Kultur : Der Ermöglicher

Zum Tod des Musikproduzenten und Elvis-Entdeckers Sam Phillips

Christian Schröder

Der Rock’n’Roll wurde in einem Gebäude erfunden, das kaum größer als eine Garage ist. In dem Backsteinhäuschen an der Union Avenue 706 in Memphis waren Autokühler hergestellt worden, bevor der Radiomoderator Sam Phillips hier Anfang 1950 ein Studio für sein Label „Sun Records“ einrichtete. Die Firma warb mit dem Slogan „We record anything, anywhere, anytime“, für vier Dollar konnte jeder, der wollte, in dem Laden eine Platte aufnehmen. Im Sommer 1953 fiel Phillips ein gerade einmal 18-jähriger LKW-Fahrer auf, der ein Geburtstagsständchen für seine Mutter auf Vinyl pressen ließ. „Wenn ich einen Weißen finde, der die Stimme eines Schwarzen hat, könnte ich Millionen verdienen“, war der Produzent überzeugt. Und dieser Junge mit der sorgsam pomadisierten Haartolle besaß genau so eine Stimme. Was allerdings noch fehlte, war der passende Song für ihn. Ein Jahr sollte vergehen, bis Phillips den Blues-Heuler „That’s All Right, Mama“ entdeckte, der in den schwarzen „Race“-Charts schon ein kleiner Hit gewesen war. Er rief den LKW-Fahrer an, trommelte einen Gitarristen und einen Bassisten zusammen, und am 5. Juli 1954 waren innerhalb von wenigen Stunden „That’s All Right“ sowie die B-Seite „Blue Moon Of Kentucky“ im Kasten. Der Name des Sängers: Elvis Presley. Der Rest ist Musikgeschichte.

Aus den Millionen für Phillips wurde dann doch nichts. Nachdem Presleys Single „Baby, Let’s Play House“ bis auf Platz 15 der US-Charts geklettert war, musste er seine Entdeckung schon Ende 1955 für 35000 Dollar zum Giganten RCA ziehen lassen. Phillips war ohnehin ein Idealist. Er wollte Songs von Leuten aufnehmen, „die sonst keine Chance hatten, Platten zu machen“. Er stammte wie Elvis aus einer armen Farmerfamilie, die Gospels der Schwarzen hatte er als Kind bei der Arbeit auf den Baumwollfeldern Alabamas kennen gelernt. Vor Elvis hatte er schon mit B.B. King, Howlin’ Wolf und Jerry Lee Lewis gearbeitet. Das Stück „Rocket 88“, das er 1951 mit Ike Turner aufnahm, gilt als allererste Rock’n’Roll-Platte. 1969 verkaufte Philipps sein „Sun“–Label, um fortan hauptsächlich die eigene Legende zu verwalten.

Jetzt ist der legendäre Produzent, der 1986 als erster Nicht-Performer in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen wurde, mit 80 Jahren in Memphis gestorben.

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