Kultur : Der Engel der Armen

Die Fotografie boomt wieder: Rekorde auf der New Yorker Auktionswoche

Matthias Thibaut

Kunst und Dokumentation, Fantasie und Realismus: Zwei Fotos, die zusammen die ganze Spannbreite und Spannung der Fotografie des 20. Jahrhunderts zeigen, erzielten bei Sotheby’s in New York in dieser Woche Rekordzuschläge. Und das bei nur einer von insgesamt fünf Foto-Auktionen, die in New York das Preisniveau für dieses Sammelgebiet dramatisch gehoben haben. Doch auch das Angebot war so reichhaltig und hochwertig wie schon lange nicht mehr.

Das eine Rekord-Foto ist eine Aktstudie Edward Westons, mit Schatten komponiert, entsprechend Westons Motto: „Die Kamera sieht mehr als das Auge“. Das andere stammt von der Fotografin Dorothea Lange, die in den Dreißigerjahren das Elend der Depression fotografierte und „die Fotografin des Volkes“ genannt wurde. „White Angel Breadline“ heißt das Foto. Menschen warten auf die Essensausgabe, die von einer wohltätigen Witwe, dem „weißen Engel“, organisiert wurde. Ein Mann wendet sich ab und gewinnt damit trotz seines Elends wieder individuelle Würde. Beide Fotos brachten bei Sotheby’s in New York nun Rekordpreise von 822400 Dollar und 684592 Euro, beide verdoppelten ihre Schätzungen, beide wurden von der führenden New Yorker Fotografie-Galerie Pace-MacGill erworben, mit hoher Wahrscheinlichkeit im Auftrag von Sammlern, die lieber anonym bleiben.

„Fotografenfotografie“ wurde im Gegensatz zur „Künstlerfotografie“, die in den Neunzigerjahren in den Galerien für zeitgenössische Kunst reüssierte, nach einer Hochblüte in den frühen Neunzigern stiller gehandelt. Nun rüttelte ein allein in seiner Fülle beispielloses New Yorker Angebot den Markt wieder aus diesem Dornröschenschlaf auf. Die klassische Fotografie ist ein anderes Sammelgebiet als die modernen Cibachrome Prints der Contemporary Art,  Auflagenwerke der Fotokunst, für die sich die Kunstsammler interessieren. Hier geht es in der Regel um sündhaft teure „Vintageprints“, die fast wie Unikate behandelt werden und ein hohes Maß an Kennerschaft voraussetzen. Von dem warmtonigen Weston- Platinabzug, den Sotheby’s vor dreißig Jahren einmal für 2700 Dollar versteigerte, gibt es außer dem nun verkauften Exemplar der amerikanischen Sammlung Schieszler nur noch drei andere frühe Originalabzüge. Kenner schätzen die Kostbarkeit der Textur und identifizieren solche Abzüge nach dem verwendeten Papier und den Chemikalien. Noch rarer ist vermutlich das Lange-Motiv, das die Fotografin selbst dem Museum für Wissenschaft und Industrie in Chicago zum Aufbau einer dann nie realisierten Fotoabteilung geschenkt hatte.

Die Preise in New York waren enorm, doch die Liebhaber konnten trotzdem nicht widerstehen. 25 Millionen Dollar wurden insgesamt umgesetzt in den fünf Auktionen der beiden Tophäuser. Neben den Allgemeinauktionen gab es zwei außergewöhnliche und außergewöhnlich unterschiedliche Sammlungen im Angebot. Sotheby’s versteigerte die Sammlung von Joseph und Laverne Schieszler, und Christie’s hatte gleich zwei Extraangebote, einen Katalog mit den oft übersehenen Blumenfotos des berüchtigten Richard Mapplethorpe  („Poppy“ war mit 132000 Dollar am teuersten)  und die Sammlung des Deutschen Gert Elfering. Dieser war, bevor er in Miami als Unternehmer zu Geld kam, Fotograf und Bildredakteur und gründete dann in Berlin die Galerie „Camera Works“.

 Elfering gehört zur ersten Generation derer, die moderne Modefotografie für sammelwürdig hielten. Er habe nun ein Kind und müsse deshalb „umdekorieren“, sagte der Ex-Galerist, der hier wohl auch alte Galeriebestände verkaufte. Die Sammlung erzielte 7,1 Millionen Dollar – glatt das Doppelte der Schätzung für 142 Lose. Vier 1990 „psychedelisch“ eingefärbte Beatles-Abzüge von Richard Avedon, „The Beatles, London, England 1967“, wurden einem Sammler für 464000 Dollar zugeschlagen. Irving Penns „Woman in Maroccan Palace“ kostete 307200 Dollar. Es gab Rekorde für den Modefotografen Horst P. Horst (216000 Dollar für das Unikat „Mainbocher Corset“, die Rückenansicht einer Frau) und ein Selbstporträt des Fotografen Peter Beard (192000 Dollar).

Ganz anders im Charakter ist die kleine Schieszler-Sammlung bei Sotheby’s: Nur 34 Fotos, aber alles ausgesuchte Klassiker, die dann mit einer Ausnahme zugeschlagen wurden und 4,7 Millionen Dollar brachten,  durchweg also Preise, die den Vergleich mit Contemporary Art nicht zu scheuen brauchen. Da waren lupenreine Klassiker wie André Kertész’ Interieurstudie – das Los mit der höchsten Schätzung, das dann aber mit 464000 Dollar eher maßvoll blieb – oder Alfred Stieglitz’ Porträt der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe  für 352000 Dollar.

Teuerstes Los der Woche wurde die Sammlung der 1500 Indianerfotos von Edward S. Curtis: ein ab 1907 aufgelegtes Subskriptionswerk in 20 Bänden, von denen 272 vollständige Folgen gedruckt wurden. Zum ersten Mal sprang ein solches Set mit 1,4 Millionen Dollar über die Millionengrenze, die Höchstschätzung lag bei 600 000 Dollar. Es ist der Aufbruch in eine neue Preisregion.

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