Kultur : Der Erniedrigte und der Beleidigte

Lachen, bis der Arzt kommt: Jack Nicholson und Adam Sandler bestehen Peter Segals „Wutprobe“

Jens Mühling

Alles kann dieser Teufelskerl spielen – sogar ein Nichts. Als Jack Nicholson in Alexander Paynes „About Schmidt“ den Verlierer Warren Schmidt gab, wirkte das zunächst wie eine brutal gegen den Strich gebürstete Besetzung. Stets hatte man Nicholsons Talente in seiner Bedrohlichkeit, seiner Manipulationskraft, seinem Charme erlebt. Warren Schmidt dagegen: ein Einsamer. Man zweifelte, ob Nicholson das durchhalten würde: eine Rolle ohne inneres Brodeln, ohne Machtdemonstrationen, ohne sardonisches Grinsen. Er hielt durch – und selbst in Schmidts jämmerlichsten Momenten verlieh Nicholson seinem Helden einen winzigen Rest von Würde.

Doch in Nicholsons Spiel ist Ruhe immer nur das Vorspiel eines umso heftiger losbrechenden Sturms. Und da Nicholson jetzt einen ganzen Film lang Ruhe gegeben hatte, konnte es im nächsten eigentlich nur laut werden. In Peter Segals „Die Wutprobe“ – schon der deutsche Titel kalauert gewaltig – spielt Nicholson den temperamentvollen Psychotherapeuten Dr. Buddy Rydell, eine Koryphäe auf dem Gebiet des „Anger Management“ (so der Originaltitel). Durch ein Missverständnis wird dem Wut-Therapeuten der schüchterne Dave Buznik (Adam Sandler) als Patient zugewiesen. Ein aufbrausender Therapeut, der einem sanftmütigen Patienten nicht existente Wutanfälle austreiben soll, das schmeckt verdächtig nach der Reißbrettskizze eines Hollywoodschen Buddy-Movies.

Dass es dann aber doch nicht halb so schlimm kommt, wie man befürchtet, ist maßgeblich Nicholsons Verdienst. Hinzu kommt jedoch die zweite schauspielerische Überraschung dieses Jahres: Adam Sandler. Der hatte bislang meist als wenig subtiler Comedy-Clown von sich reden gemacht, bis Paul Thomas Anderson ihn überraschend in der Tragikomödie „Punch Drunk Love“ spielen ließ. Sandler übte sich in Demut, drehte die Slapstick-Schraube um ein paar Windungen zurück und spielte den traurigen Clown so überzeugend, als hätte es für ihn nie eine andere Rolle gegeben. So gelang ihm etwas ganz Ähnliches wie zuvor Jack Nicholson: das schauspielerische Münchhausen-Kunststück, einen armseligen Helden am eigenen Schopfe aus dem Sumpf der Lächerlichkeit zu ziehen.

Nicholson als Erniedrigter, Sandler als Beleidigter – an beiden muss diese Erfahrung irgendwie hängen geblieben sein. „Die Wutprobe“ wurde offensichtlich als Maßanzug für den sanguinischen Charme des einen und die Klamaukqualitäten des anderen genäht – und natürlich als große Geldpresse für alle Beteiligten. Doch gelingt es beiden Darstellern, die alberne Story zumindest mimisch zu transzendieren: in schauspielerische Würde, die noch durch die plattesten Pointen hindurchscheint. Das macht „Die Wutprobe“ zwar nicht zu einem interessanten Film – zu vorhersagbar dieser Humor, der sich weitgehend auf Wutschnauben, Unterlippenzittern und Augenaufreißen verlässt. Aber vielleicht besteht das eigentliche Ziel einer „Wutprobe“ ja auch nur darin, zu demonstrieren, dass es Schauspieler gibt, die selbst beim Ausrasten nicht die Haltung verlieren.

In 30 Berliner Kinos

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