als in der Regel meist ziemlich teilnahmslosem Kriegsberichterstatter seines eigenen Privatlebens widerfährt, sind eben: kleine Schnittwunden.

Das ist, in der Kunstfertigkeit der herbeigeführten Zufälle, erst einmal hübsch anzusehen und – wie immer bei Pascal Bonitzer – auch anzuhören. Bald aber werden die dauernden Situationswendungen zur Manier: Vor allem Kristin Scott Thomas muss so häufig die emotionalen Koordinaten wechseln, dass einem beim Zuschauen ganz schwindlig wird. Ja, es mag solche Frauen geben – aber doch bitte nicht so penetrant immer mehr im Mittelpunkt eines eigentlich leichten Films! Das schöne Prinzip des „Nichts ist, wie es scheint“: Ein bisschen zu klug, zu kompositionsverliebt, zu manisch schließlich drechselt der Tüftler Pascal Bonitzer es irgendwann zu Tode.

Heute 9.30 und 23.30 Uhr (Royal Palast),

20 Uhr (International)

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