Kultur : Der Erlkönigsweg

Richard Sennett empfiehlt Respekt gegen soziale Ungleichheit

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Von Mario Scalla

Als Theodor W. Adorno aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland zurückkehrte, schlug er sich damit herum, wie die theoretische Arbeit in einem wirtschaftlich zerstörten und intellektuell verkümmerten Land aussehen könnte. Die Antwort war sein Buch „Minima Moralia“. In ihm betrieb er jene „traurige Wissenschaft“, die dem Zustand der Gesellschaft angemessen war, denn diese verlangte nicht nach soziologischen Reflexionen, sondern versuchte in emsiger Betriebsamkeit das Bewusstsein der eigenen Beschädigung zu überspielen. Analogien zu Richard Sennetts neuem Buch „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“ drängen sich auf. Die Soziologie ist wieder eine traurige Wissenschaft; sie steckt in der Krise, und der gesellschaftliche Bedarf an ihr ist gering. Sennetts Strategie ähnelt der seines großen Vorgängers, mit dem er neben der Neigung zu Reflexionen über scheinbar nebensächliche Dinge ein besonderes Verhältnis zur Musik teilt. Adorno registrierte, wie schlecht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen bestellt ist und schrieb emphatisch über die „Courtoisie“, jene aristokratische Form der Höflichkeit, die in der Kammermusik überlebt hat und als Muster für eine glückliche Sozialbeziehung gelten kann. Sennett, der seine Karriere als Cellist wegen einer Handverletzung aufgeben musste, kehrt nun immer wieder auf Schuberts Vertonung von Goethes „Erlkönig“ in der Interpretation von Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore zurück. Sie ist ihm der Beleg dafür, dass eine soziale Beziehung erfolgreich sein kann, wenn jeder respektiert, dass auch mal der andere im Vordergrund steht.

Recherche statt Anklage

Aber glücklicherweise steht uns nicht eine neuerliche Forderung, das Leben möge sich doch endlich der Kunst angleichen, ins Haus. Sennett weiß, dass damit die Probleme erst anfangen. „Die Gesellschaft ist ein Gebilde aus ungleichen Elementen“, schrieb Georg Simmel, und Sennett beschreibt, welche Formen diese Ungleichheit annehmen kann. Doch er zitiert keine Statistiken und rechnet nicht auf, um wie vieles das Vermögen von Bill Gates das Bruttosozialprodukt mehrerer afrikanischer Länder übersteigt. Informationen wie diese, immer gut für eine kurzfristige Empörung, lassen sich bei Noam Chomsky und anderen nachlesen. Sennetts Buch ist keine flammende Anklage, sondern eine akribische und bedächtige Recherche.

Zwei klassische Antworten liegen zum Problem sozialer Ungleichheit vor. Linke Gesellschaftskritiker erklären meistens, es lasse sich beinahe naturgesetzlich durch materielle Zuwendungen und Fürsorge aus der Welt schaffen, Liberale dagegen insistieren auf individuellen Unterschieden, die zu kaschieren ein verblendeter Kollektivismus wäre. Durch eigene Erfahrungen in einer Sozialsiedlung, in der er zusammen mit seiner Mutter lange Jahre seiner Jugend verbrachte, kommt Sennett jetzt zu dem Schluss, dass zwischen beiden Positionen eine Vermittlung möglich ist.

Mit vielen Geschichten versucht er, seinen dritten Weg zu erklären, schreibt über die Scham von Benachteiligten, die Suche nach individueller Autonomie und die Angst vor Abhängigkeit. Seine Beispiele sind instruktiv, und die Schlussfolgerungen verraten einen sensiblen Intellektuellen. Die Argumentation etwa, soziale Abhängigkeit sei grundsätzlich positiv, es komme nur darauf an, Problemgruppen über behördliche Sozialprogramme mitbestimmen zu lassen und ihnen so das Gefühl zu nehmen, sie würden gönnerhaft bevormundet, leuchtet ein. Und seine Warnung vor der Neigung, sich vorschnell mit anderen Schicksalen zu identifizieren, ist ebenfalls lehrreich: „Wenn wir die irrige Identifikation unbehandelt lassen, verfangen wir uns in den Fallstricken eines selbstreferentiellen Verstehens – dann ist nichts außerhalb unseres Selbst real.“

Respekt kostet nichts

Ungleichheiten sollten also erstmal anerkannt werden. Erst dann kann eine emanzipatorische Politik einsetzen. Aber trotz vieler Einsichten bleibt Sennetts Buch unbefriedigend. Der Autor verzettelt sich in kleinen Erzählungen, generiert daraus keine schlüssigen, übergreifenden Thesen und kann auch nicht erklären, warum gerade Respekt als Schlüsselbegriff tauglich sein sollte. „Im Unterschied zu Nahrungsmitteln kostet Respekt nichts. Insofern stellt sich die Frage, warum auf diesem Gebiet Knappheit herrschen sollte.“ Mit solchen Einsichten ist der Soziologe eher ein väterlicher Freund, der Lebenserfahrung und Theorie in eine Balance zu bringen sucht.Doch seinem Buch ist die Unsicherheit, wie zur Zeit Theorie betrieben werden kann, tief eingeprägt. Sennett hat immer experimentiert. Untersuchungen über die Großstadt oder das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit stehen neben kulturhistorischen Abhandlungen. Seit „Fleisch und Stein“ von 1994 ignoriert Sennett Fachgrenzen. Er bevorzugt die lockere Form. Aus dieser Mischung ergab sich mit „Der flexible Mensch“ ein Bestseller. Mit seinem Versuch, diesen Weg des Erfolgs weiter zu gehen, hat Sennett einen gut lesbaren, soziologisch inspirierten Ratgeber geschrieben. Für einen Soziologen von seinem Format ist das allerdings zu wenig.

Richard Sennett: Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin Verlag, Berlin 2002. 344 Seiten, 19,90 €.

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