Kultur : Der Empfindungskünstler

Jugend ohne Trott: Seine eigene Pubertät hat der Schauspieler Ulrich Matthes mit Verspätung erlebt. Jetzt inszeniert er am Deutschen Theater Berlin mit Studenten Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“

Peter Laudenbach

Ulrich Matthes ist ein Schauspieler, der seine Figuren mit sparsamen Gesten charakterisiert, ein leiser Präzisionsspieler mit markantem, kantig zarten Gesicht. Kein dem äußerlichen Effekt hingegebener Selbstdarsteller, sondern ein Schauspielkünstler, der am besten ist, wenn er vertrackte, seelisch gebrochene Charaktere auslotet, unsentimental und empfindsam.

In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat Ulrich Matthes mit einigen der bedeutendsten Regisseure des deutschsprachigen Theaters gearbeitet: mit Dieter Dorn und Hans Lietzau an den Münchner Kammerspielen, mit Klaus Michael Grüber und, immer wieder, mit Andrea Breth an der Berliner Schaubühne. Immer sah man einen Schauspieler, der mit analytischer Intelligenz seine Rollen durchdringt und durchleuchtet, kein dumpfer Bauch- , eher ein feinnerviger Seelenspieler. Jetzt sitzt er in der Kantine des Deutschen Theaters und geht mit seinem Regieassistenten und einigen Lichttechnikern Probenprobleme durch. Am Nebentisch lässt ein Dutzend junger Menschen die Vormittagsprobe ausklingen, Schauspielstudenten der Hochschule Ernst Busch, die zum ersten Mal an einem großem Theater spielen. Mit ihnen inszeniert Ulrich Matthes „Frühlings Erwachen“, Frank Wedekinds Jugend- und Pubertätsstück („Eine Kindertragödie“), dessen Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters vor knapp einem Jahrhundert für Skandal sorgte. Am gleichen Ort gelangt Ende dieser Woche Matthes’ Inszenierung zur Premiere.

Weshalb mutet sich ein erfolgreicher Schauspieler den Wechsel von den Hauptrollen zur Regie zu? Warum tut es sich Ulrich Matthes an, mit Anfang 40 noch einmal einen zweiten Beruf zu lernen? Er will den Beruf nicht wechseln, „ich bleibe Schauspieler“, sagt er. Aber es einmal mit der Regie zu versuchen, ist ein alter Wunsch von ihm. „Ich will die Gesamtverantwortung für einen Abend übernehmen. Auch wenn ich spiele, reicht es mir oft nicht, nur an meine eigene Rolle zu denken.“

Ausbrüche, Aufbrüche

Matthes, der intelligente, nie gefühlig sentimentale Theaterkünstler, versucht, nicht nur eine Personensicht, sondern eine Weltsicht zu formulieren, nicht nur einen einzelnen Charakter auszuleuchten, sondern das Stück-Universum, in dem sich dieser Einzelne bewegt. Bescheiden ist das nicht gerade, aber bescheiden ist gutes Theater ja nie. Mit „Frühlings Erwachen“ wagt sich Ulrich Matthes, nach „Groß und klein“ von Botho Strauß in Darmstadt, an seine zweite Regie. Die Arbeit mit den jungen Schauspielern empfindet er als „gleichermaßen schwierig und beglückend. Ich erkenne etwas von meinen eigenen Schwierigkeiten des Anfangs wieder.“

Zu solchen Wiederbegegnungen mit der eigenen, noch ferner als die Anfängerjahre des Schauspielers zurückliegenden Jugend, fordert das Stück heraus: „Man erinnert sich an die eigene Pubertät, eine furchtbare Mischung aus Schüchternheit und dem Gegenteil davon. In Wedekinds Stück ist dieser Zustand der Jugend, der Pubertät ein großer Schmerz.“ Wie muss man sich den 16-jährigen Ulrich Matthes vorstellen, ein Sohn aus gutem Berliner Hause, von Kind an eher scheu als frech? „Vor allem habe ich das Gefühl, meine Pubertät nicht ausgekostet zu haben, das Gefühl von verlorener Lebenszeit.“ Dass um ihn herum so einiges passierte und mit ihm selbst relativ wenig, muss ihn damals sehr irritiert haben. Aber vielleicht brauchen die schönen Schmetterlinge einfach etwas länger, bis sie aus ihrem Kokon herausfliegen.

Die Aus- und Aufbrüche kamen bei Ulrich Matthes mit einer kleinen Verspätung, dafür hat er sie um so ausgiebiger genossen. „Meine Pubertät habe ich nachgeholt, als ich zwischen 18 und 24 war, da wurde mit Genuss herumgelebt.“ In diesen Jahren bricht er ein Studium ab (Anglistik und Germanistik auf Lehramt), nimmt privaten Schauspielunterricht und erlebt einen glänzenden Karrierebeginn. Schnell fällt der junge Mann mit dem scheuen Charme auf. Mit 27 hat er den Sprung in die Theaterbundesliga geschafft und spielt in München am Bayerischen Staatsschauspiel die großen Rollen, ein Jahr später wird er von der Theaterkritik als Schauspieler des Jahres gefeiert. Er wechselt zu Dieter Dorn an die Münchner Kammerspiele, 1992 geht er zurück nach Berlin, an die Schaubühne zu Andrea Breth.

Das Leichte, das Schwere

Auch wenn er keine unmittelbaren Vorbilder für seine eigenen Regieversuche hat, ist Breth sicher die Regisseurin, mit der er in den letzten Jahren am intensivsten zusammengearbeitet hat. In ihrer „Hedda Gabler“-Inszenierung an der Schaubühne spielte er den verkniffenen Karrieristen Tesman, in der „Möwe“ sehr anrührend und irritierend den jungen Künstler Kostja. Mit liebevoller Bewunderung spricht Matthes von dieser für ihre Unerbittlichkeit berühmte Regisseurin und ihrer „Demut vor den Autoren“. Seit einigen Jahren arbeitet Ulrich Matthes frei, dreht mal einen Film („Winterschläfer“ von Tom Tykwer zum Beispiel) oder spielt Rollen, die ihm zusagen, wie den Olaf in „Die Zeit und das Zimmer“ von Botho Strauß an den DT-Kammerspielen.

Nicht um Klischees einer abgestandenen Sozialkritik, in der die Jungen die Opfer der bornierten Alten sind, geht es ihm mit seiner Wedekind-Inszenierung, sondern darum, dass die Individualitäten der Figuren deutlich werden. „Ich glaube nicht, dass es Jugendliche in ihren Pubertätsnöten heute leichter haben als zu der Zeit, in der Wedekind das Stück geschrieben hat.“ War es im wilhelminischen Deutschland eine puritanische Sexualmoral, die das Frühlingserwachen sanktionierte, sorgen heute die Klischeebilder der Kulturindustrie, die sexualisierten, nie erreichbaren Vorbilder der Medien für eine tiefe Verunsicherung. Vor allem aber geht es Ulrich Matthes darum, „das Stück mit großer Leichtigkeit zu spielen“.

Gerade weil es von großen Gefährdungen und Gefühlskatastrophen handelt, wäre ihm jeder bedeutungsschwere Tiefsinn ausgesprochen unangenehm. „Thomas Bernhards Satz ,Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie’, ist extrem wichtig für mich, im Theater und im Leben“, sagt Ulrich Matthes zum Abschied. „Ich versuche grundsätzlich, in den härtesten Momenten eine latente Komik zu entdecken. Und in den heitersten Momenten sehe ich das Ende, den Schmerz, der dem Glück folgen wird.“

„Frühlings Erwachen“ hat am 10. Januar an den Kammerspielen des DT Premiere.

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