• Der empfindlichste Ort der Welt - Was die Archäologie in der Jerusalemer Gedenkstätte zu suchen hat

Kultur : Der empfindlichste Ort der Welt - Was die Archäologie in der Jerusalemer Gedenkstätte zu suchen hat

Hendrik Bebber

Der heiligste Ort der Christenheit ist in einem heillosen Zustand. Die morschen Mauern der Grabkapelle in der Grabeskirche von Jerusalem werden nur durch ein Stahlträger-Korsett am Bersten gehindert. Das hatte die britische Mandatsregierung von Palästina 1947 hastig aus Indien herbeigeschafft, um den damals schon drohenden Einsturz zu verhindern. "Das Gebäude ist in Gefahr", warnt Professor Martin Biddle. "Jerusalem liegt in einer Erdbebenzone. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein seismischer Stoß die Kirche wie ein Kartenhaus umwirft".

Martin Biddle ist Archäologe an der Universität Oxford. Er weiß, wovon er spricht. Denn er kennt jeden Mauerstein und jede Mörtelfuge der Grabeskirche, die er seit zehn Jahren regelmäßig aufsucht. Als erster und bislang einziger Wissenschaftler bekam er die Erlaubnis für eine penible archäologische Bestandsaufnahme der Architektur. Angesichts der Rivalitäten zwischen den griechischen, armenischen, katholischen, koptischen, syrischen und abessinischen Religionsgemeinschaften, die sich das Heiligtum teilen und eifersüchtig, ja zuweilen handgreiflich über ihre Einflusssphären in der Grabeskirche wachen, bezeichnet Biddle die Einwilligung zu seiner Forschung als "kleines Wunder. Ohne Übertreibung ist dies wohl der empfindlichste Ort der Welt. Wir konnten hier nur arbeiten, weil alle Parteien uns als neutral ansahen."

Biddle übertreibt nicht: Bei seiner Archivarbeit in Jerusalem fand er gewiss den dicken Aktenordner zu jener berühmt gewordenen Frage, welche Religion den Nagel für ein heruntergefallenes Bild wieder einschlagen dürfe; ein Fall, der schier unlösbar schien. Damals hat schließlich ein Beamter der britischen Mandatsregierung selbst zum Hammer gegriffen und so kurzerhand den langen Kirchenstreit beendet.

Religionskrieg und Diplomatie

Heute beweist Biddle nicht nur archäologisches, sondern auch diplomatisches Fingerspitzengefühl, wenn er die "Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit" aller Religionsgemeinschaften in den höchsten Tönen lobt. Schließlich konnten auch die Renovierungen in der Hauptkirche nur dank einer gemeinsamen Architekturkommission abgeschlossen werden. Solche Diplomatie wird auch in Zukunft bitter nötig sein, wenn Biddle die schwierigste Aufgabe angeht: Die Grabkapelle als Zentrum der Kirche muss Stein für Stein abgetragen und wiederaufgebaut werden. Die Kernfrage dabei ist, in welcher Form dies geschehen soll. Die "Aedicula" (lateinisch: "kleines Haus") wurde im osmanisch-griechischen Stil des frühen 19. Jahrhunderts errichtet, nachdem die ursprüngliche Struktur durch ein Feuer zerstört worden war. Die Vorläufer der heutigen Kapelle sind jedoch erhalten: "Seit dem Jahre 326 entstanden vier Gebäude über dem Grab, die sich wie die Schichten einer Zwiebel überlappen", fanden Biddle und sein Team heraus. "Hinter jeder Schicht verbergen sich neue Geheimnisse".

Die britischen Archäologen stellten umfangreiche Quellenforschungen an, verglichen Dokumente und Abbildungen und begannen dann, jeden Stein der Kapelle zu katalogisieren. Sie bemerkten dabei, dass die Eisenstreben, die die alten Mauerreste mit den neuen Mauern verbinden, völlig durchgerostet sind und die schwachen Wände der jetzigen Grabkapelle die schwere Kuppel nicht tragen. Wegen der Pilger konnte Biddle mit seinem Team nur in der Nacht arbeiten. Wichtigstes Hilfsmittel war dabei die computergestützte Photogrammetrik. Sie ermöglichte dimensionale Aufnahmen des Gebäudes, die zeigen, wie die einzelnen "Zwiebelschalen" einander umschließen. Bei den vielen statischen und stilistischen Problemen der dringend notwendigen Restaurierung werden sie eine große Hilfe sein.

Biddle konnte bei seiner Forschung eine Fülle von architekturhistorischen Fehlschlüssen aufklären. So wurde die byzantinische Rekonstruktion der Grabeskirche nicht von Kaiser Konstantin IX. Monomachos, sondern von seinem Vorgänger Michael IV. Paphlagon ausgeführt. Ebenso irreführend sind die historischen Quellen, welche den Umbau durch die Kreuzritter auf das Jahr 1149 ansetzen. Biddle beweist, dass dies erst 15 Jahre später geschah.

Die Frage allerdings, ob die Kapelle wirklich das Grab Christi markiert, kann auch Biddle nicht klar beantworten. Nur bei dem Neubau der abgebrannten "Aedicula" im Jahre 1808 war das in Fels gehauene Grab in neuerer Zeit teilweise kurz sichtbar. Bis zum Mittelalter konnten die Pilger durch "Gucklöcher" in der ornamentalen Marmorbahre einen Blick in die Grabkammer werfen. Seitdem bleibt ihnen nur die stark idealisierte Rekonstruktion über der Kammer: ein "Grabaltar", der millimetergenau von Katholiken, Orthodoxen und Kopten für die Gottesdienste aufgeteilt ist. Ein Zugang zum ursprünglichen Felsengrab wäre heute nur im Zuge des Wiederaufbaus der Kapelle möglich. Biddle hofft, dass sich dabei seine Theorien bestätigen werden: "Wir können jetzt mit einer gewissen Sicherheit sagen, dass es dasselbe Grab ist, das der Bischof von Jerusalem im Jahre 326 entdeckte."

Leider sind die biblischen Beschreibungen, die als Zeugnisse dienen könnten, denkbar knapp: Das Grab lag außerhalb Jerusalems in einem Garten unweit von Golgatha. Es war eine frisch in den Fels gehauene Kammer, die noch nie zuvor benutzt wurde. Sie gehörte Joseph von Arimathia, einem wohlhabenden Mann. Die Eingangsöffnung war niedrig, durch einen großen Stein verschlossen. In der Grabkammer war Platz für mindestens fünf Trauernde. Der wichtigste historische Zeuge der Wiederentdeckung nach 300 Jahren, Bischof Eusebius von Caesaria, hatte wie seine Zeitgenossen keinen Zweifel an der Authentizität: "Als Schicht für Schicht Schutt und Erdreich abgetragen waren, wurden alle unsere Hoffnungen überboten. Es erschien das höchste, heiligste Zeugnis für die Auferstehung des Erlösers."

Martin Biddle verwundert diese Gewissheit über das echte Grab bei der ersten Ausgrabung nicht: "Die Lage der Ruhestätte lebte in der Erinnerung und der Tradition der ersten Christen weiter. Es ist gut möglich, dass das Grab von der Kreuzigung bis zum Jahre 135 ständig besucht wurde und vielleicht sogar markiert war." Der Archäologe hofft, dass bei einer Freilegung Inschriften entdeckt werden, welche diese Kontinuität beweisen. Solche "Graffiti" waren ein wichtiges Beweismittel bei der Identifikation des Petrus-Grabes im Vatikan. Nach der Wiederentdeckung unter den Trümmern eines römischen Tempels wurden die Erdschichten um das Grab abgetragen und Kaiser Konstantin umbaute es mit einer prächtigen Kapelle.

In Jerusalem hingegen ließ der Kaiser Teile des Felsengrabes zumauern, um den Blick auf die "überzähligen" Aufbahrungssockel zu verwehren. Seitdem musste es viele Eingriffe über sich ergehen lassen und überstand im Jahre 1009 sogar die Zerstörungswut des ägyptischen Kalifen al-Hakim, der befahl, "die Kirche dem Erdboden gleichzumachen und alle Spuren christlicher Erinnerung auszulöschen". Es gelang jedoch weder mit schweren Eisenhämmern noch mit Feuer, das Grab völlig zu zerstören. Bei den nachfolgenden Renovierungen und Umbauten nach Feuersbrünsten und Erdbeben verschwand das originäre Grab mehr und mehr hinter neuen Mauern und unter Böden. Biddle nimmt dennoch an, dass seine ursprüngliche Form gut erhalten ist.

Von einer neuen Untersuchung des Felsengrabes sollte man sich keine Beweise oder Gegenbeweise für die Auferstehung erwarten, betont Biddle. In dem Grab ließe sich nichts finden, das sich für eine DNA-Untersuchung eignen würde. Er selbst stellt bei seiner Arbeit alle religiösen Empfindungen zurück und hält sich streng an die Regeln der Archäologie. Dabei ist er sich der Reibungspunkte von Glauben und Wissenschaft bewusst - das leere Grab wird ja von den gläubigen Christen als machtvolles Zeugnis der Auferstehung angesehen. Es gibt viele, so Biddle, die sagen: "Wir wissen, was hier geschehen ist. Wozu brauchen wir die Archäologie? Was können wir aus der Untersuchung einer Kapelle des 19. Jahrhunderts lernen? Welche neuen Erkenntnisse bringen sie uns über Leben und Tod oder gar die Auferstehung Jesu?" Die Antwort, kann Biddle zufolge nur lauten:"Nichts." Die Archäologie kann kaum etwas zur Erforschung einer Person beitragen, die im Palästina des ersten Jahrhunderts ziemlich unbedeutend war. Aber selbst die Zweifler dürften sich dafür interessieren, was mit dem Grab nach der Auferstehung geschah. Was den Ausdruck der Religion in einem Bauwerk anbelangt, so gibt es keinen wichtigere Stätte in der westlichen Welt. Allein das Fest des heiligen Osterfeuers an der Grabkapelle widerlegt alljährlich die Ansicht, dass es sich bei der Arbeit von Martin Biddle nur um die Erforschung eines Haufens toter Steine handelt.Martin Biddle: "Das Grab Christi", Brunnen Verlag, Gießen 1998. 129 Seiten, 39,80 Mark. Eine erweiterte Neufassung ist 1999 auf Englisch erschienen: "The Tomb of Christ", Sutton Publishers, 192 Seiten, 39,95 $.

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