Kultur : Der Entertainer

HELLMUTH KARASEK

Es gibt zwei Harald Juhnkes, mindestens zwei. Den zweiten kannten wir Jahre, ja Jahrzehnte aus den Schlagzeilen. Juhnke, wieder abgestürzt, Juhnke wieder aufgefangen, Juhnke randalierend beim Überschreiten der Promillegrenzen und die Meute der Reporter immer feste dabei, von Harald herbeigewunken, eingeladen, alle Schamgrenzen zu überschreiten - Tage später mag er sich die Augen gerieben haben, alles nicht so gesagt, nicht so gemeint, nicht so getan. Und da war was dran: Er war ja wirklich nicht bei sich, wenn er, erst zur Gaudi, später zum Entsetzen des Publikums "über die Stränge schlug, einen drauf machte, Fünfe gerade sein ließ".

Zuletzt, und da hörte der Spaß endgültig auf, der eigentlich nie einer war, sondern von Anfang an eine Krankheit, wurde ihm klar gemacht, und er hatte sich klar gemacht, daß er um sein Leben becherte. Es gibt keine Leber nach dem Tod. Er hatte in den Abgrund geblickt, den er so genial und kongenial als Falladas Trinker gespielt hatte, die letzte Station der Vorhölle Alkoholismus.

Und damit ist man beim zweiten Harald Juhnke, beim Schauspieler. Der blickt einen nicht aus den Schlagzeilen an, sondern läßt einen, wenn man Glück hat (und in den späteren Juhnke-Jahren hatte man mehr und mehr Glück) in sich hineinsehen, in das Geheimnis von Menschen, wie es nur die Schauspielerei sichtbar macht.

Juhnke ist Volksschauspieler. Nicht nur nach gängiger Meinung, sondern er ist es wirklich. Solche Schauspieler sprechen dem Publikum aus der Seele und aus dem Herzen (sie sind die geliebten Stellvertreter des Publikums); die Gefahr dabei ist und kann sein: Man schmeichelt denen, die man vertritt, schönt sie, indem man sie verniedlicht, verharmlost, "nett" macht: lauter nette Leute, die Nachbarn von nebenan. Schlawiner, aber nett, leichtfüßig gerissen, aber nett. Herz mit Schnauze, Schnauze mit Herz.

Die Verführung diesen netten Tausendsassa, für alle Möchtegern-Tausendsassas zu spielen, lag für Juhnkes Talente nahe. Er wurde geliebt, gemocht, die Menschen, die ihm zujubelten, empfanden ihn als ihresgleichen - da ist dann nur ein kleiner verführerischer Schritt, dem Affen Zucker zu geben, wie die Redensart für diese Art der Anbiederei über die Rampe hinweg heißt. Juhnke hat dieser Gefahr fast nie nachgegeben und das aus zwei guten Gründen. Einmal, weil er zu gewitzt dazu war. Witz als Talent, das ist auch immer Schärfe - Schärfe des Durchschauens. Der wirkliche Witz macht sich nicht gemein, er macht gemein. Und so hat Juhnke bei all der tänzerischen, tänzelnden Leichtigkeit, mit der er seine Rollen anging - er ist ein Kind der Swing-Ära und etwas Beschwingtes, Swingendes brachte er immer mit - immer auch Einblicke in die Bosheit und Gemeinheit gezeigt. Das Volk ist alles andere als tümlich, hat das Brecht umschrieben. Juhnke als Volksschauspieler war nie tümlich. Der zweite Grund liegt in der Biographie. Juhnke kommt aus dem Volk, das, was man in späteren Biographien die "einfachen Verhältnisse" nennt. Er ist im Nachkriegsberlin aufgewachsen, im Berlin der Ruinen, der Schieber, der Sektoren, des Kohldampfs - so konnte er ein Lebenlang darstellen (selbst wenn er Dandys und Parvenus spielte), daß einfache Verhältnisse alles andere als einfach sind. Andererseits, auch das hat Juhnke zu spielen verstanden: Das Leben ist zu kompliziert, um es immer ernst nehmen zu können.

Volksschauspieler, das hieße, wollte man es auf amerikanische oder englische Verhältnisse übertragen, auch Entertainer. Wo keine Gunst und Last des Subventionstheaters dem Schauspieler die Falten schweißtreibenden Tiefgangs in sein Gesicht furchen, man dient ja der teuren, der hohen Kunst, da weiß man besser, wie nah das Spielen auch am Tingeltangel, an der Music-Hall ist. Wie schwer es ist, leicht zu spielen, das weiß keiner besser als Juhnke - und viele seiner kleinen lustigen Sketche sind meisterliche Miniaturen aus der unendlichen Leichtigkeit des Seins.

In seiner mit Harald Wieser zusammen geschriebenen Autobiographie (die immerhin der heutige Bundeskanzler Schröder als damaliger Kanzler-Aspirant der SPD im "Spiegel" besprochen hat) gibt Juhnke eindrucksvoll Zeugnis davon, wo der Preis zu entrichten ist, den man als Entertainer, Volksschauspieler, als "unser aller Harald", dem alle dauernd auf die Schulter klopfen wollen, zu zahlen hat. Schauspielerei, das ist ein Beruf der rigorosen Entäußerung. Und wenn die Scheinwerfer ausgehen, der Vorhang gefallen ist, der Beifall verrauscht, der Film abgedreht, die Tournee beendet, dann, ja dann kommen die großen schwarzen Löcher. Juhnke schildert sie. Wie er nichts sein eigen nennt, außer den Rollen, die er spielt. Wie er ein entpersönlichtes Leben führt, dem er sich nicht zuordnen kann, das ihm bestenfalls Pause ist zwischen zwei Rollen, schlimmstenfalls Leere.

Und in diesem Vakuum sind sich die beiden Juhnkes begegnet, die wir kennen, der Juhnke, der triumphiert hat und geliebt wurde. Und der, der abgestürzt ist. Er weiß das inzwischen. Und so wirkt er erstaunlich gesammelt und zurückgenommen. "Wenn der Mensch hinten nicht mehr hoch kann, nennt er es innere Einkehr", so hat das Tucholsky genannt. Und den Witz von dem preußischen Offizier gibt es, der erzählt, er sei gestern "in sich gegangen". Und? fragt man ihn. "Auch nichts los", sagt er. Diesen Zustand hat Juhnke begnadet gespielt, und los war dann immer was. Ein Entertainer? Ein Entertainer! Und was für einer!

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