Kultur : Der Epochenbruch

CHRISTOPH FUNKE

Wenn Claus Peymann an dem von Bertolt Brecht und Helene Weigel 1949 gegründeten Berliner Ensemble eine Chance haben will, dann muß er die Truppe mit Übernahme der Leitung im Herbst 1999 verändern.So sagt es Stephan Suschke, noch bis Ende der nächsten Spielzeit Intendant des Hauses am Schiffbauerdamm.Und so empfinden es auch die Schauspieler, die dort seit Jahrzehnten arbeiten.Darum gibt es über die zuerst von der "B.Z." veröffentlichte Meldung, Peymann wolle sechs Schauspielern die Verträge nicht verlängern, nur deshalb Aufregung, weil sie so nicht stimmt.Zumindest einige der angeblich Betroffenen haben nach eigener Auskunft weder schriftlich noch mündlich ein entsprechendes Signal erhalten.Bei anderen, die aus der Zeitung erfahren, daß sie angeblich "entlassen" seien, ist Verärgerung wohl verständlich.Deshalb auch lehnt Geschäftsführer Peter Sauerbaum jede Stellungnahme mit Hinweis auf die Privatsphäre der Schauspieler ab.

Stephan Suschke seinerseits hält nichts von "Bunkermentalität".Peymann müsse die Möglichkeit bekommen, seine Vorstellungen zu verwirklichen.Der designierte Intendant hat im Juni an drei Tagen ausführliche Gespräche mit den Schauspielern geführt und Entscheidungen in großem Umfang noch nicht getroffen.Peymann ist ein Theaterdirektor, betont Suschke, der Formen kennt, respektiert und einzuhalten weiß.Aber er muß mit vielen Protagonisten nach Berlin kommen, weil die im "alten" Ensemble fehlen.Der noch amtierende Burgtheater-Direktor hat neben dem Neuaufbau des Ensembles auch einen Epochenumbruch zu vollziehen.Die vier in jener Meldung genannten Schauspieler stehen geradezu exemplarisch für die Geschichte des BE.Sie haben unter Helene Weigel, Ruth Berghaus, Manfred Wekwerth und Heiner Müller gearbeitet, sie sind Ensemblespieler besonderer Art, die neben vielen großen auch kleine Rollen verkörpert haben - mit hohem Arbeitsethos, ausgewiesenem Können, untadeliger Genauigkeit.

Dieter Knaup, 1929 geboren, seit 1954 am BE, spielte den Menenius Agrippa im "Coriolan", den Balicke in "Trommeln in der Nacht", den Sagredo im "Galilei".Annemone Haase, 1930 geboren, seit 1959 am BE, prägte sich als Geneviève in den "Tagen der Commune", als Celia Peachum in der "Dreigroschenoper", als Rita in Georg Seidels "Villa Jugend" und in kaum zählbaren anderen darstellerischen Aufgaben ins Gedächtnis.Stefan Lisewski, 1933 geboren, probt zur Zeit in Salzburg in Robert Wilsons Inszenierung von "Dantons Tod".Am BE spielt er seit 1957, war als Mackie Messer, als Gleb Tschumalow ("Zement" nach Gladkow von Müller), als Federzoni im "Galilei" zu sehen.Und schließlich Christine Gloger, 1934 geboren, seit 1959 im BE, mit Rollen wie Virginia ("Coriolan"), Johanna Dark ("Die heilige Johanna"), Theresa Carrar.Die Künstler-Biographien dieser Darsteller haben Gewicht.Sie sind nicht einfach beiseitezutun - aber Annemone Haase und Christine Gloger erkennen durchaus an, daß eine Erneuerung des Ensembles notwendig ist.Sie fühlen sich dem Theater verbunden, stehen ihm weiter zur Verfügung, in welcher Vertragsform auch immer.

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