Kultur : Der eisige Hauch des Monarchen

„Holbein in England“ in der Londoner Tate Gallery: Mit dem Deutschen beginnt die britische Malerei

Nicola Kuhn

Die edle Dame scheint völlig eingefroren: die schmalen Lippen eisig zusammengepresst, der Blick geht leer in die Ferne, die Hände hat sie wie zur Verstärkung der völligen Reglosigkeit krampfhaft ineinander verschränkt. Und doch pulst unter diesem Panzer aus Haut und samtenen Kleidern Leben, glaubt man den reichen Brokat im nächsten Moment rascheln zu hören, erwartet der Betrachter ein Blinzeln der Augenlider.

Hans Holbein gelingt dieser perfekte Balanceakt zwischen reglosem Herrscherinnenporträt und blutvoller Gegenwärtigkeit, indem er die kleinen physiognomischen Unregelmäßigkeiten nicht versteckt, sondern gerade in ihnen das Individuelle, Lebensnahe entdeckt – die nicht ganz symmetrischen Augen, der kleine Nasenhöcker, die rötlich gefärbten Daumen und Fingerknöchel. Dazu rückt er die Dame so nah an den Bildrand heran, dass den Betrachter und sein Objekt nur noch der Rahmen voneinander trennt. Plötzlich erscheint Queen Jane Seymour nicht mehr als die kühle Königin der Tudorzeit, sondern wie eine Figur unserer Gegenwart, nur anders gekleidet.

Holbein porträtierte sie zwischen 1536, dem Jahr ihrer Eheschließung mit König Heinrich VIII., und der Geburt des Thronfolgers 1537, an deren Folgen sie starb. Das Wiener Meisterwerk erfährt in der Ausstellung „Holbein in England“ in der Londoner Tate-Gallery seine Steigerung durch die direkte Nachbarschaft mit dem berühmten Madrider Gemälde Heinrichs VIII. aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza. Erstmals seit Jahrhunderten sind sie damit wieder vereint. Bekrönt wird dieser Doppelschlag durch ein drittes Bild: das Porträt ihres gemeinsamen Sohnes Edward aus der Washingtoner Nationalgalerie. So grausam das Antlitz des Vaters wirkt, so verhärtet die Züge der Mutter, so kindlich, warmherzig erscheint der zweijährige Prinz von Wales, doch trägt er seine Rassel bereits wie ein Zepter.

Holbein ist auf dem Höhepunkt seiner Porträtkunst angelangt, am Zenit seiner Karriere als Hofmaler, denn nach dem Tod Jane Seymours wird er von Heinrich VIII. zu den europäischen Adelshäusern entsandt, um Bildnisse möglicher Bräute anfertigen zu lassen. Dazu gehört auch das Porträt der 16-jährigen Christina von Dänemark als blutjunge Witwe mit einem klugen, kleinen Lächeln, leicht von oben herab. Sie gewährte drei Stunden für das Porträt und ließ den britischen Bewerber doch abblitzen – mit den Worten, dass sie ihn nur heiraten würde, wenn sie zwei Köpfe hätte.

1543 stirbt Holbein in London, gerade 45 Jahre alt, an der Pest. Seine produktivste Zeit, die Jahre 1526 bis 1528 und nach seiner erneuten Rückkehr aus Basel ab 1532 bis zu seinem Tod, verbringt er in England. Die Folgen dieses Aufenthalts sind immens, denn mit Holbein setzt in England die britische Kunstgeschichtsschreibung ein. Erst der ursprünglich aus Augsburg stammende Maler brachte die europäische Renaissance vom Kontinent ins United Kingdom, das bis dahin unter dem Einfluss mittelalterlichen Stilempfindens stand.

Ja, mit ihm beginnt überhaupt erst die britische Geschichte, heißt es in London gegenwärtig voller Überschwang. Wie kein anderer prägte Holbein durch seine Porträts, seine kunstgewerblichen Entwürfe für Goldschmiedearbeiten, Festdekors und Wandgemälde das Erscheinungsbild der Tudor-Zeit, mit der die protestantische Zeitrechnung in Großbritannien begann. Die Holbein-Huldigungen haben ihren Grund: Die Tate präsentiert erstmals eine umfassende Schau seines Schaffens in der Wahlheimat Großbritannien, nachdem zuvor im Basler Kunstmuseum eine spektakuläre Ausstellung seiner Schweizer Jahre zu sehen war. England erinnert damit zugleich an die Anfänge seiner großartigen Malereitradition, denn Holbein gilt als Vater der „British school“.

Die Verbindung nach London hatte einer seiner wichtigsten Baseler Kunden, Erasmus von Rotterdam, hergestellt, nachdem durch die reformatorische Bewegung seine Aufträge ins Stocken geraten waren. Religiöse Themen galten in der calvinistischen Schweiz nicht länger als opportun, während in England trotz Auflösung der Klöster weiterhin Bedarf bestand und Renaissance-Dekors in Mode kamen. „Hier erstarren die Künste“ schrieb Erasmus an seinen Londoner Freund Thomas Morus 1526. „Holbein ist deshalb auf dem Weg nach England, um ein paar Münzen aufzusammeln.“ Für den späteren Lordkanzler schuf der ehrgeizige Maler unter anderem ein Familienbildnis, das heute nicht mehr existiert. Die Vorskizzen haben sich jedoch glücklicherweise erhalten, aus denen die sukzessive Verständigung zwischen Künstler und Auftraggeber ablesbar wird. Die Änderungswünsche stehen einfach in brauner Tinte zwischen die Figuren geschrieben. So soll Lady Morus fortan zur Rechten des Patriarchen sitzen und nicht knien, die Laute an der Wand muss komplett gestrichen werden.

Diese Zeichnungen sind gestochen scharf in ihren Umrisslinien. Die darin sichtbaren winzigen Einstichlöcher verraten zwar die Technik des Kopierens ins endgültige Format, nicht aber wie Holbein am Ende die lebensvolle Nähe in die statuarischen Figuren hineinbekommen hat. Holbein-Expertin Susan Foister von der National Gallery, Kuratorin der Schau, erklärt dies mit dem Geheimnis der innegehaltenen Bewegung. Jeden weiteren Moment müssten sich die Porträtierten drehen oder nicken.

Trotzdem wird der Betrachter das Gefühl nicht los, dass Holbeins Figuren zunehmend steifer werden, als ob sich der eisige Hauch der Tudor-Regentschaft auch auf seine gemalten Gesichter legt. Am Anfang seines England-Aufenthalts steht noch die bezaubernde „Dame mit Eichhörnchen“, dessen buschiger Schwanz sich spielerisch gerade vor dem Dekolleté der Porträtierten erhebt. Am Ende fixiert der in London residierende Kaufmann Hermann von Wedigh scharf den Betrachter, neben sich ein Buch mit eingeschobenem Zettel, darauf in Latein die Worte „Wahrheit gebiert Hass“. Möglicherweise verbirgt sich darin eine Anspielung auf die zweifelhaften Wahrheiten der britischen Staatskirche und ihres grausamen Oberhaupts Heinrich VIII.. Holbein konnte sie sich zumindest im Bilde leisten; sein Realismus blieb trotz politischer Wechselfälle und dramatischer Karrierestürze bis zuletzt gefragt.

Tate Gallery, London, bis 7. Januar; Katalog 19,99 Pfund.

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