Kultur : Der Elefant in Spiritus

250JahreSammelleidenschaft:Braunschweigs Herzog-Anton-Ulrich-Museum

Michael Zajonz

Üppige Formen bei zartesten Linien, Gold und Elfenbein ohne Ende: Wer sich auf diese Versuchung einlässt, den belohnt blanke Fülle. Inmitten göttlicher Erscheinungen, zwischen all den Alabasterkörpern und Löckchen aus Buchsbaumholz kann man schnell sein Herz verlieren. Dabei ist der erste Eindruck eher verhalten. Ein großer grauer Kasten am Rande der Braunschweiger Altstadt, von der Bomben und Wiederaufbau nicht viel übrig gelassen haben. Foyer und Treppenhaus sind nüchtern übertüncht, an den Galeriewänden grünbraune Veloursbespannungen wie in billigen französischen Hotels.

Geschenkt. Im ersten Raum hängt Vermeers „Mädchen mit dem Weinglas“, ein paar Schritte weiter Rembrandts grandioses „Familienbild“. Danach wundert einen gar nichts mehr: italienische Kleinbronzen, französische Renaissanceemaillen? Rubens, Holbein, Giorgione? Alles da. Adam Elsheimers „Morgenlandschaft“ leuchtet, als handle es sich ums Paradies. Und irgendwie ist es das auch. Das Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum (HAUM) feiert in diesem Jahr sein 250-jähriges Bestehen. Unter seinen 170000 Katalognummern reichen Beständen findet sich, abgesehen von der Grafiksammlung, nicht viel aus der Zeit nach 1800. Doch alt und verstaubt wirken hier nur die Wandfarben und die knarrenden Parkette.

Das nach Herzog Anton Ulrich benannte Museum entspringt dem Qualitätssinn und der Sammelleidenschaft einer Epoche. Kleiner und weniger enzyklopädisch als in Dresden oder München, dafür aber – bis auf die Mittelalterabteilung in der Burg Dankwarderode – unter einem Dach. Bis zu ihrer Verschleppung ins Musée Napoléon befand sich die Gemäldesammlung in dem von Anton Ulrich um 1700 zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel errichteten Lustschloss Salzdahlum. Zurückkehren konnte sie dorthin nach der Rückgabe 1815 allerdings nicht mehr; die Franzosen hatten das aus Holz gezimmerte Riesenschloss abreißen lassen. So mussten sich die Bilder bis zur Eröffnung des heutigen Museums im Jahr 1887 mit Kunstkammerstücken, Grafiken und zeitweilig auch den naturwissenschaftlichen Objekten den Platz im ehemaligen Paulinerkloster nahe des Doms teilen.

Das HAUM gehört zu den ältesten europäischen Museen. Sein Vorläufer, das herzögliche Kunst- und Naturalienkabinett, stellte sich ab 1754 in einer vom Stadtschloss auch räumlich emanzipierten Lokalität dem bürgerlichen Publikum – der Beginn für die Zeitrechnung des nun gefeierten Jubiläumsjahres. Den nächsten großen Schritt vollzog Anton Ulrichs Urenkel, Herzog Carl I., indem er seine Residenz nach Braunschweig verlegte und die auf diverse Schlösser verstreuten Sammlungen neu ordnete. Dahinter verbarg sich eine regelrechte Bildungs- und Geschmacksoffensive, die von der Förderung der Buchkultur bis zur Einführung geregelter Straßenbeleuchtung reichte.

Privat sammelte der Herzog – wie sein königlicher Schwager Friedrich der Große in Preußen – kostbare Tabatieren. Mit dem niederländischen Mediziner Daniel de Superville machte er einen Mann der Aufklärung zum Gründungsdirektor. Superville legte 1753 die sammlungspolitischen Grundzüge bis weit ins 19. Jahrhundert fest. Eine Ausstellung im Rittersaal von Burg Dankwarderode rekonstruiert nun das erste halbe Jahrhundert bis zu jenem Dezember 1806, als Vivant Denon, Kunsträuber von Napoleons Gnaden, Braunschweigs museale Herrlichkeit abrupt unterbrach.

Das Entree bestimmten einst neben Supervilles Bildnis die Porträts von Gottfried Wilhelm Leibniz und Carl von Linné. Der deutsche Universalgelehrte und der schwedische Naturforscher stehen nun auch am Beginn der Jubiläumsausstellung. Sie verdeutlichen noch einmal den Anspruch einer Sammlung, die in der Tradition fürstlicher Kunst- und Wunderkammern Schöpfungsgeschichte spiegeln und zugleich den Kategorisierungen neuzeitlicher Spezialwissenschaften folgen wollte. Ausstellungskurator Alfred Walz verzichtet auf eine Rekonstruktion des historischen Ambientes. Stattdessen dürfen die rund 300 Objekte ungehindert wirken: Neben Pretiosen wie dem „Mantuanischen Onyxgefäß“, einem römischen Salbölfläschchen, finden sich Miniaturmodelle vom Lissabonner Erdbeben 1755 genauso wie ethnologische Objekte, Mineralien oder der in Spiritus eingelegte Embryo eines indischen Elefanten. Letzterer lockte selbst Goethe nach Braunschweig.

Damit auch im Jubiläumsjahr Besucher strömen, stemmen die Braunschweiger einen ganzen Reigen von Ausstellungen, Kolloquien, Publikationen. Stolz verweist Museumsdirektor Jochen Luckhardt auf 1,9 Millionen Euro Drittmittel. Aus dem regulären Budget stammen nur 70000 Euro. Niedersachsen verwöhnt sein Landesmuseum nicht sonderlich. Die Renovierung des Altbaus stockt, der Erweiterungsbau verzögert sich. Typisch Museumsgeschichte: großartig gedacht, später nie ganz so groß gemacht.

Braunschweig, Burg Dankwarderode, bis 22. August. Katalog 29,80 Euro.

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