Kultur : Der entzweigebissene Regenwurm

Berlin liegt eigentlich in Afrika: zu Besuch bei dem ungarischen Schriftsteller Otto Tolnai

Jörg Plath

Ein Besuch bei Otto Tolnai ist nicht ungefährlich. Zwar ist der 64-jährige Schriftsteller aus der ungarischen Minderheit im Norden Jugoslawiens ein sanfter Melancholiker. Aber es ist zu befürchten, dass er einen hineinzieht in seine Welt und man lange Zeit nicht wieder aus ihr herausfindet. Denn in der Tolnai-Welt ist alles miteinander verbunden.

Haben Sie Stift und Papier, fragt der Übersetzer mich als Erstes. Ich schüttle den Kopf, während Otto Tolnai erzählt, wie er sich einmal mit einem Freund in die Garderobe von Dizzy Gillespie schlich, um ein Interview zu führen. Als sie glücklich vor ihm standen, hatte keiner von ihnen Stift und Papier dabei. Und neulich auf dem Filmfestival in Palics, fährt er fort ...– und schon wir sind mitten drin im Tolnai-Kontinent und geraten immer tiefer hinein.

Otto Tolnai, hierzulande so gut wie unbekannt, in Jugoslawien und Ungarn als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren berühmt, ist Stipendiat des DAAD in Berlin und bewohnt mit seiner Frau die Wohnung eines afrikanischen Soziologen mitsamt großer Afrika-Bibliothek. „Ich habe mir vorgestellt, dass ich nach Afrika gekommen bin.“ Für den Stuttgarter Platz in Berlin-Afrika hatte Tolnai ein Wörterbuch mit zwei Einträgen vorbereitet: „Nebel“ und „Möwe“. Seine Deutschlehrerin brachte dann das Gedicht „Möwe“ von Christian Morgenstern mit, und am Stuttgarter Platz entdeckte Tolnai bald darauf eine Tafel: „Hier lebte Christian Morgenstern.“ Auch Berlin-Afrika ist nur ein Landstrich des Tolnai-Kontinents.

Ebenso wie Palics, der idyllische Kurort an der Grenze zu Ungarn, wo die Tolnais eine Jugendstilvilla bewohnen. Dort gibt es den „Blutsee“, und während der Jugoslawienkriege hatte Otto Tolnai „das Gefühl, dass das Blut von den Kriegsschauplätzen in diesen See lief.“ Eigentlich waren die Palicser Meteorologen sein Vorbild: „Ich wollte alles messen wie sie und in ein kleines Buch eintragen: den Tau an der Rose, am Gras und sonstwo. Dann habe ich bemerkt, dass ich den Stand des Blutes messe und nicht den des Taus.“ In den Trümmern des meteorologischen Instituts, das wegen seiner Sendestation von der Nato bombardiert wurde, fand Tolnai eine Laubsäge. „Sie sah aus wie eine Lyra.“

Tolnai begreift sich als „Orpheus vom Land“. Die Erzählungen in „Ich kritzelte das Akazienwäldchen in mein Heft“ (edition per procura), dem bisher einzigen auf Deutsch erhältlichen Buch von Otto Tolnai, sind den Menschen dort abgelauscht. Es sind Rhapsodien aus einer archaischen Welt. Ohne Klage, ohne Erklärung, ohne Psychologie steht Ungeheuerliches neben Anmutigem, Historisches neben Alltäglichem: Eine alte Frau heißt im Dorf die elfjährige Braut, weil sie mit 11 Jahren heiratete, ihr Mann am nächsten Tag eingezogen wurde und im Krieg fiel. Sie erinnert sich an ihr Leben und sitzt auf einer Schaukel, wo ihr „entzweigebissenes“ Rückgrat nicht schmerzt.

Das „Akazienwäldchen“ nahe der ungarischen Grenze steht mit Deutschland, seinen Konzentrationslagern und Spargelfeldern, mit dem Archipel Gulag und dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung. Der Erzählfluss mäandert wie die Kugel im Körper des Alten einer anderen Erzählung, immer wieder blitzen grässliche, surreale Bilder auf. Mehr als 30 Bücher mit Gedichten, Prosa, Kritiken und Stücken hat der 1940 geborene Tolnai seit 1963 veröffentlicht. Nach dem Studium von Literatur und Philosophie schrieb er Kunstkritiken für den ungarischsprachigen Rundfunk der Region und gab die Zeitschrift „Symposion“ heraus, deren politische Artikel ihm drei Jahre Haft auf Bewährung eintrugen. Zwei Zeitschriften gibt Tolnai heute heraus. Er hat zahlreiche Auszeichnungen wie den Brücke-Preis (1967 und 1980) und den Jozsef-Attila-Preis (1981) erhalten, aber darüber spricht er nicht gern. Lieber erzählt er Geschichten.

Über Deutschland etwa. Sein Bruder war Schweißer in Hamburg, Otto Tolnai stach bei Heidelberg Spargel. Die harte Arbeit und das schlechte Wetter lassen ihn noch heute stöhnen. „Einmal fuhr ich in die Stadt, um endlich die deutschen Philosophen zu sehen.“ Aber Tolnai fand sie nicht, und niemand schien ihn zu beachten. Nur einer sah ihn unverwandt an: „Ein Orang Utan.“ – Aber Herr Tolnai! – „Ich erfinde nichts.“

„Das massakrierende Kaninchen“ wird das Buch heißen, das demnächst auf Serbokroatisch erscheint. Tolnais hatten einmal ein Kaninchen, dass reihenweise Hühner tötete. „Es ist auch in Jugoslawien unverständlich, wie aus den freundlichsten Menschen der Welt Mörder werden konnten.“ Auch Nachbarfamilien in Palics wurden brutal ermordet. Tolnai trauert den Vielvölkerstaaten Jugoslawien und Österreich-Ungarn nach. Wo früher der Eiserne Vorhang war, erhebe sich jetzt die Schengen-Grenze. „Ich fühle mich wie ein Regenwurm, der in zwei Teile zerschnitten wird.“

Manchmal lässt Tolnais Phantomschmerz in Berlin-Afrika nach, wo der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész und der jugoslawische Emigrant Bora Cosic ein paar Straßen weiter wohnen. Dennoch: „Ich muss langsam wieder nach Hause, um zum Friseur zu gehen und die neuesten Geschichten von ihm zu hören. Er hat mich auch wissen lassen, wenn ich ihm den Flug zahle, kommt er gerne hierher und schneidet mir die Haare.“

Otto Tolnai liest und spricht mit Bora Cosic am 22. 11. um 19 Uhr im Zeughauskino, Unter den Linden 2

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