Kultur : Der Entfesselte

Hier singe ich, ich kann nicht anders: Der große Tenor Neil Shicoff gastiert in Berlin

Frederik Hanssen

Zum Beispiel Werther. Goethes rückhaltlos Liebendem fühlt sich Neil Shicoff nahe. „Männer, die kein ,Nein‘ akzeptieren und sich darum immer wieder selber Steine in den Weg legen, kann ich sehr gut verstehen.“ Seit 30 Jahren ist Shicoff für seine radikale Rollenidentifikation berühmt. „Nachdem ich die Titelrolle in Benjamin Brittens ,Peter Grimes‘ gesungen hatte, brauchte ich volle drei Monate, um mich wieder von der Figur trennen zu können“, erzählt der 57-jährige amerikanische Tenor. „Auf der Bühne bin ich immer wie entfesselt, da muss ich mich geradezu bremsen“, sagt er lachend. Um gleich darauf ernst hinzuzufügen: „Mich immer wieder in zerklüfteten Seelenlandschaften gebrochener Charaktere zu versenken, hilft mir, nicht selber in Abgründe zu stürzen.“

Tenöre, die sich nicht nur als Ritter vom hohen C verstehen, sind selten, echte Musiktheatermenschen, die zuerst an die Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung denken und erst dann daran, ob sie auf der Bühne gut aussehen. Darum wurde Neil Shicoff auch schon ein Jahr nach seinem offiziellen Debüt sofort an die Metropolitan Opera geholt. Die Musikzentren der Welt sind seitdem seine künstlerische Heimat, neben New York vor allem Wien, Zürich, Paris und München.

Auch an der Deutschen Oper hat er viel gesungen – dabei wäre er bei seinem ersten Engagement 1990 noch vor der ersten Vorstellung fast wieder rausgeflogen: Bei den Wiederaufnahme-Proben für Götz Friedrichs „Bohème“-Inszenierung sprang Shicoff im letzten Akt spontan auf, lief ein paar Schritte auf und ab – weil es ihm unlogisch erschien, dass Rodolfo, wie von der Regie gefordert, die ganze Zeit bei seiner todkranken Mimi auf der Bettkante hocken sollte. Götz Friedrich wurde fuchsteufelswild, forderte mit scharfen Worten Gehorsam vom widerspenstigen Tenor. Der aber verließ stattdessen türenknallend die Bühne. Dank sensibler diplomatischer Vermittlung der Regieassistentin Gerlinde Pelkowski kam es aber dann doch noch zu Shicoffs Berlin-Debüt – und die beiden willensstarken Männer waren sich fortan respektvoll zugetan.

Wenn Neil Shicoff jetzt an der Deutschen Oper den Rodolfo in Giuseppe Verdis „Luisa Miller“ übernimmt, wird er sich wieder ganz auf Friedrichs Stellvertreterin auf Erden verlassen: „Gerlinde ist genauso unerbittlich wie Götz es war“, sagt er – und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Denn der Sänger lässt sich gerne von Regisseuren mitreißen, die für ihre Konzepte kämpfen – „je verrückter, desto besser“. Manchmal fordert er sogar das Inszenierungsteam zu mehr Mut auf: Als sich John McVicar für seine Interpretation von „Hoffmanns Erzählungen“ bei den Salzburger Festspielen ausgedacht hatte, dass sich der Titelheld den ganzen Abend über Heroin spritzt, forderte Shicoff, dann müsse Hoffmann konsequenterweise am Ende an einer Überdosis sterben. „Die Buhs dafür kassierte bei der Premiere allerdings der Regisseur“, fügt er hinzu.

Für insgesamt acht Abende hat die Deutsche Oper Shicoff im Dezember und Januar verpflichtet: Neben „Luisa Miller“ (ab 26. Dezember) tritt er am 16. und 20. Dezember in der uralten Barlog-Produktion von Puccinis „Tosca“ auf sowie am heutigen Donnerstag und am 12. 12. in konzertanten Aufführungen von Charles Goundos „Roméo et Juliette“. Besonders freut er sich auf seine Partnerin in der Shakespeare-Veroperung: „Angela Gheorghiu hat einen völlig anderen Zugang zur Musik als ich, aber ihre Stimme ist einfach phänomenal. Ich genieße es, ihr zuzuhören, ganz wie ein echter Fan – und ich darf dabei noch neben ihr auf der Bühne stehen. Was für ein Privileg!“

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